D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

- keine -

Afrikanische Perspektiven

Aus dem Schatten­dasein heraus

von Yvette Mutumba, Sabine Balk

Hintergrund

Der senegalesische Maler El Hadji Sy (links) mit einem Teilnehmer des Workshops kollektive Malerei im Weltkulturen Museum 2015.

Der senegalesische Maler El Hadji Sy (links) mit einem Teilnehmer des Workshops kollektive Malerei im Weltkulturen Museum 2015.

Die internationale Kunstszene ist westlich geprägt und vernachlässigt noch immer Kunst aus Afrika. Dennoch beginnt langsam ein Umdenken und afrikanische Künstler gewinnen an Bedeutung. Kunstexpertin Yvette Mutumba erklärt Sabine Balk, was zeitgenössische Kunst aus Afrika ausmacht und wie es Künstlern in ihren Heimatländern ergeht.

Worin liegt der Unterschied zwischen zeitgenössischer europäischer, afrikanischer oder asiatischer Kunst?
Ich verwende den Begriff afrikanische Kunst nicht und glaube auch nicht an seine Existenz. Denn er macht eine Kategorie auf, die es in der europäischen Kunst gar nicht gibt. Er impliziert nämlich, dass es einen bestimmten afrikanischen Stil gibt. Das ist aber nicht so. Dafür ist die Kunst aus Afrika viel zu heterogen. Es gibt unterschiedliche Ausdrucksformen und Prägungen von Malerei über Bildhauerei bis digitale Kunst. Performance-, Installationskunst und digitale Kunst sind Hauptrichtungen, und sie entsprechen sicher nicht dem Klischee, das viele von Kunst aus Afrika haben. Deshalb versuche ich von zeitgenössischer Kunst aus Afrika oder der Diaspora zu sprechen oder von Kunst aus afrikanischen Perspektiven, um zu sagen, sicher, da gibt es spezifische Hintergründe, die man gemeinsam hat, aber es gibt keine Einheitlichkeit, die einen afrikanischen Stil definiert. Das Einzige, was eine Prägung oder Gemeinsamkeit bei den verschiedenen Szenen auf dem Kontinent ausmacht, ist, dass in Subsahara-Afrika viele Länder etwa zeitgleich in den 1960er-Jahren unabhängig von ihren Kolonialherren wurden.

Welche Auswirkungen hatte das auf die Kunst?
Viele Künstler versuchten, sich selbst neu zu definieren und eine neue nationale Identität zu finden. Das verbindet viele Länder, aber die künstlerischen Ergebnisse sind wiederum sehr unterschiedlich. Auch, weil es ein Land wie Senegal gibt, das mit Léopold Sédar Senghor 1960 bis 1980 einen Präsidenten hatte, der selbst Dichter war und Kunst und Kultur enorm gefördert und 30 Prozent des Staatshaushalts dafür aufgewendet hat. Im Senegal haben also ganz andere Dinge stattgefunden als etwa in Uganda. Deshalb spricht man heute von afrikanischen Modernismen oder Modernen, ganz bewusst im Plural, um zu sagen, es gibt parallele, unterschiedliche Modernen. Manche Künstler haben sich in dieser Zeit ganz bewusst wieder auf das Traditionelle bezogen, andere Künstler haben etwas ganz Neues aus dieser politischen Zäsur gemacht.

Trotz einer positiven Entwicklung wird Kunst aus Afrika noch immer nicht ebenbürtig mit europäischer Kunst wahrgenommen. Woran liegt das?
Das kommt immer noch daher, dass der „Westen“ sehr lange die Kunstgeschichte geschrieben und definiert hat, was er als Kunst anerkennt und was nicht. Das hat dazu geführt, dass man die Kunstproduktion außerhalb nicht wahrgenommen oder als nicht gleichwertig betrachtet hat. Deshalb ist das, was im Weltkulturen Museum Frankfurt passiert ist, auch so speziell. Wir haben in den 1970er-Jahren schon damit angefangen, zeitgenössische Kunst aus Afrika zu sammeln und das Thema Mitte der 80er-Jahre als Sammlerschwerpunkt ausgerufen. Damals ist ein Aufschrei durch die Museumslandschaft gegangen. Keiner hat das verstanden, weil die Museen das nicht als gleichwertige Kunst angesehen haben. Das hat erst 1989 mit dem sogenannten „global turn“ langsam sich zu ändern begonnen. Da wurden die kunsthistorischen Narrativen erstmals hinterfragt und die Ignoranz gegenüber nichteuropäischer Kunst wurde kritisiert. Es gab erste größere Ausstellungen, die zeitgenössische Kunst aus Afrika gezeigt haben. Dann hat Anfang der 2000er Jahre mit dem Nigerianer Okwui Enwezor erstmals ein afrikanischer Kurator die documenta 11 kuratiert, und die großen internationalen Museen wie die Tate Modern in London fingen an, Kunst aus Afrika oder Lateinamerika auszustellen. Aber das ist immer noch nicht Normalität, sondern wir befinden uns noch in einem Prozess, alte Hierarchien in der Kunst zu überwinden.

