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Afghanistan

Kleine Erfolge

Die Entwicklung Afghanistans muss von unten wachsen. Das aber dauert länger, als vielen Geberorganisationen lieb ist. Wenn sich die Bevölkerung nicht maßgeblich an Vorhaben beteiligt, wird der Wiederaufbau aber nicht gelingen – ob im Rahmen des größten nationalen Rekonstruktionsprogramms oder unterstützt von lokalen Entwicklungsfonds. Erste Fortschritte lassen sich im Bezirk Warsaj im Nordwesten des Landes beobachten. [ Von Hannelore Börgel ]

Im Städtchen Warsaj wurde mit deutscher Förderung eine Mädchenschule errichtet. In zwei Schichten werden 1000 Mädchen in sechs neuen Räumen unterrichtet. Die Schule ist bereits zu klein für den Andrang der Schülerinnen. Deswegen findet der Unterricht zum Teil draußen statt. Es fehlt an Schulmaterial in afghanischer Sprache, aber auch an Lehrerinnen. Einige Schülerinnen der oberen Klassen sind daher gleichzeitig Lehrerin in den unteren Klassen. Lehrerinnen zahlt der Staat 2200 Afghanis im Monat – das entspricht 44 Dollar.

2003 startete die afghanische Regierung das Nationale Solidaritätsprogramm (NSP), um breitenwirksam den Aufbau der Zivilgesellschaft zu fördern (Börgel, 2004). Die Weltbank und andere internationale Geber unterstützen diese Politik. Trotz vieler Rück­schläge gibt das Programm den Afghanen Möglichkeiten, ihre Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen.

Die anfängliche Hoffnung der afghanischen Regierung, innerhalb von zwei Jahren ausreichende Anstöße zu geben, um wirtschaftliche Kreisläufe auf lokaler Ebene in Gang zu setzen, war von vornherein übertrieben groß. Nichtregierungsorganisationen und bilaterale Geber aber haben den Impuls aufgenommen, ein Prozess ist in Gang gekommen. Vier Jahre nach der Einführung des Programms sind erste Früchte sichtbar. Obwohl die Sicherheitslage die Ergebnisse schmälert, wurde gezeigt, dass Entwicklung auf lokaler Ebene gelingen kann. Sichtbare Zeichen setzen vor allem Infrastrukturmaßnahmen.


Lokale Entwicklungsräte

Zentraler Bestandteil des NSP sind die Entwicklungsräte (Development Councils). In diesen lokalen Gremien sitzen gewählte Gemeindevertreter. Kontrolliert werden sie von den auf drei Jahre gewählten Dorfversammlungen, den Shuras, in die jede Familie Repräsentanten schicken kann. Wer seiner Arbeit nicht nachkommt, wird abgewählt. Entschieden wird im Konsensverfahren oder auch per Mehrheit. Zwar dis­kutieren Frauen und Männer aufgrund der Geschlechtertrennung weiterhin getrennt. Der Austausch zwischen den getrennten Gremien findet jedoch dank Verwandtschaftsbeziehungen im Vorfeld wichtiger Entscheidungen im Entwick­lungsrat statt.

Die Räte werden demokratisch gewählt. Traditionelle Eliten versuchen aber immer wieder ihren Einfluss durchzusetzen. Daher spiegelt sich in den Gremien auch die Realität althergebrachter Herrschaftsstrukturen. Wichtig ist dennoch, dass die Geber mit den durch Wahlen legitimierten Räten kooperieren. Es dauert, bis Demokratie wirklich Fuß fasst, und wenn die internationale Gemeinschaft kleine Fortschritte nicht honoriert, wächst die Gefahr, dass Afghanistan weiter zum „failed state“ abgleitet.

Als größte Errungenschaft des NSP nennt der Vorsitzende eines Development Councils die Einführung eines Kassenwarts auf Gemeindeebene. Früher war der Dorfvorsteher für die Verwaltung der Finanzmittel zuständig, aber niemand wagte, ihn nach dem Verbleib des Geldes zu fragen. Seit die Funktion eines Kassenwarts installiert wurde, sei die Verwendung von jedem Cent auf der Gemeindeebene transparent geworden.

Das Programm ermöglicht die Zusammenarbeit mehrerer Dörfer. Im Distrikt Warsaj haben beispielsweise mehrere Dörfer beim Bau einer Landstraße kooperiert. Die Development Councils suchen mit den traditionellen Shuras die Arbeitskräfte aus. Folglich bestimmt jedes Dorf die Personen selbst, die den Straßenabschnitt auf seinem Gebiet bauen. Ist dieser Teil fertig, setzt das nächste Dorf auf seinem Territorium eigene Tagelöhner ein.

Bauarbeiter verdienen umgerechnet etwa vier Dollar am Tag. Durchschnittlich ernähren die Männer damit sieben bis zehn Personen. Manche von ihnen haben früher Geld im Iran verdient. Dort bekamen sie sechs Dollar am Tag, also etwas mehr als heute in Afghanistan. Die Differenz nehmen sie aber gern in Kauf. Denn der Weg in den Iran ist weit und Migranten sind dort derzeit unerwünscht. Viele Arbeiter sind auch froh, am Wiederaufbau ihrer Heimat mitzuwirken. Ein Nebeneffekt ist, dass das Verantwortungsgefühl der Bevölkerung für ihre Straße wächst.


