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Biolandwirtschaft

Ernährung der Zukunft

von Sabine Balk

Hintergrund

Rakash Chinappa (vorne) aus dem Bundesstaat Karnataka ist einer von hunderttausenden Biobauern in Indien.

Rakash Chinappa (vorne) aus dem Bundesstaat Karnataka ist einer von hunderttausenden Biobauern in Indien.

Experten sind sich uneinig darüber, ob der Biolandbau die Weltbevölkerung ernähren kann oder ob industrielle Landwirtschaft vonnöten ist, um alle Erdenbürger auf Dauer satt zu machen. Die Anhänger des Ökolandbaus haben gewichtige Pro-Argumente, denen sich auch die konventionelle Landwirtschaft nicht völlig entziehen kann.

Für den Biolandbau sprechen vor allem die weltweiten ökologischen Schäden an Klima, Böden und Gewässern. Die neuesten Zahlen des UN International Resource Panel von 2018 belegen, dass die konventionelle Landwirtschaft für viele Umweltschäden verantwortlich ist, wie etwa für 60 Prozent des Verlusts an Artenvielfalt, 24 Prozent der Treibhausgas-Emissionen und speziell in Deutschland für den Verlust von 75 Prozent der Insekten innerhalb der vergangenen 30 Jahre (NABU, 2017). Diese beeindruckenden Zahlen präsentierte Hartwig de Haen, emeritierter Professor für Agrarökonomie der Uni Göttingen und ehemaliger Funktionär bei der Food and Agriculture Organization (FAO), im März beim III. World Organic Forum in Kirchberg an der Jagst. Er wies weiter darauf hin, dass 33 Prozent des weltweiten Agrarlands mäßig bis stark degradiert ist und dass 61 Prozent der Fischbestände erschöpft sind.

Für die Anhänger des Ökolandbaus ist klar, dass ihre Methode die einzige Antwort auf diese Probleme sein kann. De Haen gibt aber zu bedenken, dass der Ökolandbau vor einem großen Problem steht, bevor er aus dem jetzigen Nischendasein herauskommen kann: Er müsse sicherstellen, dass er die Menge der benötigten Lebensmittel bereitstellen kann. Dass dies möglich ist, dafür spricht, dass es in Entwicklungsländern noch viel ungenutztes Ertragspotential gibt, sagt der Agrarexperte. Zudem würden dort viele Kleinbauern ohnehin eine arbeitsintensive Anbauweise ohne großen maschinellen und chemischen Einsatz betreiben, also quasi biologischen Anbau, ohne dafür zertifiziert zu sein.

Als nachteilig für den Biolandbau sieht de Haen allerdings, dass er wegen geringerer Erträge mehr Land braucht, um dieselbe Menge an Nahrungsmitteln zu produzieren wie konventionelle Landwirtschaft. Derzeit hat der Biolandbau an der weltweiten Agrarfläche einen Anteil von lediglich etwas über einem Prozent. De Haen sieht die Möglichkeit, diesen Anteil auf 20 Prozent steigern zu können, ohne mehr Land nutzen zu müssen. Im Gegenzug müssten dann aber zwei Dinge geschehen:

  • eine Reduzierung von Verschwendung und Ernteverlusten um 25 Prozent,
  • die Verringerung der für Tierfutter genutzten Fläche um die Hälfte, denn derzeit werden 33 Prozent des Ackerlands dafür genutzt. Das bedeutet, dass die westliche Ernährungsweise mit fleischlastiger Nahrung zugunsten von viel mehr pflanzlicher Kost ersetzt werden muss.  