Wie betrachten sich afrikanische Künstler heute?
Man kann heute jemanden nicht mehr dadurch definieren, woher er kommt. Es gibt Künstler, die sind in Lagos geboren, haben in London studiert und werden von einer Galerie in Mailand vertreten. Solche Leute werden häufig als „Afropolitans“ bezeichnet. Es gibt eine Tendenz, dass Künstler, wenn sie viel gereist sind oder woanders studiert und gelebt haben, in ihre Heimatländer zurückgehen, um die lokalen Strukturen zu unterstützen oder erst aufzubauen. Ihr Bestreben ist es, vor Ort etwas zu bewegen. Künstler stellen etablierte Strukturen in Frage. Warum sind New York, London oder Berlin die Zentren, um Karriere zu machen, und nicht Lagos? Außerdem wollen sie lieber zu Hause aktiv werden und dabei das Netzwerk, das sie im Ausland aufgebaut haben, dafür nutzen, ihren eigenen Art Space mit anderen Künstlern aufzumachen. Das ist ein neues Phänomen.

Wird Kunst internationaler?
Es gab schon immer eine internationale Vernetzung, aber die ist heute natürlich durch die technischen Möglichkeiten viel umfangreicher und einfacher umzusetzen. Es gibt eine verstärkte digitale Vernetzung und der Begriff „Global Art“ wird schon fast inflationär verwendet, um eine inklusive Kunstgeschichte zu formulieren. Die Kunstszene legt mehr Aufmerksamkeit auf zeitgenössische Kunst, was aber nicht heißt, dass es diese Kunst nicht schon vorher gegeben hat. Ich habe ein Problem damit, dass jetzt ein bisschen so getan wird, als hätten die Afrikaner erst kürzlich damit begonnen, Kunst zu machen, nur weil man es hier erst jetzt bemerkt. Der Senegalese El Hadji Sy, dem das Weltkulturen Museum Frankfurt gerade eine mehrmonatige Ausstellung gewidmet hat, hat auch schon in den 80er Jahren Workshops mit internationalen Künstlern gemacht. Und da gibt es natürlich noch andere Beispiele.

Welchen Einfluss hat der Entwicklungsstand eines Landes auf seine Kunstschaffenden und haben Künstler auch einen Einfluss auf die Entwicklung des Landes?
Das hängt natürlich kausal zusammen, das sieht man etwa in Südafrika, das eine starke ökonomische Basis hat. Aber ich würde es nicht allein davon abhängig machen. Länder wie Südafrika und Nigeria genießen vielleicht mehr oder größere internationale Aufmerksamkeit, aber das heißt nicht, dass in anderen Ländern nicht auch etwas passiert. In vielen Regionen gibt es Kunst, die einen gewissen Standard hat und nicht den gängigen Klischees afrikanischer Souvenirs- und Handwerkskunst entspricht. Auch in Ländern, die nicht so reich erscheinen, gibt es Geld und Eliten, die Kunst fördern. Die afrikanischen Eliten haben sich zwar lange nicht für Kunst interessiert, aber da findet ein Umdenken statt. Sie erkennen, dass es durchaus Sinn macht, in Kunst zu investieren.

Wann ist etwas Kunst oder „nur“ Kunsthandwerk?
Das, was auf den Touristenmärkten als Souvenirs verkauft wird, wird sicher auch vor Ort nicht als zeitgenössische Kunst wahrgenommen, sondern eher als Kunsthandwerk. Anders ist es ohnehin mit Video- oder Performancekunst. Da gibt es keine Massenproduktion und es kann nichts reproduziert werden. Wann ein Künstler wie viel wert ist, das sind wiederum eigene Dynamiken auf dem Kunstmarkt. Das hängt auch damit zusammen, wie gut ein Künstler sich vermarkten kann. Das gilt natürlich nicht nur für den afrikanischen Markt, sondern allgemein.

