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Humanitäre Hilfe

Rassismus und Ungleichheit: Agencies üben Selbstkritik

von Sabine Balk

Hintergrund

Sie haben Gutes im Sinn, sind aber privilegiert: Humanitärer Helfer im sudanesischen Darfur.

Sie haben Gutes im Sinn, sind aber privilegiert: Humanitärer Helfer im sudanesischen Darfur.

Humanitäre Organisationen haben mit Rassismus, Ungleichheit, Macht- und Privilegienmissbrauch zu tun, außerdem mit post­kolonialen Strukturen in Politik und Gesellschaften, in denen sie sich bewegen. Diese Probleme treten aber nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Organisationen auf. Die Helfer zeigen sich selbstkritisch und fordern einen Systemwandel.

Lina Srivastava war früher Entwicklungshelferin und berät heute Organisationen, wie sie mit Narrativen einen sozialen Wandel bewirken können. Ihr liegt am Herzen, für das Thema Privilegien und Machtmissbrauch im Umfeld von Nichtregierungsorganisationen (non-governmental organisations – NGOs) zu sensibilisieren. „Ich bin selbst privilegiert, weil ich in den USA geboren und aufgewachsen bin. Ich bin aber auch benachteiligt, weil ich eine farbige Frau bin“, sagt Srivastava.

Ihr zufolge herrschen im humanitären Bereich systematischer Rassismus, Sexismus und Selbstgerechtigkeit, und die Helfer profitieren von ihren Privilegien. Dies werde aber erst seit Kurzem überhaupt als Problem wahrgenommen. Lauren Reese vom DAI Center for Secure and Stable States erklärt das so: „Wir denken alle, dass wir durch unsere Arbeit Gutes tun, und das war wie eine Scheuklappe für die offensichtlichen rassistischen Ungleichheiten innerhalb unseres Sektors.“ Dabei könne man mit einem Blick auf die Geschichte erkennen, dass Vieles in der Entwicklungshilfe koloniale Wurzeln habe.

Reese erklärt, dass es eine „paternalistische Auffassung“ gab, dass Entwicklungsländer sich nicht selbst führen könnten und sie technische und finanzielle Hilfe brauchten, um Industrialisierung zu erreichen. Die Hilfe diente den Ländern des globalen Nordens aber auch dazu, die Kontrolle zu behalten, um diese Länder weiterhin als Absatzmärkte zu haben: „Die Struktur unseres Sektors bildet in vielerlei Hinsicht koloniale Strukturen nach. Wir haben eine mehrheitlich weiße Führung, und die Finanzmacht sowie Kontrollmechanismen obliegen überwiegend Weißen“, sagt Reese.

Diese Erfahrung machte auch Angela Bruce-Raeburn vom Global Health Advocacy Incubator, einer Organisation, die NGOs berät. Sie fühlt sich als schwarze Frau in den USA häufig diskriminiert, was sich bei ihren Arbeitgebern in der humanitären Hilfe fortsetzte. Darüber sprach sie auf dem humanitären Kongress 2020, der Ende Oktober erstmals virtuell stattfand. Anliegen der Veranstalter – darunter Ärzte ohne Grenzen und das Deutsche Rote Kreuz – war es, Macht, Privilegien, soziale Ungleichheit und Rassismus zu thematisieren und konkrete Ideen für Veränderungen zu entwickeln.

Bruce-Raeburn kritisiert, dass bei Jobvergabe auch in Hilfsorganisationen zu häufig „der weiße Mann der schwarzen Frau vorgezogen“ wird – unter dem Vorwand, er sei der qualifiziertere Kandidat. Schwarze Frauen dürften sich das nicht mehr länger gefallen lassen und müssten aktiv dagegen angehen. „Das wünsche ich mir für unsere Branche.“

Ein Problem sei auch, dass sich Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaften in der Arbeit der humanitären Hilfe widerspiegelten, bedauert die Menschenrechtsaktivistin Rahima Begum, die die Organisation Restless Beings mitgegründet hat. Sie arbeitet unter anderem mit Rohingya-Frauen und -Kindern in den Flüchtlingslagern in Bangladesch. Viele besonders Benachteiligte wie Flüchtlinge oder Dalits seien von Hilfe abgeschnitten.

Rahima Begum ist der Meinung, dass die humanitäre Hilfe zunächst „für die Bedürfnisse der Betroffenen konzipiert werden und von lokalen Einsatzkräften vor Ort durchgeführt werden sollte“. Sie wünscht sich, dass sich die humanitäre Hilfe in diesem Sinn wandelt.

Covid-19 verstärke derzeit Ungleichheit noch, etwa für Schulkinder. Die Corona-Krise entwickele sich zu einer großen Bildungskrise und benachteilige systematisch mittellose Kinder: Ein Drittel der Kinder auf der Welt hat laut der Kongressteilnehmerin Sandra Dworack, einer Oxfam-Bildungsexpertin, keinen Zugang zu Distanzlernen über TV, Radio oder Internet (siehe Claudia Isabel Rittel im Covid-19-Tagebuch des E+Z/D+C e-Papers 2020/10).

Deepak Xavier arbeitet ebenfalls für Oxfam und meint, dass ein zukünftiger Corona-Impfstoff vermutlich nicht allen Menschen zur Verfügung gestellt werde (siehe Jörg Schaaber in der Tribüne des E+Z/D+C e-Paper 2020/11). Dabei sei die Impfstoffforschung größtenteils von Steuern bezahlt. „Das bedeutet, der Impfstoff ist von Menschen für Menschen gemacht – und nicht für den Gewinn von Konzernen.“

Xaviers Fazit: „Die Menschen brauchen keine Entwicklungshilfe, sie brauchen Rechte.“ Nicht das humanitäre System an sich sei schlecht, es sei aber so konzipiert, dass es nur wenige begünstige wie INGOs oder Graswurzelorganisationen. Er plädiert: „Wir müssen eine Welt aufbauen, in der alle Menschen gleich behandelt werden, in der Chancen geboten werden und in der die Strukturen, die eigentlich nur für einige wenige funktionieren, abgebaut werden.“

Lina Srivastavas Konzept für Veränderung ist „echtes Zuhören“, und zwar vor allem den Betroffenen und den einheimischen Akteuren. Ihrer Ansicht nach ist es unmöglich, eine Strategie oder Lösung zu entwerfen, solange man die kulturellen und politischen Gegebenheiten, in denen die Menschen leben, nicht kennt. Als sie Mitglieder einer Organisation in Arusha, Tansania, fragte, wie ihre Lebensumstände seien, sei sie auf Erstaunen gestoßen. „Sie meinten, solche Fragen hätte ihnen noch nie ein westlicher Berater gestellt.“

Srivastava schlussfolgert: „Unser Sektor muss sich des Einflusses von Rassismus, Kolonialismus, sozioökonomischer Ungleichheit, geschlechtsspezifischer Voreingenommenheit und Patriarchat, der in seiner Machtstruktur verankert ist, entledigen.“ Dass darüber nun gesprochen wird, sei ein guter Anfang. Führungsaufgaben gehörten mehr in die Hände von schwarzen und indigenen Menschen. So ein Systemwandel dauere sehr lange, sei aber unvermeidlich.

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