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Grüner Aufschwung

Lateinamerikas Wirtschaft nachhaltig wiederbeleben

von José Siaba Serrate

Hintergrund

Lateinamerikas von Corona gebeutelte Wirtschaft braucht nachhaltige Investitionen, um langfristig zu florieren.

Lateinamerikas von Corona gebeutelte Wirtschaft braucht nachhaltige Investitionen, um langfristig zu florieren.

Um nach der Corona-Pandemie wieder zu Wohlstand zu kommen, hat Lateinamerika zu stark auf kurzfristige Maßnahmen statt auf eine langfristige umweltfreundliche Politik gesetzt. Die Region sollte ihre Ressourcen für eine breite Palette längerfristiger grüner Sanierungsansätze nutzen.

Um sich wirtschaftlich von der Corona-Pandemie zu erholen, müssen Lateinamerika und die Karibik (LAC) mehr tun, als viele andere. Die Pandemie hat die Region hart getroffen. Mit nur acht Prozent der Weltbevölkerung hat sie bislang fast ein Drittel aller Todesfälle (siehe hierzu Thuany Rodrigues auf www.dandc.eu).  

Auch die Ökonomie hat gelitten: 2020 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 6,8 Prozent – weltweit dagegen nur um drei Prozent. Die Erwerbstätigkeit ging 2020 in der LAC-Region um 16 Prozent zurück. Das war fast die doppelte Rate weltweiter Jobverluste.  Laut UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC – Economic Commission for Latin Amercia and the Caribbean) sind Armut und extreme Armut so schlimm, wie seit 12 bis 20 Jahren nicht mehr.

Die Region hat sich von der Pandemie kaum erholt. Um den Aufschwung zu beschleunigen, haben politisch Verantwortliche stärker auf kurzfristige Maßnahmen gesetzt, als auf für langfristiges Wachstum wesentliche Umweltprojekte. Das ist fehlgeleitete Politik. Die Bekämpfung des Klimawandels ist nötig für eine langfristige Erholung und kann sie sogar beschleunigen.                           

Umgekehrt gilt zugleich: Ohne Umweltschutz wächst die Armut vermutlich. Die Corona-Pandemie hat 4, 8 Million Lateinamerikaner in die extreme Armut getrieben; Schätzungen zufolge wird die Klimakrise dasselbe bis Ende des Jahrzehnts für weitere 5 Millionen bewirken. Hohe Bevölkerungsdichten in Risikogebieten machen die Region bei Naturkatastrophen besonders verwundbar. Andererseits braucht die Region auch wohlkonzipierte gesundheits- und sozialpolitische Initiativen.

Bisher beruht die Konjunkturpolitik der LAC-Regierungen zu wenig auf nachhaltigen Konzepten. 2020 stellten die 33 LAC-Länder 318 Milliarden Dollar für Konjunkturmaßnahmen bereit – davon aber nur 46 Milliarden Dollar für grüne Ansätze. Bei internationaler Zusammenarbeit liegt die Quote für Ökoprojekte mit 14,5 Prozent unter dem globalen Durchschnitt von 19 Prozent, wie das Global Recovery Observatory (GRO) – eine Initiative der Universität Oxford, des Umweltprogramms der UN (UNEP – UN Environment Programme), des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) – ermittelt hat.

Sicherlich kann die LAC-Region nicht mit den massiveren fiskal- und geldpolitischen Konjunkturpaketen höher entwickelter Volkswirtschaften mitziehen. Aber sie kann entscheiden, wie sie ihre Mittel einsetzt. Leider flossen laut GRO bislang 77 Prozent der regionalen Konjunkturhilfen in Kurzzeitprojekte und nur 16,1 Prozent in Langzeitprojekte.  

Auch bei den Konjunkturaufwendungen mit ökologisch nachhaltiger Ausrichtung hinkt die Region mit 0,5 Prozent der Gesamtausgaben der übrigen Welt mit 2,8 Prozent hinterher.

Auch in absoluten Zahlen ist der Vergleich extrem. Hochentwickelte Volkswirtschaften wiesen durchschnittlich 12 700 Dollar pro Kopf für die Post-Corona-Konjunktur zu; Schwellen- und Entwicklungsländer 650 Dollar, und die LAC hinkten mit nur 490 Dollar pro Kopf (Stand Mai 2021) hinterher.

Künftige Chancen

Zum Glück kann die Region die Kluft zwischen den aktuellen Ausgaben für grüne Vorhaben zur Rettung der Umwelt und dem, was sie ausgeben könnte und sollte verringern. Sie erhielt zeitnah Hilfen von multilateralen Institutionen. Die Neuausgabe von IWF-Sonderziehungsrechten spülte 43,5 Milliarden Dollar in die Staatskassen.