2050, wenn es erwartungsgemäß 10 Milliarden Menschen geben wird, diese durch Biolandbau ernähren zu können, ist für de Haen zwar noch immer unrealistisch, aber nicht unmöglich. Er glaubt eher an eine Mischform: „Wir brauchen eine intelligente Kombination von verbesserten konventionellen und biologischen Anbaumethoden.“

Dieser Ansicht widerspricht Hartmut Vogtmann auf dem World Organic Forum. Der Wissenschaftler ist ein Pionier der Biolandwirtschaft und war der erste deutsche Lehrstuhlinhaber für ökologischen Landbau an der Universität Kassel: „Der Mittelweg funktioniert nicht.“ Seiner Meinung nach liegt der Fehler im System, das auf linearem Wirtschaftswachstum gründet. In diesem System seien immer die Bauern benachteiligt. Sie wurden immer abhängiger von industriellen Produkten wie Düngern und Pestiziden. Alternative Methoden seien kaum erforscht, weil die Forschung hauptsächlich von den großen Chemiekonzernen wie Bayer bezahlt werde, die Interesse am Einsatz von Chemikalien und Hybridsaatgut haben. Vogtmanns Fazit: „Wir brauchen eine große Ernährungswende.“ Die Gesundheit sollte im Vordergrund stehen, nicht der Profit. Konventionelle Lebensmittel seien zu billig, weil die versteckten Kosten wie Umweltzerstörung, Verlust an Biodiversität, zu geringe Entlohnung der Bauern et cetera nicht eingerechnet werden. Er sieht nicht nur die Politik und Wirtschaft, sondern auch die Verbraucher in der Pflicht. „Alle müssen eine Verantwortung übernehmen, damit eine Veränderung der globalen Umweltpolitik möglich wird.“

Auch wenn Ökoprodukte in der westlichen Welt populär sind, machen sie in den Industrieländern noch immer nur einen geringen Anteil am Lebensmittelmarkt aus. In Entwicklungsländern existiert – bis auf wenige Ausnahmen (siehe Kasten) – dafür so gut wie kein Markt. Genaue Zahlen, wie hoch der Anteil des Ökolandbaus an der Agrarfläche und am Markt in einzelnen Ländern weltweit ist, liefert das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) aus der Schweiz. Es gibt jährlich zusammen mit der Internationalen Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen den Bericht State of Organic Agriculture in the World heraus.Dem zufolge hat Australien mit 58, 8 Millionen Hektar die größte ökologisch bewirtschaftete Landwirtschaftsfläche der Welt. Auf Platz 2 und 3 stehen Argentinien (3 Millionen Hektar) und China (2,3 Millionen Hektar). Obwohl der Bioanbau in den USA sehr gering ist, hat das Land den größten Markt für Bioagrarprodukte mit fast 40 Milliarden Euro im Jahr 2016. Das ist ungefähr die Hälfe des Gesamtmarktes von 80 Milliarden Euro. Nach den USA haben Deutschland (9,5 Milliarden Euro) und Frankreich (6,7 Milliarden Euro) den zweit- und drittgrößten Biomarktanteil.

Bei den Ausgaben für Bioprodukte gibt es interessanterweise wieder andere Konstellationen, wie Helga Willer, eine der Mitverfasserinnen des Berichts vom FiBL erläutert: Am meisten Geld geben die Schweizer mit jährlich 274 Euro pro Kopf aus, gefolgt von Dänemark mit 227 Euro und Schweden (197 Euro). „In Dänemark sind zum Beispiel 30 Prozent der Eier auf dem Markt bio, da kann man nicht mehr von einer Nische sprechen“, meint Willer.

In absoluten Zahlen ist Ökolandbau aber immer noch eine Nische, gibt die Wissenschaftlerin zu bedenken. Während der weltweite Anteil an Bioagrarprodukten 1,4 Prozent ausmacht, sind es in Entwicklungsländern nur 0,5 Prozent, in Europa immerhin 7,2 Prozent. Bei Entwicklungs- und Schwellenländern hat Argentinien den größten Biomarkt, gefolgt von China, Uruguay und Indien. Und, so betont Willer, „der Ökolandbau ist in den vergangenen Jahren weltweit enorm gewachsen und wächst weiter.“


Link
FiBL und IFOAM, 2018: State of Organic Agriculture in the world.
https://shop.fibl.org/CHde/mwdownloads/download/link/id/1093/?ref=1

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