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Rauschmittel

„Drogen sind in der DNA unseres Landes“

von Julian Quintero, Julia Jaroschewski, Sonja Peteranderl

Hintergrund

Kokaernte in Putumayo.

Kokaernte in Putumayo.

In Kolumbien scheint der Krieg gegen die Drogen gescheitert: Trotz Milliardenausgaben floriert der Drogenhandel, und sowohl die Fläche der Kokafelder als auch der Konsum im Inland steigen. Julian Quintero tritt mit seiner zivilgesellschaftlichen Organisation Acción Técnica Social (ATS) für eine alternative Drogenpolitik ein. Er will Konsumenten nicht kriminalisieren, sondern aufklären.

Welchen Einfluss haben Drogen auf Kolumbien?
Seit mehr als 40 Jahren sind Drogen hier ein alltägliches Thema. Der Marihuanamarkt ist in den 60ern entstanden, der Kokainmarkt kam in den 70ern und 80ern in Schwung, und später kam auch Heroin dazu. Kolumbien ist weltweit eines der größten Herkunftsländer von psychoaktiven Rauschmitteln. Drogen sind in der DNA unseres Landes.

Das klingt extrem.
Tatsache ist, dass Drogen und Drogenhandel alle Gesellschaftsschichten durchdringen – von den ärmsten Bauern auf dem Land, über die Mittelklasse bis hin zur höchsten Stufe der Politik und Militär. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 900 Polizisten wegen Verbindungen zum Drogenhandel verhaftet, also fast drei pro Tag. Kolumbien produziert für die Welt zwei der wichtigsten stimulierenden Mittel: Kaffee und Kokain. Kaffee ist legal und wird international geschätzt, aber Kokain ist illegal und Anlass für viel Konflikt.

Warum war der Krieg gegen die Drogen trotz Milliardenaufwand plus Militärhilfe und Aufrüstung durch die USA nicht erfolgreich?
Weil er von einer Illusion ausging. Seit zwei Jahrzehnten tun unsere Regierungen so, als könne der Drogenhandel beendet werden. Keiner wollte zugeben, dass das nicht geht, denn das hätte bedeutet, dass sie uns all die Jahre eine unrealistische Idee verkauft haben.

Wie haben sich die Friedensverhandlungen mit der FARC-Miliz auf den Drogenhandel ausgewirkt?
Koka wird weiterhin angebaut. Es wurde versucht, alles rosa zu zeichnen. Präsident Juan Manuel Santos bekam den Friedensnobelpreis, weil er den Bürgerkrieg mit der FARC beendet hat. Doch seit Juni 2018 ist der konservative Iván Duque, der den Friedensvertrag ablehnt, sein Nachfolger. Ob weiter finanzielle Hilfe aus der EU oder den USA fließt, ist sein Problem. Es wurde zuletzt viel investiert, um das Koka-Problem zu lösen. Bauern wurden Anreize gegeben, vom Koka-Anbau auf Kaffee oder andere Produkte umzusteigen. Doch das Budget reichte nicht, und es gibt auch kein Produkt, für das eine ähnliche lukrative Nachfrage bestünde wie für den Kokainrohstoff.

Für die Bauern bleibt das Drogengeschäft also die erste Wahl?
Wir haben in diesem Land das beste Klima, um Koka anzubauen. Zudem treibt Armut und Perspektivlosigkeit viele Menschen in das Drogengeschäft. Auf dem Land gibt keine gute Infrastruktur und kaum Bildungsangebote. Das nutzen die Drogenbanden aus. Leider setzt der Staat auf Gewalt statt auf soziale Inklusion. Zudem ist Korruption weit verbreitet; die Kartelle haben ja viel Geld. Schätzungsweise 20 Millionen Menschen weltweit konsumieren kolumbianisches Kokain, und die Nachfrage bleibt in Verbrauchsländern wie den USA stark. Folglich bleibt auch der Koka-Anbau wirtschaftlich attraktiv.

Was wäre eine Lösung?
Die bisherige Politik war nicht erfolgreich. Also sind neue Ansätze nötig. Unsere Projekte bei Acción Técnica Social setzen auf Schadensbegrenzung und Aufklärung. Wir arbeiten an einer Studie, wie man den Kokainmarkt bis zum Jahr 2034 regulieren könnte. Dann könnte der Staat die Kontrolle über Produktion, Transport, Vertrieb und Konsum gewinnen. Bislang überlässt der Staat den Drogengangs und Kartellen den Markt. In einem regulierten Markt könnten Koka-Bauern einer legalen Tätigkeit nachgehen, Zwischenhändler würden ausgeschaltet ,und der Koka-Anbau und die Qualität von Kokain könnten besser kontrolliert werden. Die Bedingungen für den legalen Bezug von Kokain – wer wie viel kaufen darf – müssten dann politisch festgelegt werden.

