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Lebensmittel

„Ausgewogene Ernährung“

von Shenggen Fan, Floreana Miesen

In Kürze

In China hat sich der Milchverbrauch pro Kopf in 20 Jahren verfünffacht.

In China hat sich der Milchverbrauch pro Kopf in 20 Jahren verfünffacht.

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Konsum von Milch und Fleisch drastisch gestiegen, vor allem in Ländern mit bislang geringer Nachfrage. Shenggen Fan vom International Food Policy Research Institute (IFPRI) beleuchtet im Interview mit Floreana Miesen Trends und Probleme in China und weltweit.

Ändern sich die Vebrauchervorlieben, oder sind die neuen Konsumgewohnheiten politisch gewünscht?
In China zum Beispiel ist der landesweite Milchkonsum immer noch sehr niedrig, vor allem im ländlichen Raum. Die Regierung weiß, dass Milch gesund ist. Die Steigerung von Milchproduktion und -konsum ist eine nationale Strategie, um die Ernährung zu verbessern und die Gesundheit zu stärken. Gleichzeitig steigert sie das Einkommen der Landwirte, und auch das ist gewünscht. In Bezug auf Fleisch denkt die Regierung wohl nicht an Ernährung und Gesundheit, sondern an die Lage der Bauern. Kleinbauern erhalten Unterstützung für die Rinder-, Schweine- und Hühnerhaltung. Tatsächlich steigt auch die Nachfrage. Immer mehr Leute können sich Fleisch leisten.

Welche Auswirkungen hat das auf das Leben von Hirten und Kleinbauern?
In China ist die Lage anders als in Afrika und anderen Entwicklungsregionen. In China haben Viehhalter meist genug Land und ihre Einkommen liegen über dem Durchschnitt der Landwirtschaft. In vielen benachteiligten Ländern sind die Hirten jedoch sehr arm und haben gewaltige Probleme. Es ist schwer, mit kleinen Herden Geld zu verdienen. Die Viehhaltung ist zudem zweitaufwendig. Viele Menschen wollen das nicht, denn sie können in der gleichen Zeit mit anderen Aktivitäten mehr Geld verdienen. Zudem gibt es Konflikte um Land. Um die Produktion zu steigern, müssen die Herden größer werden.

Essen Hirten und Kleinbauern ausreichend tierisches Eiweiß?
Viele Menschen in benachteiligten und abgelegenen Gegenden tun das vermutlich nicht. Tierische Produkte liefern aber nicht nur Protein, sondern auch wichtige Mikronährstoffe wie Eisen, Zink und Vitamine. Wir müssen ganzheitlich vorgehen, damit diese Menschen sich zuverlässig ausgewogen ernähren können:

  • Wir müssen darüber aufklären, was gute Ernährung ausmacht.
  • Wir brauchen soziale Sicherungsnetze, die arme Menschen in Notlagen schützen und ihre Produktivität unterstützen.
  • Ernährungsspezifische Interventionen müssen sicherstellen, dass alle Menschen sich gesund mit allen nötigen Vitaminen ernähren können.

Inwiefern bedroht die Verwendung von Getreide als Futtermittel die Ernährungssicherheit von Kleinbauern und armen Menschen?
Ich glaube nicht, dass das auf lokaler Ebene relevant ist, aber auf globaler oder nationaler Ebene kann es eine Rolle spielen. Wenn in einem Land viele reiche Leute plötzlich mehr tierische Produkte nachfragen, treibt das die Lebensmittelpreise zulasten der Armen in die Höhe. Aber Kleinbauern halten Tiere vor allem für sich selbst. Und sehr arme Menschen verwenden in der Regel keine Lebensmittel als Tierfutter, sondern nur Gras. Lokal gibt es deshalb keine Ressourcenkonkurrenz.

