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von Sheila Mysorekar

Meinung

Guatemala’s President Molina does not believe the war on drugs can be won by military means

Guatemala’s President Molina does not believe the war on drugs can be won by military means

500 Dollar pro Sekunde geben die USA für den Krieg gegen Drogen aus. Seit Präsident Richard Nixon den „war on drugs“ erklärte, wendeten sie mehr als eine Billion Dollar dafür auf. Dennoch steigt der Konsum von illegalen Substanzen stetig – ebenso wie die Zahl der Toten im Kampf dagegen. Lateinamerika hat nun genug davon. Zu Recht. Von Sheila Mysorekar

Ein Krieg, in den weltweit jährlich 100 Milliarden Dollar gesteckt werden, sollte zu gewinnen sein. Irrtum. Trotz des immensen Aufwandes an Waffen, Geld und Menschenleben gibt es im Krieg gegen Drogen keine durchschlagenden Erfolge. Vor allem auf Drängen der USA führen Staaten auf der ganzen Welt vergeblich einen permanenten Kampf gegen Rauschmittel.

Lateinamerika ist ein gutes Beispiel. Seit Jahrzehnten wird unerbittlich gegen den Coca-Anbau und Kokainhandel vorgegangen, und dennoch nehmen Produktion und Konsum ständig zu. Das liegt an dem simplen marktwirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage: Solange es zahlungswillige Abnehmer gibt, bleiben Produktion und Vermarktung ein einträgliches Geschäft. Den UN zufolge zahlen Endabnehmer jährlich mehr als 300 Milliarden Dollar. Rauschmittel gehören zu den lukrativsten Handelsgütern überhaupt.

Afghanistan ist ein weiteres Beispiel. Über das Drogengeschäft ist dieses Bürgerkriegsland längst in die Weltwirtschaft fest integriert. Opium- und Heroinerlöse ermöglichen es Warlords und Taliban, bewaffnete Milizen einzusetzen. Laut aktueller UN-Schätzung machen die Einnahmen von Opiumbauern 15 Prozent der Wirtschaftsleistung Afghanistans aus.

Der diesjährige Gipfel der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in Carta­gena thematisierte die Vergeblichkeit des Drogenkriegs zum ersten Mal. Mit der Feststellung, dass die Strategie gescheitert ist, konfrontierten lateinamerikanische Regierungen US-Präsident Barack Obama. Vorangegangen war eine Initiative des guatemaltekischen Präsidenten Otto Pérez Molina, Drogen innerhalb bestimmter ­Vorgaben zu legalisieren und den Verkauf international zu regulieren – ähnlich wie bei Tabak und Alkohol.

Obama lehnte das ab, gab aber immerhin zu, dass die USA als mit Abstand größter Drogenabsatzmarkt der Welt für die Probleme mit verantwortlich sind. Eine Unterstützung der Initiative vor den anstehenden Wahlen in den USA wäre für ihn auch politisch kaum durchsetzbar gewesen.

Nun ist der Präsident Guatemalas kein Alt-Hippie, der in Ruhe seinen Joint rauchen möchte, sondern ein rechtsgerichteter Militär. Aber genau deswegen analysiert er die Lage nüchtern und zieht eine bittere Bilanz. Seit Mexiko 2006 den direkten militärischen Angriff auf die Drogenkartelle erklärt hat, sind allein dort mehr als 50 000 Menschen getötet worden, die meisten von ihnen unbeteiligte Zivilisten. Zentralamerika hat die zweithöchste Mord­rate der Welt. Es ist kein Zufall, dass manche Regionen von Guatemala und Honduras Todesraten haben, die Peter Reuter von der University of Maryland zufolge mit Kriegsgebieten in Afghanistan vergleichbar sind. Lateinamerika zahlt die Zeche des Krieges, mit Hunderttausenden Toten, viel zu hohen Militärausgaben und der Korrumpierung des Staatsapparates durch Drogengelder. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei ist drastisch gesunken: in Mexiko, laut einer Gallup-Umfrage, von 50 % zu Beginn des Drogenkrieges auf nur noch 35 % im Jahr 2011.

Zugleich haben Drogenhandel und -konsum weiter zugenommen. Aber in Lateinamerika sind die Menschen kriegs­müde. Selbst konservative Regierungen wie die Kolumbiens, die jahrzehntelang große Geldsummen von den USA für Drogenbekämpfung bekommen haben, sehen inzwischen die Nutzlosigkeit ein. Auch drei von vier US-Amerikanern sind der Ansicht, dass der Drogenkrieg gescheitert ist, wie schon 2008 eine Umfrage von Zogby International ergab. Diese Erkenntnis ist bei der US-Regierung noch nicht angekommen.

Leidtragende sind die Menschen, die zwischen Drogenmafia, Paramilitärs, Armee und Polizei aufgerieben werden. Der guatemaltekische Präsident hat nun dazu aufgerufen, auf höchster Ebene nach Alternativen zu suchen. Auf eine Abschluss-Erklärung zum Gipfel in Cartagena konnten sich die OAS-Mitglieder nicht einigen. Doch die Diskussion über Beendigung des Drogenkrieges und des jahrzehntelangen Blutvergießens ist angestoßen. Spät, aber immerhin.