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Weltwirtschaft

Nachhaltigkeit erfordert gerechte Löhne

von Sabine Balk

In Kürze

Näherinnen in Bangladesch können von ihrem Lohn in der Regel nicht angemessen leben.

Näherinnen in Bangladesch können von ihrem Lohn in der Regel nicht angemessen leben.

Green Economy – also ökologisch nachhaltiges Wirtschaften – lautet die wegweisende Formel für zukünftige ökonomische Entwicklung. Der Wissenschaftler Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut weist darauf hin, dass eine grüne Wirtschaft auch eine gerechte Bezahlung der Arbeitnehmer erfordert. Die Autoren Georgios Zervas und Peter Spiegel setzen noch früher an. Sie plädieren für einen globalen Mindestlohn von einem Dollar pro Stunde, um weltweit Armut und Ausbeutung zu eliminieren.

Hütz-Adams betont, dass eine Transformation der Weltwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit nur dann gelingen kann, wenn ökologische Verbesserungen von sozialem Fortschritt begleitet werden. Dabei sei eine zentrale Frage, wie hoch die Löhne und Einkommen von Beschäftigten sowie Selbstständigen weltweit sein müssten, damit sie existenzsichernd sind. Nationale Gesetzgebungen etwa über Mindestlöhne reichten in Entwicklungs- und Schwellenländern häufig nicht aus, um ein Einkommen zu garantieren, das ein menschenwürdiges Leben zulässt, so der Wissenschaftler. Es gebe daher viele Organisationen, Gewerkschaften und Unternehmen, die für viele Länder und Branchen versuchten, existenzsichernde Löhne zu ermitteln und umzusetzen.

Laut Hütz-Adams zeugen bisherige Ergebnisse davon, dass es möglich ist, regionalspezifisch zu definieren und festzusetzen, wie hoch ein existenzsichernder Lohn sein muss. Dazu wendeten die meisten Organisationen, die sich für faire Entlohnung starkmachen, die sogenannte Ankermethode an. Diese wurde von dem Ökonomen Richard Anker entwickelt, der für die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) gearbeitet hat. Ihm zufolge sind dafür folgende Angaben zu ermitteln:

  • Kosten von nahrhafter und kostengünstiger Ernährung,
  • Kosten von einfachen, akzeptablen Wohnbedingungen,
  • Kosten von Kleidung und Schuhen,
  • sonstige Kosten für ein angemessenes Leben.

Diese Kosten müssten dann auf die zu versorgende Haushaltsgröße des Beschäftigten umgerechnet werden, um einen existenzsichernden Lohn zu ermitteln. Hütz-Adams gibt allerdings zu bedenken, dass es teils sehr schwer sei, die Lebenshaltungskosten in Entwicklungsländern zu berechnen. Es fehle oftmals an statistischen Daten zu den genannten Punkten, zudem variierten diese auch noch innerhalb der Länder oft sehr stark.

Ein Land, in dem zahlreiche Organisationen derzeit an der Umsetzung existenzsichernder Löhne arbeiten, ist Bangladesch. Die dortige Textilindustrie konzentriert sich zu 80 Prozent auf die Hauptstadt Dhaka, wo Organisationen im Frühjahr 2016 umfassende Daten nach der Ankermethode erfassten. So wurde zum Beispiel ermittelt, wie hoch die Kosten für Essen und Wohnen sind. Die Ergebnisse sind laut Hütz-Adams „ernüchternd“: Ein existenzsichernder Lohn müsste in den Vororten Dhakas bei umgerechnet 177 Dollar monatlich liegen, im Zentrum bei 214 Dollar. Die tatsächlichen Löhne der Beschäftigten lägen dagegen, abhängig von der Qualifikation, zwischen 69 und 83 Dollar. Zur Erreichung eines existenzsichernden Einkommens müssten die Löhne also mehr als verdoppelt werden.

Untersuchungen zum Lohnniveau gibt es auch in anderen Branchen und Ländern, etwa für Blumen aus Kenia, Tee aus Malawi oder Elektronik aus China. Die Ergebnisse fallen sehr unterschiedlich aus, in den meisten Bereichen reichen die Löhne aber nicht aus, um die Lebenshaltungskos­ten angemessen zu decken. Noch schwerer sei die Erhebung fairer Preise für selbstständige Bauern, erklärt Hütz-Adams.

Ein schwieriges Unterfangen sei auch die Umsetzung existenzsichernder Löhne, gibt der Wissenschaftler zu bedenken. In verschiedenen Bereichen wie dem Bekleidungssektor in Bangladesch gebe es Versuche, die Löhne Schritt für Schritt auf ein existenzsicherndes Niveau anzuheben. „Allen Beteiligten ist dabei bewusst, dass diese Prozesse Zeit in Anspruch nehmen“, resümiert er. Ein Problem in der Bekleidungsindustrie sei etwa, dass verschiedene Zwischenhändler pauschal Gewinnmargen auf die produzierten Textilien erheben. Das bedeutet, wenn ein Kleidungsstück die Fabrik zu einem etwas höheren Preis verlässt, um Arbeiter besser zu entlohnen, potenziert sich der Preis für den Einzelhandel um ein Vielfaches. Ein Beispiel: Ein Shirt würde dann statt drei Euro fast 16 Euro im Laden kosten.

