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Grundbildung

Alternative Adivasi-Schule

von Boro Baski
Indien gilt als zunehmend bedeutender Akteur in der globalen Wirtschaft. Bei den indigenen Völkern des Landes ist der Fortschritt jedoch noch nicht angekommen – dabei machen sie acht Prozent der Bevölkerung aus. Viele Kinder der Ureinwohnerstämme leiden unter dem Spagat zwischen ihrer Kultur und den von den Schulen vermittelten Mittelschichtswerten. Dieser Konflikt führt zu extrem vielen Schulabbrüchen, geringem Bildungsstreben und einem schwachen Selbstbewusstsein. Ein informelles Schulprojekt einer Stammes-NRO in Westbengalen zeigt, dass es auch anders geht. [ Von Boro Baski ]

Dem Bericht des Ministeriums für Human-Resources-Entwicklung in Indien (2004/2005) zufolge brechen 79 Prozent der indigenen Schüler in den ersten zehn Klassen die Schule ab. In den Bundesstaaten Westbengalen und Jharkhand, in denen viele Santal leben (siehe Kasten), liegt diese Rate sogar bei 88, beziehungsweise 89 Prozent. Diese Zahlen zeigen, wie es um die Bildung der Ureinwohner steht.

Die indische Verfassung sieht verschiedene Maßnahmen vor, die den Bildungsstand der indigenen Völker verbessern sollen. Dazu gehört der kostenlose und verpflichtende Schulbesuch bis zum Alter von 14 Jahren. Bildungsschwierigkeiten versucht man mit bi- oder multilingualen Programmen zu begegnen, wo zunächst in der Muttersprache unterrichtet wird, dann in der regionalen oder Bundessprache, schließlich auch in Englisch. Dieses Dreisprachenkonzept ist allerdings noch auf einzelne Pilotprojekte beschränkt.

Bildung der indigenen Völker ist eine immense Herausforderung. Es gibt in Indien 418 ethnische Gruppen und noch mehr Sprachen und Dialekte. Jede Gruppe ist durch Sprache, Essenskultur, Arbeitsweise und Geographie mit einer bestimmten Region verbunden. Diese kulturell unterschiedlichen Gemeinschaften über eine einzige Bildungspolitik zu erreichen, ist nahezu unmöglich.

Daher funktioniert – trotz guten Willens – die Bildungspolitik für die indigenen Völker meist nicht. Dauern solche systematischen Schwächen jahrelang oder gar über Generationen an, führt das zu sozialer Unruhe. Weil sie extrem unzufrieden waren, kündigte die Mehrheit der Stammesmitglieder in der Lalgarh-Region in Westbengalen dem lokalen Establishment im vergangenen Jahr die Kooperation auf. Die Medien sprachen von einer „Stammesrevolution“. Die in Kalkutta erscheinende Tageszeitung The Statesman brachte es auf den Punkt: „Der ,Lalgarh-Vorfall‘ … war das Ergebnis jahrelanger ineffektiver staatlicher Entwicklungspolitik für die Stammesregion.“

Herausforderung annehmen

Eines der Hauptprobleme bei der Erziehung der Santal ist, dass die staatliche Politik versucht, Minderheiten der Mainstream-Kultur einzuverleiben, und die Stämme ihre Identität nicht aufgeben möchten. Für die Santal-Kinder ist es ein ernsthaftes Dilemma, ihre eigene Kultur zurückweisen und die bürgerlichen Werte der Schulen übernehmen zu müssen. Die Folgen sind eine hohe Schulabbruchsquote, wenig Bildungsstreben und ein schlechtes Selbstwertgefühl.

Was man durch formale Bildung letztlich erreichen will, ist, dass die Menschen unter Konkurrenzbedingungen einen bezahlten Job haben könnten. Die Santal leben bescheiden. Sie haben einen anderen Begriff von Wohlergehen als der Mainstream. Sie drängen nicht mit allen Mitteln auf Erfolg. Das Leben der Santal ist nicht von der formellen Disziplin und Pünktlichkeit geprägt, die Schulen vom Einzelnen und der ganzen Familie verlangen. Ihre Dorfkultur bietet mehr Freiraum dafür, sich treiben zu lassen, als in der allgemeinen Bengali-Gesellschaft üblich. Jagen, Fischen, Herumstreifen, Trinken, Singen und Tanzen – all das gehört dazu.

Problematisch sind auch die Lehrmittel, der Lehrplan, das Benotungssystem, schlechte Unterrichtsqualität und mangelhafte Verwaltung. Alles scheint gegen die Santal-Kinder zu arbeiten. Etwa, wenn die Lehrer ihre Muttersprache Santali nicht beherrschen und in einer für die Kinder fremden Sprache sprechen. Sie müssen Unterrichtsstoff auswendig lernen, den sie nicht verstehen. So langweilen sie sich und hüten lieber die Kühe oder Ziegen der Familie.

Die wenigsten Lehrer haben Santal-Wurzeln. Sie stammen zumeist aus der Mittelschicht und kennen die soziokulturelle Lebenswelt der Kinder kaum. Dieses fehlende Verständnis führt zu ernsthaften Schwierigkeiten.

Angesichts dieser gravierenden Probleme hat die nichtstaatliche Organisation Ghosaldanga Adibasi Seva Sangha (GASS) 1996 in Ghosaldanga die informelle Stammesschule Rolf Schoebs Vidyashram (RSV) gegründet. Sie wurde nach einem Münchner Astrophysiker benannt, aus dessen Nachlass das nötige Geld für den Start des Projekts kam. Derzeit hat die Schule fünf Klassen – vom Kindergarten bis zur Vierten. Zudem gibt es ein Internat für Schüler der weiterführenden Schule.