Auch ihren Rohstoffreichtum können LAC-Länder für grünen Aufschwung nutzen. Die Region hat 22 Prozent der Wälder weltweit, könnte also als globaler Kohlenstoffspeicher dienen. Sie verfügt über für die Dekarbonisierung nötige Bodenschätze. Zudem ist sie ein wichtiger Nettoexporteur von Nahrungsmitteln mit enormem Potenzial für emissionsarme Landwirtschaft und Aquakultur. Laut Weltbank hat die Region auch den saubersten Energiemix der Welt.

Regierungen sollten derlei nutzen, um erneuerbare Energien zu fördern und damit universelle Versorgung mit Strom und sauberen Kraftstoffen schaffen. Sie sollten auch Wasserkraft ausbauen, die Stromübertrag modernisieren und die Energieeffizienz steigern (siehe hierzu Kasten: Optionen für nachhaltigen Aufschwung).

Regierungen könnten auch mehr tun, um private Investoren für erneuerbare Energieversorgung zu gewinnen. Einige tun das bereits. Einschlägige Ausschreibungen beflügeln den Ausbau von Solar-, Wind-, Wasserkraft- und Biomasseprojekten in der LAC-Region. So entstanden bereits ökologisch nachhaltige Anlagen im Wert von mehr als 46,8 Milliarden Dollar mit einer Gesamtkapazität von 27 Gigawatt.

Die LAC-Regierungen sollten zudem Geschäftschancen in Fischerei, Aquakultur, Forstwirtschaft und klimafreundlicher Landwirtschaft nutzen. Sie sollten die Aufbereitung von Abwässern fördern, Leckagen mindern und mit neu ausgerichteten Subventionen Energieeffizienz und saubere Brennstoffe fördern. Durchschnittlich mehr als 250 Milliarden Dollar hat die Region jährlich bislang für Energiesubventionen ausgegeben. Statt fossile Brennstoffe zu unterstützen, sollte sie CO2-Emissionen besteuern.

Innovative Finanzierung

Die LAC-Region sollte obendrein innovativ bei der Finanzierung des grünen Aufschwungs fördern. Es ermutigt, dass sowohl staatliche Institutionen als auch private Firmen ökologisch nachhaltige Konzepte zunehmend über den Kreditmarkt finanzieren.  

2020 gaben LAC-Emittenten mehr grüne Anleihen aus denn je. Von September 2019 bis Juni 2021 (also in weniger als zwei Jahren) hat sich die Emission grüner Anleihen in der LAC-Region mehr als verdoppelt: von 13,6 Milliarden auf 30,2 Milliarden Dollar. Ende 2021 hielt der positive Trend an.

Motor dieses Wachstums war vor allem Chile mit Staatsanleihen in Höhe von 3,8 Milliarden Dollar. Es folgte Brasilien mit verschiedenen Emittenten, die zusammen auf  2,5 Milliarden Dollar kamen. Zudem stiegen in den vergangenen zwei Jahren mache Länder erstmals in das Geschäft mit Öko-Anleihen ein. Mit Barbados, Bermuda, Ecuador, Panama und Argentinien haben nur 15 LAC-Länder, grüne, soziale und nachhaltige Anleihen aufgelegt.   

Unter den ethischen Anleihen sind ökologische Papiere am besten etabliert. Zunehmend beliebt sind auch nachhaltigkeitsgebundene Anleihen (SLBs), für die obendrein Sozialstandards und Kriterien für gute Regierungsführung gelten. 2020 etwa gab die Banco del Estado de Chile – eine 1953 öffentlich-rechtliche Bank – eine auf Yen lautende „Frauenanleihe“ aus, die den Gegenwert von 95 Millionen Dollar einbrachte. Ihr Zweck ist, chilenischen Unternehmerinnen Zugang zu Finanz- und anderen Dienstleistungen zu verschaffen.  

In der LAC-Region dominieren Firmen der Realwirtschaft sowie staatliche Stellen mit 39 beziehungswese 25 Prozent den Markt für grüne Anleihen. Multilaterale Entwicklungsbanken (MEB) waren diesbezüglich weniger aktiv. Ihr Anteil am regionalen Markt für grüne Anleihen sank von 18 Prozent 2019 auf 14 Prozent 2021. Dennoch spielen sie weiterhin eine wichtige Rolle und können für neuen Schub sorgen (siehe hierzu Kasten: Schub von Entwicklungsbanken).


José Siaba Serrate ist Wirtschaftswissenschaftler an der Universität von Buenos Aires und der Universität des Centre for Macroeconomic Study (UCEMA), einer Privatuni in Buenos Aires. Er ist zudem Mitglied des Argentinischen Rats für internationale Beziehungen (CARI).
josesiaba@hotmail.com