Keine Waffen

Da Sicherheit eine Grundvoraussetzung für den erfolgreichen Wiederaufbau ist, sind im Distrikt Warsaj Waffen verboten. Die Bevölkerung begrüßt diese Anordnung des Distriktmanagers. Deutsche Soldaten und Soldatinnen treten in den Dörfern grundsätzlich in Uniform auf. Es fällt den Menschen nicht schwer, zwischen zivilen Entwicklungshelfern und Militärangehörigen zu unterscheiden. Das zurückhaltende Auftreten der deutschen Soldaten vermittelt den Bewohnern ein anderes Bild militärischer Praxis als sie aus den vergangenen Jahrzehnten von Russen, Warlords und heute aus Fernsehbildern aus dem umkämpften Süden gewohnt sind.
Der afghanischen Bevölkerung scheint es nicht wichtig zu sein, welche deutsche Organisation den Brunnen oder die Gesundheitsstation baut und wer die Information aus dem Dorf mitgenommen hat, dass sie eine Schule benötigen. Ihr kommt es darauf an, dass etwas geschieht und die örtlichen Anliegen ernst genommen werden.

Die Einwohner des Distrikts beteiligen sich mit ihrer Arbeitskraft an den Projekten, zum Teil wird sie auch auf eigene Initiative hin aktiv. Die Jungenschule in Warsaj etwa haben die Einwohner selbst gebaut. Die Bundeswehr besorgte die Farbe. Für die Instandhaltung einer mit deutschem Geld reparierten Straße haben die anliegenden Dörfer selbst einen Plan ausgearbeitet. Für fünf Dörfer soll jeweils eine Person zuständig sein. Um sie zu bezahlen, soll bei Wartungsbedarf jeder Privathaushalt 0,10 bis 0,20 Dollar beisteuern.

Für Projekte, die den wirtschaftlichen Aufschwung ankurbeln würden, sind allerdings Investitionen notwendig. Ideen, welche Aktivitäten für Wachstum Distrikt sorgen könnten, gibt es längst. Die Vorschläge reichen vom Aufbau einer Seifenfabrik über die Herstellung von Geschirr und Plas­tikplanen bis zur Bearbeitung von Marmorsteinen. Ohne Anschubfinanzierung lässt sich derlei jedoch nicht machen. Erste Beratungen mit ausländischen Gebern liegen bereits drei Jahre zurück. Manch ein Geber lässt sich sehr viel Zeit mit seinen Zusagen.

Typischerweise stürzen sich Geber auf Maßnahmen mit schnell sichtbaren Ergebnissen. Allerdings ist die Zeit, in der vor allem solche Projekte gebraucht wurden, vorbei. Nötig sind längerfristige Maßnahmen – vor allem im ländlichen Raum. Dass es hier bislang kaum Fortschritte gibt, liegt laut United Nations Assistance Mission in Afghanistan nicht zuletzt an der Politik der kleinen und schnellen Projekte. So fand sich zum Beispiel kein Geber bereit, für einen Bewässerungskanal ein Million Dollar zur Verfügung zu stellen, obwohl dieser langfristig die Einkommenschancen der Bauern verbessert hätte.


Lokale Fonds

Seit 2006 gibt es in den Nordprovinzen Provinz- und Distriktentwicklungsfonds (PDF und DDF), die zurzeit nur von Deutschland finanziert werden. Die Entwicklungsräte der Gemeinden können Projektanträge bei den Fonds einreichen. Erste Ansätze solcher Fonds schuf das NSP 2003. Die Deutschen haben das Instrument im vergangenen Jahr weiter ausgebaut. Neu ist die paritätische Besetzung der Entscheidungsgremien mit Vertretern Deutschlands und Afghanistans. Mittlerweile interessieren sich auch andere Geber für dieses Modell. In anderen Provinzen ist dies Modell jedoch noch nicht eingeführt.

Dazu bedarf es auch der intensiven Mitarbeit der afghanischen Seite. PDF und DDF beziehen nämlich alle Ebenen der afghanischen Verwaltungsstruktur (Gouverneur, Ministerien, Development Councils) in Entscheidungsprozesse ein. Das stärkt Transparenz und Eigenverantwortlichkeit.

Manche Dorfbewohner sind drei Tage zu Fuß unterwegs, um ihre Anträge einzureichen. Das zeigt, dass solche Fonds die Schlüssel zu echter afghanischer „owner­ship“ bieten. Bedarf und Anträge übersteigen aber in den Nordprovinzen bereits das Volumen der Fonds. Manchmal werden Anträge abgelehnt, weil schlicht das Personal und die Mittel fehlen, um an Ort und Stelle die Voraussetzungen zu überprüfen. Entwick­lungspolitisch sind solche abschlägigen Bescheide kontraproduktiv.

Spuren von fast 30 Jahren Krieg sind in Afghanistan nicht in fünf Jahren zu beseitigen. Zehn bis zwanzig Jahre sind zu veranschlagen. Wichtig ist die Wiederherstellung und Konsolidierung der Sicherheit, um einen wirklichen Wiederaufbau zu schaffen.