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Pandemie-Auswirkungen

Zwischen Schulden und Zwangsarbeit

von Aenne Frankenberger

In Kürze

Näherinnen und Näher in einer Textilfabrik in Bangladesch.

Näherinnen und Näher in einer Textilfabrik in Bangladesch.

Die Corona-Krise hatte verheerende Auswirkungen auf die Lebens- und Arbeitsumstände von Textilarbeitern in Entwicklungsländern. Modekonzerne und Regierungen ließen sie weitgehend im Stich.

Wie viele Branchen litt auch die Textilindustrie unter der Corona-Pandemie. Ein aktueller Bericht zeigt, wie die Pandemie die Lebens- und Arbeitsumstände von Textilarbeitern in den vier untersuchten Ländern Äthiopien, Honduras, Indien und Myanmar beeinflusst hat. Die University of Sheffield hat ihn in Kooperation mit der University of British Columbia, dem Modern Slavery and Human Rights Policy and Evidence Centre britischer Wissenschaftler und dem un­abhängigen Worker Rights Consortium in Washington veröffentlicht.

Den Autoren zufolge hatten internationale Modekonzerne mit schweren Einbußen zu kämpfen. Zu Beginn der Pandemie stornierten sie Bestellungen in den Textilfabriken, ohne auf ihre sozialen Verpflichtungen zu achten, und weigerten sich, ihre Zulieferer für bereits produzierte Ware zu bezahlen. Diese profitorientierte Strategie habe einen Dominoeffekt entlang der Lieferkette ausgelöst, an deren unterem Ende Zulieferer die Produktion herunterfuhren und Arbeiter eines von zwei Schicksalen ereilte: Suspendierung und Entlassung oder Gehaltseinbußen und schlechtere Arbeitsumstände.

Die Wissenschaftler befragten Arbeiterinnen und Arbeiter in Bezug auf ihre Jobsicherheit. Unter den von ihnen befragten Angestellten seien 72 Prozent noch dort beschäftigt, wo sie es auch vor der Pandemie waren. 17 Prozent hätten eine neue Stelle gefunden, und elf Prozent seien derzeit arbeitslos. Von den insgesamt 13 Prozent, deren Arbeitsverträge aufgelöst wurden, haben über zwei Drittel keine Abfindung erhalten. Davon seien besonders ethnische Minderheiten und Mitglieder unterer Kasten betroffen.

Verglichen mit der Zeit vor Corona, seien die Löhne in der Textilindustrie um durchschnittlich elf Prozent gesunken. Dies sei laut dem Bericht vor allem darauf zurückzuführen, dass Arbeiter, die ihre Stelle während der Pandemie behielten, weniger arbeiten oder keine Überstunden mehr machen konnten.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Schulden der Arbeiter in den vier untersuchten Ländern um durchschnittlich 16 Prozent gestiegen sind. In Äthiopien hätten sie sich fast verdoppelt. Die Anzahl der Personen ohne jegliche Ersparnisse sei um ein Viertel gestiegen. Die betroffenen Arbeiter müssten sich Geld leihen, um ihre Grundbedürfnisse zu decken.

Dabei hätten sie Schwierigkeiten, die Schulden wieder zurückzuzahlen. Während die meisten Betroffenen versuchten, mehr zu arbeiten, um ihren Schuldenberg abzutragen, verzichteten andere auf ganze Mahlzeiten. Besonders in Äthiopien nähmen die Verschuldeten neue Kredite auf, um alte abzubezahlen, und begäben sich damit in einen Teufelskreis. Die Befragten berichteten nicht nur von Gewalt und Drohungen durch Kreditgeber. Laut den Autoren führten die wachsenden Schulden auch dazu, dass Arbeiterinnen und Arbeiter mehr Gefahr liefen, Zwangsarbeit leisten zu müssen.

Diese Gefährdung zeige sich konkret darin, dass 35 Prozent der Befragten auf der Arbeit beschimpft würden, 24 Prozent bedroht und 22 Prozent ungerechten Gehaltsabzügen ausgesetzt seien. Manche seien zum ersten Mal so behandelt worden, bei anderen sei dies schon vor der Pandemie vorkommen, habe sich währenddessen jedoch verschlimmert. Am weitesten seien Anzeichen für Zwangsarbeit in Äthiopien verbreitet, resümieren die Autoren. Zudem berichtete über ein Drittel der Befragten von fehlenden Hygienemaßnahmen. Wegen mangelnder beruflicher Alternativen gebe es für die Arbeiter kaum Auswege aus dieser prekären Situation.

Im Verlauf der Pandemie versuchten manche Modekonzerne die Versäumnisse, die sie gegenüber den Arbeiterinnen und Arbeitern verursacht hatten, zu beheben. Doch Experten sind der Meinung, dass dies kein einfaches Vorhaben sei. Gründe, warum die Konzerne ihren sozialen Verpflichtungen doch noch nachkommen wollten, seien laut den Autoren verschiedene: Es gebe bei manchen Mitarbeitern individuelle Motivationen, die Modeunternehmen hätten ein Selbstinteresse an der Stabilität der Zulieferer, es gebe Geschäftsmodelle, die auf langjährige Partnerschaften setzen, und manche Länder hätten dies mit entsprechenden Regelungen eingefordert.

Regierungshandlungen haben die Bezahlung während der Lockdowns stark beeinflusst. In vielen Ländern, die den Textilunternehmen Corona-Zuschüsse auszahlten, hätten Textilarbeiter weiter ihren üblichen Lohn erhalten. Doch das sei nicht überall der Fall gewesen. Mittlerweile seien die Regierungsgelder knapp. In jedem Fall seien die Unterstützungsprogramme zeitbegrenzt und oft schwer zugänglich gewesen (siehe dazu meinen Beitrag im Magazinteil des E+Z/D+C e-Paper 2021/10).


Link
The unequal impacts of Covid-19 on global garment supply chains:
http://speri.dept.shef.ac.uk/2021/06/21/new-report-risk-of-forced-labour-in-clothing-industry-rises-due-to-pandemic-and-industry-response/


Aenne Frankenberger studiert Anglistik und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Gießen. Sie war bis Oktober Praktikantin in der E+Z/D+C-Redaktion.
[email protected]

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