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Verschuldung

Weltbank schlägt wegen Finanznöten Alarm

von Roli Mahajan

Hintergrund

Eine von Millionen Frauen: Die südafrikanische Haushaltshilfe Alphonia Zali wurde 2020 im Lockdown arbeitslos.

Eine von Millionen Frauen: Die südafrikanische Haushaltshilfe Alphonia Zali wurde 2020 im Lockdown arbeitslos.

Die Coronakrise hat Finanznöte auf allen Ebenen – von Privathaushalt bis Staat – verschärft, wie die Weltbank in ihrem aktuellen World Development Report 2022 berichtet. Armut und Ungleichheit haben sowohl innerhalb von Nationalstaaten als auch international zugenommen.

Der Bericht warnt, Covid-19 habe schwere und andauernde ökonomische Folgen, die Entwicklungsländer besonders beträfen. Für einen gerechten globalen Aufschwung sei die Gesundheit von Finanzwirtschaft und Staatshaushalten entscheidend.

Die Pandemie hat die Wirtschaft massiv belastet. Es gab Millionen von Toten, massenhaft Jobverluste, Firmenpleiten und Schulschließungen. Die Krise deckte laut Weltbankbericht bestehende Schwächen auf, verschärfte sie und erschütterte das soziale Gefüge vieler Länder. Seit Jahrzehnten habe die Schuldenlast in keinem einzelnen Jahr mehr derart schnell zugenommen. In Ländern mit niedrigen und mittleren Durchschnittseinkommen sei die Gesamtverschuldung 2020 um neun Prozent der jeweiligen Wirtschaftsleistung gestiegen. Die durchschnittliche Quote des Jahrzehnts davor habe nur 1,9 Prozent betragen. Betont wird, dass die finanzielle Gesundheit von Haushalten, Unternehmen, Finanzinstitutionen und Staaten eng verwoben ist, sodass wachsende Risiken in einem Bereich die gesamte Volkswirtschaft destabilisieren könnten.

Privathaushalte und Firmen

Laut Weltbankdaten konnten 2020 über die Hälfte der Privathaushalte nach gravierenden Einkommensverlusten ihren Grundkonsum nicht länger als drei Monate aufrechterhalten. Die Geldreserven durchschnittlicher Unternehmen hätten derweil nicht einmal 51 Tage lang gereicht.

Benachteiligte Bevölkerungsgruppen traf es besonders hart. Ihre Ersparnisse waren gering, und Geringqualifizierte konnten typischerweise nicht von zu Hause arbeiten. Generell konnte, wer von anfänglichen Verlusten besonders hart getroffen wurde, Einbußen auch nur besonders langsam ausgleichen. Junge Menschen und Frauen waren besonders betroffen. Die Weltbank schätzt, dass 42 Prozent der Frauen weltweit, aber nur 32 Prozent der Männer ihre Jobs verloren. Frauen arbeiteten nämlich mit größerer Wahrscheinlichkeit in Branchen, die von Lockdowns und strengen Abstandsregeln beeinträchtigt wurden. Zugleich sei der Sorgeaufwand für kranke Angehörige sowie für Kinder, die nicht mehr in die Schule gingen, gestiegen.

Auch informelle und kleine Unternehmen litten Not. Die Weltbank schätzt, der informelle Sektor trage in Lateinamerika und Subsahara-Afrika mehr als ein Drittel und in Südasien mehr als ein Viertel zum Bruttoinlandsprodukt bei. Sein Anteil an der Beschäftigung ist noch höher. Typischerweise haben die betroffenen Firmen keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen, und das gilt auch für viele amtlich registrierte Kleinunternehmen.

Staatshandeln

Wie Nationalstaaten auf Corona reagierten, hing von der Stärke ihrer Banken und ihrer Staatsfinanzen ab. Eine große Palette von Maßnahmen war hilfreich – von Sozialleistungen über Kreditgarantien und diverse Zuschüsse bis hin zur Aussetzung von Schuldendiensten. Nicht alle Länder konnten sich derlei in gleichem Maße leisten, weshalb die Ungleichheit zwischen Staaten laut Weltbank deutlich zunahm.