Ich bin Mitbegründer dieser Schule und unterrichte auch heute noch dort. Die Schule liegt etwa zehn Kilometer entfernt von der Rabindranath-Tagore-Universität Visva-Bharati in Santiniketan und 150 Kilometer nordwestlich von Kolkata. Die Schule ist eines der Projekte der nichtstaatlichen Organisation GASS, die der deutsche Schriftsteller und Tagoreschüler Martin Kämpchen vor 25 Jahren gemeinsam mit dem gelehrten Santal Sona Murmu und einigen Dorfbewohnern gegründet hat.

Kinder aus elf Dörfern kommen zu der Schule, zu der ein großes Gelände mit Spielplatz gehört sowie eine Bio-Obstplantage, ein Fischteich, Ackerland und eine Bäckerei. Die Kinder werden zunächst in Santali unterrichtet, nicht in Bengalisch, der vorherrschenden Sprache der Region. Nach 18 Monaten wird der Unterricht langsam auf Bengalisch umgestellt. Das bengalische Alphabet wird von Anfang an benutzt. Das anfängliche Lernen in ihrer Muttersprache gibt den Kindern das nötige Selbstvertrauen, um mit dem mit Bengalisch und einer Schulwelt zurechtzukommen, die ihre Eltern meist nicht kennen.

Wir haben einige Santal-Fibeln erarbeitet, in denen bengalische Buchstaben und Zahlen durch Santal-Melodien vermittelt werden. Die Santal bekommen traditionell ihre Gebräuche und Rituale mündlich von den Älteren der Familie und der Gesellschaft überliefert. Sie lernen meist bei Gruppenaktivitäten in einer angenehmen Atmosphäre. Tanz, Musik sowie die Mythen, Folklore und Geschichte der Santal haben wir daher in unsere Lehrmethode integriert. Die Schule beginnt morgens nach Santal-Art mit Gebeten und Meditation. Dann lernen die Kinder, sie arbeiten im Garten, spielen, tanzen, malen, essen zu Mittag und kehren nach Hause zurück.

Unsere Lehrmethoden haben die Schulabbrecher-Rate drastisch gesenkt, die Kinder lernen mit Freude und Enthusiasmus. Die Dorfbewohner meiner Generation sind praktisch durchweg Analphabeten, heute lernen alle Kinder lesen und schreiben. Viele unserer ehemaligen Schüler besuchen erfolgreich höhere Schulen. Die Santal-Dorfbewohner beginnen, die Bedeutung von Bildung zu erkennen.

In das Internat gehen Schüler, die die Schule abschließen und ihre Ausbildung danach fortsetzen wollen. Oft ist es wegen ihrer Pflichten in der Familie und im Dorf schwer, sich diesen Traum zu verwirklichen. Ihre des Lesens nicht fähigen Eltern können sie weder beim Lernen unterstützen noch finanziell. Die Landwirtschaft ist aufwendig und es werden das ganze Jahr über verschiedene Feste und Rituale gefeiert – nicht gerade die ideale Lernumgebung.

Vorbilder

Daher gründeten wir 2006 ein „Heim“ für 15 Schüler. Die Idee ist, einige vorbildliche Schüler in unseren Dörfern heranzuziehen, als Inspiration für die anderen, ihnen gleich zu tun. Die formelle Schulbildung isoliert gebildete Santal häufig von ihrer Gemeinschaft, da sie ein anderes Wertesystem annehmen. Um das zu verhindern, sind Schule und Heim in der Nähe der Dörfer, damit die Schüler die Wochenenden zuhause verbringen können.

In den offiziellen indischen Schulbüchern wird über das Leben und Werk großer Inder geschrieben wie Rabindranath Tagore, Mahatma Gandhi und in der neueren Generation Amartya Sen, der nur sechs Kilometer entfernt von unserer Schule wohnt. Wir finden es wichtig, dass die Schüler zusätzlich zum Wissen über große nationale und internationale Persönlichkeiten auch etwas über das Leben guter und erfolgreicher Menschen aus der eigenen Gemeinschaft erfahren. Das fördert das Selbstvertrauen und den Stolz auf die Herkunft und das eigene Erbe. Santal-Schüler brauchen Vorbilder, mit denen sie sich identifizieren können.

Alle zwei bis drei Monate kommen Eltern in einem Forum zusammen, um über die Entwicklung der Kinder und der Schule zu sprechen. Sie machen sich auch auf dem Schulgelände nützlich, säubern die Bio-Obstplantage oder den Gemüsegarten oder planieren die Wege oder den Spielplatz. Sie zahlen auch eine geringe Schulgebühr. Wer kein Geld hat, gibt Naturalien wie Reis, Kartoffeln oder Gemüse. Die Eltern nehmen auch an den kulturellen Aktivitäten der Schule teil.

Immer wieder besuchen Freunde und Unterstützer aus verschiedenen Teilen Indiens und dem Ausland die Schule, um das Leben unserer Kinder kennen zu lernen. Im vergangenen Jahr gründeten Besucher aus Frankfurt am Main den Verein „Freundeskreis Ghosaldanga und Bishnubati e. V.“

Mit vielen Freunden, Schulen und sozialen Organisationen aus Bangladesch, Deutschland, Österreich und Großbritannien haben wir regelmäßigen Kontakt. So öffnet sich für unsere sehr lokalen Bemühungen um die Santal-Kinder immer wieder ein Fenster zur Welt.