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Honduras

Hoffen auf eine bessere Zukunft

von Rita Trautmann, Dennis Muñoz

Hintergrund

Migranten-Karawane aus Honduras  auf einer Autobahn  in El Salvador  im Januar 2019. Die Menschen versuchen, zu Fuß in die USA zu gelangen.

Migranten-Karawane aus Honduras auf einer Autobahn in El Salvador im Januar 2019. Die Menschen versuchen, zu Fuß in die USA zu gelangen.

Selten war Honduras so oft in der Presse wie in den vergangenen Monaten. Nicht die Proteste der Bevölkerung gegen die korrupte Regierung oder die Morde an Menschenrechtsverteidigern haben eine solche Aufmerksamkeit erregt, sondern die Karawanen tausender Männer, Frauen und Kinder aus Honduras. Sie haben sich zusammengeschlossen, um ihr Land zu verlassen mit dem Ziel USA.

Der Weg ist weit und gehört zu einer der gefährlichsten Migrationsrouten der Welt. Überfälle, Entführungen, Erpressungen und Verschwindenlassen sind einige der Gefahren. Drogenkartelle und Jugendbanden machen ein Geschäft mit den Menschen auf der Flucht. Eine Flucht mit ungewissem Ausgang, denn kurz vor dem Ziel liegt eine sehr gut bewachte Grenze. In Honduras weiß man das alles, und trotzdem machen sich die Menschen auf den Weg. „Wir fliehen aus Armut und wegen der Regierung“, sagt ein 35-Jähriger, „und wir fliehen auch wegen der Kriminalität“.

Hoffnungslosigkeit treibt die Menschen aus dem Land. Honduras ist eines der ärmsten Länder Lateinamerikas. In den vergangenen vier Jahren ist der Anteil der Armen in der Bevölkerung auf fast 66 Prozent gestiegen. Aber das ist nur eine von vielen Fluchtursachen. Hinzu kommen ein korruptes politisches System, das den Eliten, aber nicht der Bevölkerung dient, eine gescheiterte Sicherheitspolitik, fehlende Arbeitsplätze und eine Wirtschaftspolitik, die auf die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen statt auf Landreformen setzt.

Korruption ist parteiübergreifend und zieht sich durch alle Bereiche. 2015 wurde einer der größten Skandale aufgedeckt, bei dem dem Sozialversicherungsinstitut Millionen von Lempira für die Wahlkampagne der damals wie heute regierenden Nationalen Partei entwendet wurden. Dies löste eine Protestwelle in der Bevölkerung aus. Auf die Forderung, eine Anti-Korruptions-Mission ähnlich der Kommission CICIG in Guatemala einzuberufen, antwortete die Regierung mit der Unterstützungsmission gegen Korruption und Straflosigkeit (MACCIH). Sie steht nicht wie die Kommission in Guatemala unter der Schirmherrschaft der UN, sondern ist bei der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) angesiedelt.


Gefährdete Korruptionsbekämpfung

Obwohl die MACCIH nicht selbst ermitteln darf, sondern die Generalstaatsanwaltschaft lediglich unterstützt, hat sie einige Steine ins Rollen gebracht. Die Wirkung ihrer Arbeit lässt sich auch daran messen, wie stark die Mission von der Regierung und den Eliten behindert und angefeindet wird. Aktuell ist die MACCIH in ihrer Existenz so stark gefährdet wie noch nie. Im Herbst 2019 müsste die Vereinbarung dazu zwischen der Regierung von Honduras und der OAS verlängert werden.

Offiziell gibt es keine Aussagen seitens der Regierung, aber immer wieder werden von Staatsfunktionären und Abgeordneten der Nationalen Partei Verlautbarungen bekannt, die das Ende der MACCIH nahelegen. So sagte beispielsweise der Präsident des Obersten Gerichtshofes kürzlich, dass er die Aufgabe der Mission als erfüllt ansehe. Viele der im vergangenen Jahr aufgedeckten Fälle werden jedoch bis Ende 2019 nicht komplett bearbeitet sein. Zu groß sind die Netzwerke von Scheinfirmen, Scheinorganisationen und Abgeordneten, die systematisch den Staat schröpfen – ob im Gesundheitswesen oder im Landwirtschaftsministerium, um nur zwei Fälle zu nennen.