Ausgaben zur Abfederung sozioökonomischer Pandemiefolgen steigerten jedoch die Wahrscheinlichkeit von Überschuldung, Finanzengpässen und Intransparenz in der Zukunft. Viele Regierungen nahmen zusätzliche Schulden auf, um laufende Kosten zu decken, was ihre künftige Finanzkraft schwächt. Laut Weltbank wird das unter anderem Folgen für die Gesundheits- und Bildungspolitik haben.

Dass die Zentralbanken von Ländern mit hohen Einkommen angesichts wachsender Inflationssorgen beginnen, die Leitzinsen zu erhöhen, wird die Probleme weiter zuspitzen. Steigende Zinsen machen es aber schwerer, Staatsschulden zu bedienen, sodass hochverschuldete Länder besonders unter Druck geraten werden. Seit der globalen Finanzkrise waren die Zinsen ungewöhnlich niedrig.

„Debt Distress“ bedeutet, das ein Schuldner Zahlungspflichten nicht mehr erfüllen kann. Die Weltbank erkennt dafür weltweit wachsende Anzeichen. Im Lauf der Pandemie hätten sich die Staatsschuldenratings von 51 Ländern – darunter 41 Entwicklungsländern – verschlechtert.

Die Fachleute von der multilateralen Institution loben die Debt Service Suspension Initiative (DSSI) der G20 (Gruppe der 20 größten Volkswirtschaften). Sie hat den Schuldendienst von Ländern mit niedrigen Einkommen zeitweilig ausgesetzt. Der Bericht warnt aber, dass mehr geschehen müsse, denn in der Hälfte der Länder dieser Kategorie habe schon vor der Pandemie Schuldenstress bestanden. Die Lage habe sich verschärft. Obendrein hätten auch Länder anderer Einkommensgruppen ernste Probleme (siehe Kathrin Berensmann auf www.dandc.eu).

Die Weltbank rechnet damit, dass sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene neue Probleme sichtbar werden, wenn die Corona-Unterstützungsmaßnahmen zurückgefahren werden. Einige davon dürften wegen Wechselwirkungen zwischen den Privathaushalten, Unternehmen, Banken und öffentlichen Haushalten überraschend auftreten.

Politikempfehlungen

Der World Development Report fordert, Finanzrisiken müssten möglichst schnell erkannt werden. Schuldenstress müsse auf allen Ebenen – von nationalen Haushalten bis zu Mikrofinanzdienstleistern – reduziert werden. In vielen Fällen werde sich die Gesamtschuldenlast ohne Umschuldungen als exzessiv erweisen und Aufschwung verhindern. Außerdem müsse die internationale Staatengemeinschaft mehr tun, um allen Menschen und Unternehmen Zugang zu Finanzdienstleistungen zu verschaffen.

Die Weltbank rät Hocheinkommensländern, ihre Stützungsmaßnahmen nur vorsichtig einzustellen, um weltweite Turbulenzen zu verhindern. Besondere Beachtung verdienten dabei die Bedürfnisse kleiner und mittlerer Unternehmen, die für internationale Lieferketten besonders wichtig seien. Den Entwicklungsländern ­empfiehlt die Weltbank dagegen, Finanzpolster zu schaffen, aber dabei die Schaffung von Human- und Sachkapital nicht zu kompromittieren.

Der Bericht erschien, bevor russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, und geht folglich auf mögliche Konsequenzen gar nicht ein. Er beschäftigt sich auch nicht tiefgehend mit der Klimakrise, lobt aber Öko- und Sozialanleihen in Nigeria und Chile. Er hält auch grundsätzlich fest, dass Staaten in der Lage sein müssen, in die ökologische Transformation zu investieren, um Klimafolgen fair abzufedern. Eine spezifische Agenda wird aber nicht formuliert.

Daraus folgt, dass das weltweite Finanzszenario noch düsterer ist als im Weltbank-Dokument beschrieben. Das heißt, es ist noch schwerer geworden, wieder „neu und besser aufzubauen“. Dass das nötig ist, stellte Achim Steiner, der Chef des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP – UN Development Programme), schon im vergangenen Sommer fest (siehe Achim Steiner auf www.dandc.eu).


Link
Weltbank, 2022: Finance for an equitable recovery. World Development Report 2022.
https://www.worldbank.org/en/publication/wdr2022


Roli Mahajan ist freie Journalistin und lebt im nordindischen Lucknow.
[email protected]

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