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Sinnloses Leid

Tempel wichtiger als Krankenhäuser

von Arfa Khanum Sherwani

Heutzutage

Zu Fuß nach Hause: Eine Wanderarbeiterin verlässt Anfang Mai Hyderabad.

Zu Fuß nach Hause: Eine Wanderarbeiterin verlässt Anfang Mai Hyderabad.

Die Anzahl der Corona-Infektionen in Indien hat Anfang August die Schwelle von 2 Millionen überschritten. Schon bald werden es 3 Millionen sein. Bis aus 1 Million 2 Millionen Fälle wurden, hat es in Indien nur 20 Tage gedauert – weniger als in den USA (43 Tage) und Brasilien (27 Tage).

Die 2 Millionen Infektionen waren nicht nur eine psychologische Marke. Sie zeigten auch das Versagen von Indiens Corona-Politik. Premierminister Narendra Modi rühmt seine Regierung zu Unrecht, Covid-19 besser zu managen als die „entwickelte“ Welt. Das Gesundheitsministerium wertet es als großen Erfolg, die Genesungsrate von Patienten über und die Todesrate unter dem globalen Durchschnitt gehalten zu haben. Aber Epidemiologen sind da anderer Meinung: Ihnen zufolge liegt die geringe Sterblichkeit an der vergleichsweise jungen Bevölkerung Indiens.

Man muss kein Gesundheitsexperte sein, um zu erkennen, dass mehr als 50 000 Tote in nur gut vier Monaten eine schreckliche Bilanz sind – vor allem nach der strikten, übers Knie gebrochenen Ausgangssperre. Modi verhängte am 24. März mit einer Frist von nur vier Stunden einen kompletten Lockdown. Millionen Wanderarbeiter saßen ohne Jobs, Essen oder Unterkunft in den großen Städten fest. Öffentliche Verkehrsmittel fuhren nicht mehr. So machten sich Scharen von Menschen zu Fuß auf den Weg in ihre Dörfer. Viele marschierten mehrere Tage lang – und allzu viele starben unterwegs.

In Indien gibt es groben Schätzungen zufolge rund 120 Millionen Wanderarbeiter aus dem eigenen Land. Sie kommen vom Dorf und arbeiten in den großen Städten. Der Lockdown wurde leider nicht dazu verwendet, die Gesundheitsdienste besser auszustatten und mehr zu testen. Die Regierung hat die Entscheidungsgewalt an sich gezogen, aber nicht adäquat auf die Herausforderungen der Pandemie reagiert. Das Leiden in Folge des Lockdown war daher größtenteils umsonst. Kaum wurden die Regeln gelockert, breitete sich das Virus rasch aus.

Im August wurde Innenminister Amit Shah positiv getestet. Er kam direkt in eine Privatklinik. Auch andere Politiker steckten sich an, außerdem Bollywood-Star Amitabh Bachchan. Die meisten prominenten Patienten erhalten eine gute medizinische Behandlung. Trotzdem haben zwei Minister im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Uttar Pradesh Covid-19 nicht überlebt.

Es ist bezeichnend, dass Innenminister Shah in eine Privatklinik gegangen ist. Das öffentliche Gesundheitssystem ist in einem schlechtem Zustand; es wurde lange vernachlässigt. Die große Mehrheit der Inder kann sich aber keine private Versorgung leisten. Rund 90 Prozent der arbeitenden Bevölkerung sind informell oder in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft beschäftigt.

Modis hindunationalistische Regierung interessiert sich mehr für Identitätspolitik als für soziale Dienstleistungen. Als das Land die Schwelle von 2 Millionen Infektionen überschritt, fand Modi noch die Zeit, den Grundstein für den Rama-Tempel in Ayodhya an der Stelle der 1992 zerstörten Babri-Moschee zu legen (zum Hintergrund siehe auch meinen Beitrag im E+Z/D+C e-Paper 2020/08, Schwerpunkt).


Arfa Khanum Sherwani ist leitende Redakteurin der unabhängigen indischen Website TheWire.
Twitter: @khanumarfa

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