Die Regierung von Präsident Juan Orlando Hernández hat in den vergangenen Jahren alle Institutionen im Staat unter die Kontrolle der Regierungspartei gebracht. Die kürzlich durchgeführten Reformen der Wahlgesetze blieben weit hinter dem Notwenigen zurück und sind eher Schönheitsreparaturen als tatsächliche Änderungen hin zu transparenten Wahlen. Die Krise nach den Wahlen im November 2017 hat deutlich gemacht, wie nötig eine Reform wäre und wie satt es die Bevölkerung hat, nicht ernst genommen zu werden. Die Regierung bemüht sich zwar sehr, ihre Politik als Erfolg darzustellen, aber die Bevölkerung ist weder von der Sicherheits- noch von der Wirtschaftspolitik überzeugt.


Gescheiterte Politik

Auch das Justizsystem versagt. Ein Indiz dafür ist die Straflosigkeit vieler Täter: 94 Prozent der Morde allgemein und 97 Prozent der Morde an Frauen (Femizide) bleiben straffrei. Die Femizidrate geht kontinuierlich nach oben. Dies ist ein Grund dafür, dass auch immer mehr Frauen Honduras verlassen. Eine von ihnen, Joselyn, begründet ihren Weg in die USA mit der Unsicherheit und Perspektivlosigkeit im Land: „Es gibt keine Arbeit, und wenn einer Arbeit hat, was dann? Der Lohn reicht nicht, um satt zu werden, und die Mareros (Anm. der Red.: Jugendbanden) nehmen davon noch Schutzgeld.“

Nur ein kleiner Teil der rund vier Millionen arbeitsfähigen Menschen hat einen Job. Die Regierung setzt auf Rohstoff- und Energiegewinnung zu Lasten indigener und ländlicher Gemeinden. Fast 40 Prozent der Beschäftigten arbeiten in der Landwirtschaft, davon die Mehrheit in der Subsistenzwirtschaft. Ihre Existenzgrundlage ist gefährdet. Ein knappes Drittel der Landesfläche sind bereits per Konzessionen an Unternehmen vergeben. Viele Gemeinden setzen sich gegen diese Projekte zur Wehr. Doch sie werden bedroht und kriminalisiert. Unter der aktuellen Regierung hat die Kriminalisierung sozialer Proteste zugenommen, und der Handlungsspielraum der Zivilgesellschaft wird stetig eingeschränkt. Allein im Jahr 2018 wurden mehr als 130 Menschenrechtsverteidiger angezeigt, und die Nichtregierungsorganisation COFADEH regis­trierte mehr als 700 Fälle von Bedrohungen.

Prekarisierung, Unterbeschäftigung und informelle Arbeit prägen die Lebenssituation vieler Honduraner. Hinzu kommt, dass knapp eine Million junger Menschen zwischen 12 und 30 Jahren weder zur Schule oder Hochschule geht noch arbeitet (siehe Beitrag von Rita Trautmann in E+Z/D+C ­e-Paper 2018/11, Schwerpunkt). Wer nicht von den Jugendbanden rekrutiert werden oder keine Belastung für seine Familie sein möchte, sucht sein Glück in den USA.

Dies ist erschreckend und legt die Vermutung nahe, dass es für die Regierung von Honduras rentabler ist, dass eine große Zahl von Menschen migriert und durch sie Rücküberweisungen ins Land kommen. Doch von den Tausenden aus den Karawanen seit Ende 2018 wird es nur ein kleiner Teil schaffen, sich in den USA ein neues Leben aufzubauen.

Migration aus Honduras in die USA gibt es seit Jahrzehnten. Neu ist die kollektive und damit sichtbare Auswanderung. Sie führt der Welt deutlich das Versagen der Regierung und ihrer Institutionen vor Augen.


Rita Trautmann ist Ethnologin. Sie war als Fachkraft für den Deutschen Entwicklungsdienst in Honduras tätig und ist seit 2011 in der Menschenrechtsarbeit zu Honduras aktiv. Die Originalzitate im Text stammen aus Interviews, die der Journalist Martin Reischke geführt und freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.
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Dennis Muñoz ist Menschenrechts­verteidiger und arbeitet seit Jahren zu Korruption und Straflosigkeit. ­Momentan lebt er im Exil.
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