Buch
Gebet am letzten Abend vor der Flucht übers Meer
Dieser Beitrag ist der zweite unseres Kultur-Spezialprogramms für 2026 mit Rezensionen künstlerischer Werke mit entwicklungspolitischer Relevanz.
Am Vorabend der Flucht über das Mittelmeer sitzt ein Vater mit seinem kleinen Sohn am Strand und erzählt ihm von seiner eigenen Kindheit und der Schönheit seiner Heimatstadt Homs, bevor der Krieg in Syrien ausbrach. „In der geschäftigen Altstadt gab es eine Moschee für uns Muslime und eine Kirche für unsere christlichen Nachbarn und für alle einen herrlichen Suk“, schwärmt er. „Ich wünschte, auch du könntest dich an die Gassen mit den vielen Menschen erinnern, erfüllt vom Duft warmer Kibbehs, an die abendlichen Spaziergänge mit deiner Mutter über den Platz mit dem Uhrturm.“
Doch inzwischen kommt diese Zeit dem Vater vor wie ein Trugbild. In Syrien tobt der Krieg, Bomben fallen vom Himmel, Menschen hungern, werden unter Trümmern begraben, Freund*innen und Verwandte sterben. Das sind die Erinnerungen, die dem kleinen Marwan von seiner Heimat bleiben werden.
Vater und Sohn warten auf die Abfahrt des Bootes, gemeinsam mit anderen Syrer*innen und Menschen aus Afghanistan, Somalia, Irak und Eritrea. Babys weinen. Trauer und Wehmut mischen sich mit der Angst vor dem Schrecken des Meeres und dem Ungewissen. Sie alle müssen ihre Heimat verlassen, auf der Suche nach einem neuen Zuhause in einem fremden Land – wohl ahnend, dass sie dort ungebetene Gäste sind. Alle fürchten den Sonnenaufgang.
Der Vater redet seinem arglos schlafenden Jungen gut zu. „Du hast nichts Schlimmes zu befürchten“, sagt er, wohlwissend, dass dies nur „Worte, die Tricks eines Vaters“ sind, dem das Kind vertraut. Das bringt den Vater fast um, denn in dieser Nacht kann er nur daran denken, wie tief das Meer ist, wie riesig und teilnahmslos. Davor beschützen kann er seinen Sohn nicht – ihm bleibt nur, zu beten.
Inspiriert von Alan Kurdi
Khaled Hosseini fasst die existenziellen Sorgen des Vaters aus dessen Perspektive zusammen. Der sehr knappe, emotionale Text wurde mit Illustrationen von Dan Williams veröffentlicht; entstanden ist ein kleiner, berührender Band. Inspiriert wurde das Werk vom Tod des dreijährigen Alan Kurdi, der im September 2015 auf der Flucht vor dem Krieg in Syrien im Mittelmeer ertrank und an der türkischen Küste angeschwemmt wurde. Das Bild des kleinen Jungen am Strand ging um die Welt. Gewidmet ist das Büchlein all den Tausenden von Geflüchteten, die auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung im Mittelmeer ertrunken sind – und noch immer ertrinken, während die Welt wegschaut.
Khaled Hosseini selbst wurde 1965 in Kabul geboren. Nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan floh er mit seiner Familie ins Exil in die USA. Der Arzt und Schriftsteller („Drachenläufer“, „Traumsammler“) ist seit 2006 Sonderbotschafter des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) und gründete die Khaled Hosseini Foundation, die Menschen in Afghanistan humanitäre Hilfe bietet.
Buch und Links
Hosseini, K., 2018: Am Abend vor dem Meer. Frankfurt, S. Fischer Verlag. Übersetzt von Henning Ahrens. Mit Illustrationen von Dan Williams.
Der Originalband erschien 2018 unter dem Namen „Sea Prayer“. Der englische Text ist verfügbar unter: medium.com/we-the-peoples/sea-prayer-14ff7f564e3a
2018 produzierte der Guardian einen illustrierten Film dazu: theguardian.com/world/2017/sep/01/sea-prayer-a-360-story-inspired-by-refugee-alan-kurdi-khaled-hosseini
Dagmar Wolf iist Redaktionsassistentin bei E+Z.
euz.editor@dandc.eu