Drogen sind gefährlich – warum soll Regulierung besser sein als Verbote?
Es ist interessant zu beobachten, dass verschiedene Staaten weltweit dazu übergehen, Drogenmärkte zu regulieren, um die Schäden zu begrenzen. Das hat zwei Dimensionen: Erstens geht es darum, die Gesundheit der Verbraucher so gut wie möglich zu schützen, und zweitens darum, der organisierten Kriminalität einen Teil ihres hochprofitablen Geschäftsfeldes zu nehmen. Beides funktioniert. In den 30er Jahren haben wir das mit der Legalisierung von Alkohol gesehen, in den letzten Jahren geschieht das bei Cannabis. Seitdem der US-Staat Colorado Cannabis legalisiert hat, sind dort alle Problemindikatoren rückläufig, aber die Staatseinnahmen sind gestiegen. Verschiedene europäische Länder und Kanada experimentieren mit der kontrollierten Abgabe von Heroin an Süchtige – auf ärztliches Rezept etwa. Obendrein bekommen Abhängige sterile Spritzen, und es werden ihnen Räume zur Verfügung gestellt, damit sie das Rauschmittel in einem sicheren Umfeld konsumieren. Damit gibt es gute Erfahrungen, und ATS macht das in Kolumbien auch. Der Schwarzmarkt lässt sich nicht völlig verhindern, aber er kann stark begrenzt werden.

Lässt sich der Schaden von Drogenkonsum kurzfristig reduzieren?
Wir waren die Ersten in Lateinamerika, die Drogenanalysen bei Musik-Festivals angeboten haben. Wir informieren die Leute, welche Wirkung Drogen haben, und testen die Rauschmittel. Dann können sie selbst entscheiden, ob sie die Drogen nehmen oder nicht. Festivalveranstalter heuern uns an, weil sie die Gesundheitsrisiken reduzieren wollen. Unser Angebot ist billiger, als vier Krankenwagen und fünf Ärzte bereitzuhalten und dennoch einen Todesfall in Kauf zu nehmen.

Qualitätstests für illegale Drogen – warum lassen die Behörden das zu?
Wir hatten tatsächlich dafür von Anfang an staatliche Unterstützung. Das Projekt war 2007 Teil der nationalen Drogenstrategie. Unser Modell beruht auf dem Vertrauen der Drogenkonsumenten. Sie teilen uns mit, was sie gekauft haben – und wir geben ihnen Informationen, die ihrer Gesundheit zugutekommen. Wir haben mehr als 4200 Proben – vor allem von Ecstasy, LSD und Kokain – analysiert, so dass wir Trends auf dem illegalen Markt erkennen können. Unsere Beziehungen zur Polizei sind gut. Aufgrund unserer Informationen warnt sie Menschen, wenn gefährliche Substanzen im Umlauf sind.

Hat das kolumbianische Kokain tatsächlich so eine hohe Qualität, wie viele behaupten?
Es gibt Luxus-Kokain und durchschnittliches Kokain, das man auf der Straße kaufen kann. Für Letzteres zahlt man umgerechnet vielleicht zwei Dollar pro Gramm. Luxuskokain kostet fünf bis sechs mal mehr. Nirgendwo sonst ist Kokain so billig. Kokain vom Straßendealer ist oft schlecht. Meist ist es mit mindestens vier Stoffen gestreckt. Koffein ist fast immer dabei, auch die Arzneimittel Lidocain, Xylocain, Levamisol und Paracetamol sowie schlichter Glukosezucker sind gebräuchlich. Bei einem Straßendealer beträgt die Kokainkonzentration vielleicht 50 Prozent und manchmal sogar weniger als 15 Prozent. Die höchste Luxusqualität, die wir gefunden haben, war 98 Prozent Kokain.

Der neue Präsident Iván Duque ist ein konservativer Hardliner. Was bedeutet das für die Drogenpolitik?
Die Position von Iván Duque im Wahlkampf war gegen Fortschritte in der Drogenpolitik gerichtet. Er ist gegen die staatliche Regulierung von Cannabis, ob zu medizinischen Zwecken oder als Freizeitvergnügen. Er lehnt auch den Ansatz der Schadensbegrenzung ab. Er will zur Vernichtung von Kokafeldern mit Glyphosat zurückkehren. Noch ist aber nicht klar, wie er tatsächlich handeln wird, welche Versprechen er halten wird. Um zu gewinnen, musste er viele Bündnisse, komplexe Verpflichtungen und undurchsichtige Absprachen eingehen. Der globale Trend in der Drogenpolitik weist in die andere Richtung. Ich hoffe, dass formelle Dialogkanäle entstehen und auf der Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen diskutiert wird.


Julian Quintero ist Exekutivdirektor der zivilgesellschaftlichen Organisation Acción Técnica Social (ATS) in Kolumbien. Sie tritt für eine alternative Drogenpolitik ein.
[email protected]
Das European Journalism Centre (EJC) hat die Recherchen von Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl in Kolumbien unterstützt.

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