Aber wie sieht es auf der globalen Ebene aus? Nach einer Faustregel wird bis zu siebenmal mehr Getreide benötigt, um einen Menschen mit Fleisch zu ernähren, statt mit Getreide. Braucht die  Weltbevölkerung nicht eher Getreide für Menschen als für Tiere?
Die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten und stimmige Politik sollten uns helfen, der wachsenden Nachfrage nach Lebens- und Futtermitteln auf ausgewogene Weise zu begegnen. In Entwicklungsländern beobachten wir einen zunehmenden Bedarf an tierischen Produkten, aber weniger an Getreide. Das sollte sich positiv auf die Ernährung dort auswirken. In reichen Ländern könnte die Nachfrage nach Fleisch dagegen wegen Gesundheitsbedenken und geringem Einkommenswachstum stagnieren. Darüber hinaus können effizienter Ressourceneinsatz sowie Forschung und Entwicklung dazu beitragen, nicht nur genug Getreide, sondern auch nährstoffreiche Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und tierische Erzeugnisse zu produzieren.

Wie nützlich sind Appelle, den Fleischverzehr in reichen Ländern zu reduzieren?
Ich glaube nicht, dass wir Menschen verbieten sollten, Fleisch zu essen. Ich finde, wir brauchen angemessene Fleischpreise. Im Moment ist Fleisch zu billig, weil nicht alle relevanten Kosten wie etwa Umweltschäden erfasst werden. In westlichen Gesellschaften hat hoher Fleischkonsum auch zu mehr Herzkrankheiten, Diabetes und Fettleibigkeit geführt, was Kosten für Staat und Versicherungen impliziert. Das sollte in den Fleischpreisen enthalten sein. Grundsätzlich bin ich für eine ausgewogene Ernährung mit etwas Fleisch, etwas Gemüse, Obst, Milchprodukten und Bohnen.

Können Länder mit wachsendem Fleischkonsum ihren Bedarf selbst decken?
In China sehe ich noch Potenzial für Produktionssteigerungen zu diesem Zweck. Mit dem Stand der Technik kann die Züchtung verbessert werden. Das gilt auch für die Produktionsmethoden. Andererseits bedeutet erhöhte Produktion auch mehr Umweltprobleme. China importiert inzwischen Fleischerzeugnisse, insbesondere Rind und Schwein. Das hilft, die Nachfrage zu befriedigen und Chinas Umwelt zu schützen.

Tierische Lebensmittel wie Fleisch und Milch sind verderblich. Im aktuellen IFPRI-Bericht heißt es, lebensmittelbedingte Erkrankungen nähmen in den Entwicklungsländern zu. Grund seien Probleme auf in den landwirtschaftlichen Betrieben ebenso wie in Schlachthöfen und Verarbeitungsanlagen. Setzt die gesteigerte Nachfrage die Branche unter zu hohen Druck?
Ja, das stimmt teilweise. Die hohe Nachfrage hat zu intensiver Tierproduktion geführt, und Wechselwirkungen zwischen Mensch und Tier haben zugenommen. Das rasante Wachstum der Nachfrage erhöht das Risiko von Epidemien, weil Krankheiten von Tieren auf Menschen übertragen werden. Je mehr Tiere gehalten werden, desto mehr Menschen sind betroffen. Zudem sind Regulierungen und Institutionen in vielen Ländern noch recht schwach oder gar nicht etabliert.

Was muss geschehen?
Die Lösung sind wirksame Institutionen und Regelungen. In China beispielsweise wurden eine Fachbehörde eingerichtet und entsprechende Vorschriften verabschiedet. Nun gilt es, die neuen Regeln umzusetzen. Wichtig ist auch, die Kapazitäten der Produzenten, Händler, Verarbeiter und anderer Akteure in den Lieferketten zu stärken. Wer die Regeln einhält, sollte belohnt, und wer das nicht tut, bestraft werden. Die Modernisierung von Produktion und Verarbeitung ist wichtig. Größere Betriebe können zur Verbesserung auch der Lebensmittelsicherheit beitragen. Eine Eine-Kuh-pro-Farm-Strategie wird nicht funktionieren. Inspektoren müssen jedenfalls Hygiene und Lebensmittelsicherheit besser überwachen können.
 

Shenggen Fan ist Generealdirektor des International Food Policy Research Institute (IFPRI)
[email protected]

Link:
Global Food Policy Report 2014-2015:
http://www.ifpri.org/sites/default/files/publications/gfpr20142015.pdf

 

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