SDGs

Die Nachhaltigkeitsagenda, die die Menschheit braucht

Langsam, aber sicher wandelt sich das Entwicklungsdenken im Licht neuer Einsichten. Nachhaltigkeitsfragen sind im Laufe der Jahrzehnte wichtiger geworden, werden aber immer noch nicht ausreichend beachtet.
Gro Harlem Brundtland 1987 bei der Vorstellung des Berichts der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung in London. picture-alliance/NTB/Henrik Laurvik Gro Harlem Brundtland 1987 bei der Vorstellung des Berichts der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung in London.

Entwicklung sei ein multidimensionales Unterfangen, um eine höhere Lebensqualität für alle Menschen zu erreichen, hieß es 1987 in „Our common future“, dem Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Die UN hatten die Kommission unter der Leitung der norwegischen Premierministerin Gro Harlem Brundtland eingesetzt.

Was „Lebensqualität“ exakt bedeutet, lässt sich nur schwer definieren. Wie Menschen ihre persönliche Lebensqualität einschätzen, hängt von individuellen Präferenzen ab. Wichtige Faktoren sind Glück, Selbstwertgefühl, Respekt, Würde, Wohlstand, persönliche Fähigkeiten und Entscheidungsfreiheit. Akademische Debatten über solch ineinandergreifende Fragen blieben meist unscharf und hatten kaum Einfluss auf die Politik.

Als wirksam erwiesen sich jedoch die Arbeiten von Amartya Sen, der 1998 den Nobelpreis erhielt, und anderen (Nussbaum und Sen, 1993). Ihr Ansatz zur Messung der Lebensqualität stützte sich auf eine breite Palette von Indikatoren. Erfasst werden wirtschaftliche Faktoren (wie Einkommen, Arbeitsplätze und Produktivität), soziale Faktoren (vor allem Gesundheit und Bildung) und politische Faktoren (wie Demokratie, Inklusion und Freiheit).

Die Grundidee ist, dass diese Dinge die Lebensqualität aller Menschen prägen. Die Lebensqualität armer Menschen muss offensichtlich besonders verbessert werden. Erforderlich sind:

  • Maßnahmen zur Steigerung von Wirtschaftsleistung und größerer Verteilungsgerechtigkeit sowie
  • Bemühungen, die Freiheit, Optionen und Fähigkeiten von Menschen auszubauen, vor allem durch Bildung und Gesundheitsversorgung.

Entwicklungsindizes

Basierend auf den Arbeiten von Sen und geistesverwandten Wissenschaft­ler*innen, wurden dann Daten zu relevanten Indikatoren gesammelt und zu Entwicklungsindizes aggregiert. Das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP – United Nations Development Programme) hat in den letzten 30 Jahren mehrere solcher Indizes eingeführt, wie den Index der menschlichen Entwicklung (HDI – Human Development Index) oder den Index der mehrdimensionalen Armut (MPI – Multidimensional Poverty Index). Die Weltbank hat den Humankapitalindex (HCI – Human Capital Index) kreiert.

Der doppelte Zweck solcher Konzepte ist:

  • neu aufkommende Entwicklungsthemen (Umwelt, Gesundheit, Gender, Vernetzung et cetera) zu erfassen sowie
  • den Entwicklungsprozess und -status im Zeitverlauf und an verschiedenen Orten genauer zu messen.

Die Fachwelt schätzt die UNDP-Indizes. Sie finden international in der Politik Beachtung. In der Praxis bleiben dennoch leider Höhe und Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) die meistverwendeten Indikatoren für „Entwicklung“.
Die Weltbank etwa betont weiterhin Wachstum, wie die Concept Note für den noch unveröffentlichten Weltentwicklungsbericht 2024 zeigt. Seine Botschaft lautet grob vereinfacht: Länder sollen sich erst in internationale Lieferketten integrieren und dann auf Innovation setzen. Auswirkungen auf Verteilungsfragen und soziale Gerechtigkeit werden kaum angesprochen.

Größer oder besser?

Entwicklung ist aber etwas anderes als Wachstum. Was wächst, wird größer, aber was sich entwickelt, soll besser werden. Die gleiche Leistung mit weniger Input zu erbringen, ist offensichtlich besser, vor allem wenn die Qualität des Outputs besser wird. Höheres Wachstum dank höherem Ressourceneinsatz ist jedoch nicht per se gut. Es kann sogar schädlich sein, wenn es zu mehr Umweltverschmutzung und geringerer sozialer Gerechtigkeit führt.

Gängige Kosten-Nutzen-Analysen vernachlässigen die Kosten des Ressourcenverbrauchs und der Umweltverschmutzung. Diese Kosten tragen bei Marktransaktionen weder die kaufende noch die verkaufende Seite. Die Last fällt auf Unbeteiligte oder den Staat in Vertretung der Allgemeinheit. In der Volkswirtschaftslehre heißt so etwas „negative Externalität“.

Umweltzerstörung wirkt sich zudem auf die Generationengerechtigkeit aus. Fehlentwicklungen heute hinterlassen künftigen Generationen nämlich weniger Ressourcen und Möglichkeiten, als die heutige hat.

Wenn Wirtschaftswachstum Ressourcen erschöpft und Ökosysteme schädigt, ist es nicht nachhaltig. Die Ausblendung von Öko- und Gerechtigkeitsfragen führt zu der Illusion, es verbessere grundsätzlich die Lebensqualität. Zu Recht betonte daher der oben erwähnte Brundtland-Bericht, dass Entwicklung nachhaltig sein muss. Diese Einsicht inspirierte später den Erdgipfel von 1992.

Wenn politische Planung Umweltfolgen berücksichtigt, führt das zu langfristig besseren Ergebnissen, aber möglicherweise geringerem kurzfristigen Wachstum. Leider wollen Amtsträger*innen meist schnelle Erfolge sehen und sorgen sich wenig um die fernere Zukunft. Das ist der wichtigste Grund für den langsamen Fortschritt in Richtung SDGs (Sustainable Development Goals – Ziele für nachhaltige Entwicklung), auf die sich die UN 2015 einigten.

Ein anderer, weniger wichtiger Grund ist, dass ODA (Official Development Assistance – staatliche Entwicklungshilfe) ihrer Aufgabe nicht gerecht wird. Was Technokraten „Entwicklungszusammenarbeit“ nennen, ist nämlich oft ethnozentrisch und kurzatmig.

Weltagenda

Die 17 SDGs sind eine Weltagenda, um auf diesem Planeten eine inklusive, nachhaltige und widerstandsfähige Zukunft für die Menschheit zu ermöglichen. Die drei Kerndimensionen der Nachhaltigkeit sind Wirtschaft, Soziales und Umwelt. Das entspricht den erwähnten UNDP-Entwicklungsindizes.

Die SDG-Agenda hat Schwächen. Leider ist sie nicht rechtsverbindlich. Trotz diverser Defizite ist sie aber wertvoll, weil sie zum Handeln anregen kann. Außerdem hilft sie uns, zu erkennen, wo wir stehen und was noch zu tun bleibt.

Maßnahmen zur SDG-Erreichung müssen beschleunigt werden. Die Menschheit darf keine Zeit verlieren, denn die vielen Schäden durch Erosion der Biovielfalt und globale Erhitzung sind unumkehrbar. Leider sind die SDGs bislang nicht zur universellen Agenda geworden, die das Handeln aller Regierungen leitet. Zwei Trends verschärfen dieses Problem: Internationale Organisationen tun zu wenig für die SDGs. Selbst multilaterale Institutionen, die sich zu ihnen bekennen, greifen in der Regel nur die Dinge auf, die ihren Interessen entsprechen. Nötig wäre aber sektorenübergreifendes Handeln, um wirtschaftliche, soziale und ökologische Komponenten der Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen.

Die internationale Gemeinschaft zerfällt derzeit in Blöcke, wobei geopolitische Rivalität zu wachsender weltwirtschaftlicher Fragmentierung führt. Selbst dort, wo internationale Kooperation recht gut funktioniert hat (etwa Handel, ausländische Direktinvestitionen, Kapital und Technologie), werden nationale Sicherheitsbedenken zunehmend zur Priorität.

Sich entwickelndes Denken

Das Entwicklungsdenken hat sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs weiterentwickelt. Es spiegelt Erfahrungswissen wider und reagiert auf neue Herausforderungen. Entwicklungsziele sind daher nicht dauerhaft festgelegt. Auch die Strategien, Institutionen und Politiken, mit denen sie erreicht werden sollen, wandeln sich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierten sich viele fortgeschrittene Länder auf den Wiederaufbau. Das angestrebte höhere Wirtschaftswachstum entsprach ihren damaligen Bedürfnissen. Basierend auf entsprechenden ökonomischen Theorien und Modellen wurde wachstumsfördernde Politik betrieben.

Deshalb wurde in den 1950er- und 1960er-Jahren in Nordamerika, Westeuropa und Japan gezielt in Märkte eingegriffen. Als diese Volkswirtschaften ab den 1970er-Jahren unter Stagnation und Inflation litten, verlagerte sich der Fokus der Politik auf Stabilisierung und Strukturanpassung; Marktkräfte wurden somit betont. In den 1990er-Jahren dominierten folglich Liberalisierung, Deregulierung und Fragen der Regierungsführung auch die Entwicklungspolitik. Wachstum und Strukturwandel wurden im Kontext von Handel und Exportorientierung gesehen.

Armutsreduzierung galt dabei lange als Folge von Wachstum, das nach unten durchrieseln sollte. Ab den frühen 1990er-Jahren fanden die UNDP-Indizes jedoch stärker Beachtung. Die Theorien wurden komplexer, und andere Arten von Daten wurden berücksichtigt. Die klassische These, wonach Ungleichheit Wachstum fördert, wurde in Frage gestellt. Tatsächlich zeigten die Daten eine negative Korrelation.

Außerdem wurde klar, dass Blaupausen nicht funktionieren. Statt einfach dem Beispiel fortgeschrittener Nationen zu folgen, muss jedes Entwicklungsland seinen eigenen Politikmix für seine besondere Situation finden. Die nationale Eigenverantwortung ist entscheidend. Die Erfahrung lehrt: Ohne sie scheitern vom Ausland finanzierte Entwicklungsvorhaben.

Inzwischen beschleunigt sich die Digitalisierung. Sie dürfte tiefgreifende Folgen für Wirtschaft und Lebensqualität haben. Neue Ideen und Entwicklungskonzepte könnten also heutige ersetzen. Bemerkenswerterweise haben sich die mit Brundtland und Sen verbundenen Ideen sowohl in der Fachwelt als auch dem politischen Diskurs langfristig gehalten.

Literatur

Nussbaum, M., and Sen, A. (Eds), 1993: The Quality of Life. Oxford University Press.

United Nations Brundtland Report, 1987: Report of the World Commission on Environment and Development: Our common future. Available online:
https://sustainabledevelopment.un.org/content/documents/5987our-common-future.pdf

World Bank, 2024: World Development Report 2024. Economic growth in middle-income countries: Concept note. Washington DC.

Iwan J Azis ist Wirtschaftsprofessor an der Cornell University in den USA und Gastprofessor an der University of Indonesia.
http://iwanazis.com/

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