Die Einführung existenzsichernder Löhne sei also noch ein langer Weg, für deren Umsetzung viele Akteure gefragt seien, betont Hütz-Adams und gibt ihnen Handlungsempfehlungen mit auf den Weg. Alle Beteiligten der Wertschöpfungskette – von Unternehmen über Gewerkschaften bis zu Behörden – sollten Netzwerke bilden, um dieses Ziel zu erreichen. Dazu sollten sie relevante Daten systematisch und umfassend sammeln und öffentlich zugänglich machen.

Auch die Bundesregierung müsse aktiv werden, fordert Hütz-Adams. Sie solle:

  • deutsche Unternehmen gesetzlich verpflichten, existenzsichernde Löhne entlang der ganzen Wertschöpfungskette zu zahlen,
  • bei der öffentlichen Vergabe die Zahlung existenzsichernder Löhne vorschreiben,
  • Beschwerde- und Klagemechanismen schaffen, damit Betroffene bei unfairer Bezahlung ihre Rechte einfordern können,
  • auf internationaler Ebene rechtsverbindliche Standards einfordern, an die sich international operierende Unternehmen zu halten haben.

An produzierende Unternehmen und Einzelhandel stellt der Autor folgende Forderungen. Sie sollen:

  • ihre Beschaffungsketten so gestalten, dass sie die Herkunft der von ihnen eingekauften Produkte kennen,
  • bei den Preisvorgaben für ihre Lieferanten berücksichtigen, dass in der gesamten Lieferkette die Zahlung existenzsichernder Löhne ermöglicht wird.

Banken und Investoren sollten nach Ansicht von Hütz-Adams nur den Unternehmen Geld zur Verfügung stellen, die nachprüfbare Auskünfte über ihre soziale, menschenrechtliche und ökologische Situation geben. Auch Verbraucher dürften nicht untätig bleiben und müssten Auskunft darüber verlangen, ob den Menschen für die Herstellung der Produkte existenzsichernde Löhne gezahlt wurden.

Einen Schritt vor Hütz-Adams’ Überlegungen setzen die Autoren Georgios Zervas und Peter Spiegel an. Der Unternehmensberater und der Zukunftsforscher haben eine bestechend einfache Lösung zur Bekämpfung von extremer Armut gefunden: einen globalen Mindestlohn von einem Dollar pro Stunde. Diese Lohnuntergrenze sei netto, stellen die Autoren klar – also zuzüglich der staatlich festgelegten Abgaben und Steuern – und sie dürfe nirgendwo unterschritten werden. Dadurch ließen sich mit einem Schlag die schlimmsten Formen ausbeuterischer Sklavenarbeit weltweit beseitigen. Dieser Mindestlohn sei selbstverständlich für Entwicklungs- und Schwellenländer gedacht, in denen es keinen oder einen extrem niedrigen Mindestlohn gebe, so die Autoren.

Als Beispiel nennen Zervas und Spiegel ebenfalls die Textilbranche in Bangladesch. Für sie gelte ein Mindestlohn von 50 Dollar pro Monat, das entspreche einem Stundenlohn von 15 bis 20 Cent. Ein Mindestlohn von einem Dollar würde einen wirklichen Unterschied machen. Dass ein Mindestlohn nicht in allen Branchen, insbesondere nicht im landwirtschaftlichen Bereich, umsetzbar sei, geben die Autoren allerdings zu.

Neben der Steigerung der Einkommen der Beschäftigten gibt es Zervas und Spiegel zufolge den weiteren positiven Effekt, dass dem Wettbewerb um billige Löhne innerhalb der Entwicklungsländer Einhalt geboten werde. Das Abwandern ganzer Industriezweige in immer noch „billigere“ Länder würde sich wohl deutlich reduzieren. Die Frage, ob solch ein radikaler Schritt wirtschaftlich überhaupt vertretbar sei, beantworten die Autoren deutlich mit ja. Das Zauberwort heiße Wettbewerbsneutralität. Das bedeutet, wenn alle Unternehmen in der gleichen Weise einen Mindestlohn von einem Dollar bezahlen müssten, würde der Wettbewerb nicht verzerrt.

Des Weiteren ist ein Mindestlohn laut Zervas und Spiegel das „wirkungsvollste aller vorstellbaren Konjunkturprogramme für die Weltwirtschaft“, weil die Armen nahezu alles Geld, das sie verdienten, gleich wieder ausgeben und in den Wirtschaftskreislauf zurückbringen würden. Ein globaler Mindestlohn könne auch eine Bremse für Arbeitsflucht darstellen, weil sich für viele Arme eine bessere Lebensgrundlage im eigenen Land eröffnen würde.

Das große Problem an der Idee von Zervas und Spiegel ist sicherlich die Umsetzung. Dazu äußern sich die Autoren nur am Rande und fordern, dass die ILO den Mindestlohn beschließen und seine Umsetzung überwachen soll. Initiiert werden sollte er durch eine möglichst breite Koalition aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik.


Buch und Link

Zervas, G., und Spiegel, P., 2016: Die 1-Dollar- Revolution. Globaler Mindestlohn gegen Ausbeutung und Armut. Piper, München/Berlin.

Hütz-Adams, F., 2017: Nachhaltigkeit erfordert Gerechtigkeit. Die Bedeutung existenzsichernder Löhne und Einkommen für eine Green Economy.
http://www.suedwind-institut.de/fileadmin/fuerSuedwind/Publikationen/2017/2017-03_Nachhaltigkeit_erfordert_Gerechtigkeit.pdf

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