Ist in Afrika Kunst politischer als anderswo?
Tendenziell ja – vor allem in den 1960er-Jahren, als das Authentische in den Vordergrund rückte. Andererseits erlebe ich, dass bei den Leuten oft eine Erwartungshaltung da ist, dass sich Kunst aus Afrika mit Armut oder Aids oder dergleichen beschäftigen sollte. Kunst ist in afrikanischen Ländern aber genauso politisch oder unpolitisch wie in anderen Ländern auch. Natürlich gibt es Künstler, die sehr politisch sind, aber es gibt auch solche, die einfach ästhetisch arbeiten – manche sogar bewusst, weil es diese Erwartungshaltung gibt.

Können Künstler zur Entwicklung eines Landes beitragen, haben sie eine Vorreiterrolle?
Es gibt bestimmte Künstler oder auch Kuratoren, die dafür eine wichtige Rolle spielen. Sicher trifft das aber nicht auf jeden Künstler zu. Es gibt in Südafrika beispielsweise Künstler oder Kollektive, die das Thema Homophobie ansprechen, das wird auch wahrgenommen und kann etwas bewirken. Es gibt auch im Kongo in Lubumbashi seit ein paar Jahren das Picha-Art-Center, das sich spezifisch mit aktuellen Themen wie den Problemen durch die ehemaligen Kupferminen auseinandersetzt. Die Künstler dort beziehen auch die lokalen Communities mit ein und sehen Kunst partizipatorisch. Sie leisten sicher einen wichtigen Beitrag.

Woher kommt das Geld für Kunst in Afrika?
Viel kommt aus dem privaten Bereich oder von Mittlerorganisationen wie dem Goethe-Institut oder dem British Council. Diese Organisationen haben noch immer eine große Relevanz in den lokalen Kunstszenen – und in dieser Form sind die ehemaligen Kolonialmächte immer noch präsent. Das wird auch in der afrikanischen Kunstszene teils sehr zwiespältig gesehen. Einerseits will man unabhängig sein, andererseits braucht man das Geld dringend. Aber es gibt auch eine Reihe junger Künstler, die das sehr pragmatisch sehen, die sagen, wir nehmen das Geld gerne, aber wir machen uns inhaltlich unabhängig und sind nicht Teil dieses Mittlersystems.

Wie angesehen sind Künstler in afrikanischen Ländern?
Das hängt ganz vom Land und von der Tradition ab. In vielen Ländern gab es schon eine Kunstproduktion, bevor sich die moderne Kunst entwickelt hat. Im Kongo gab es beispielsweise vom 16. bis zum 19. Jahrhundert das Königreich der Luba, die bereits anerkannte Skulpturenmacher beschäftigten, ähnlich wie bei uns die Hofmaler.

Wo kann man in Afrika Kunst studieren oder sich ausbilden lassen?
Punktuell gibt es funktionierende und anerkannte Kunsthochschulen. Das hängt natürlich wieder davon ab, wo man ist. Südafrika entspricht unserem Niveau, in Nigeria und Uganda gibt es Kunstschulen, die schon seit den 1960er-Jahren bestehen. Es gibt bestimmte Szenen, die für andere Künstler prägend sind wie Fotokunst und Südafrika. In Uganda ist es eher die Malerei, was mit der dortigen Kunsthochschule zusammenhängt. Es gibt auch viele Residency-Programme von Museen oder Stiftungen in aller Welt, wo Künstler eingeladen werden, für eine gewisse Zeit zu bleiben und vor Ort zu studieren und zu arbeiten. Das wird viel und gerne genutzt.


Yvette Mutumba ist Forschungskustodin für Afrika am Weltkulturen Museum, Frankfurt am Main. Sie promovierte an der University of London über das Thema zeitgenössische Kunst aus Afrika. Sie hat das Magazin für zeitgenössische Kunst aus afrikanischen Perspektiven „C&“ mitgegründet, das vom Auswärtigen Amt finanziert wird. http://www.contemporaryand.com
[email protected]
http://www.weltkulturenmuseum.de

 

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren