D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Mangelhafte Ernährungssicherheit

Insekteninvasionen wie in biblischen Zeiten

von Mahwish Gul

In Kürze

Zwei Männer in einem Heuschreckenschwarm in Samburu County in Kenia.

Zwei Männer in einem Heuschreckenschwarm in Samburu County in Kenia.

Ostafrika droht schon wieder die nächste Heuschreckenplage. Die Region ist seit dem Winter 2019/2020 heftig betroffen, und Wüstenheuschrecken gehören zu den destruktivsten Insekten überhaupt.

Die aktuelle Heuschreckenplage ist laut FAO (Food and Agriculture Organization der UN) die schlimmste seit 25 Jahren. Mitte Oktober warnte die multilaterale Organisation, für diese Insekten gebe es wegen neuerlicher Regenfälle günstige Wachstumsbedingungen in Äthiopien, Somalia und jenseits des Roten Meeres im Jemen.

Normalerweise kommt diese Heuschreckenart in afrikanischen, nahöstlichen und asiatischen Wüsten vor. Die Tiere leben eigentlich einzeln, aber wenn die Vegetation wegen starker Niederschläge üppig gedeiht, entstehen auch große Schwärme. Die Fachwelt spricht von einer Plage, wenn sich mehrere Schwärme zu einer riesigen Heuschreckenwolke verbinden.

Kenia hatte 70 Jahre lang keine solche Insekteninvasion mehr erlebt. Nun bedeckte der größte Schwarm in diesem Jahr 2400 Quadratkilometer. Er bestand aus 200 Milliarden Insekten. Die Schädlinge vernichten Felder und fressen auch wild wachsende Pflanzen. Bauern leiden, weil ihre Ernte vernichtet wird. Futter für Nutz- und Wildtiere verschwindet.

Im Mai warnte die FAO, dass die Ernährungssicherheit von 20 Millionen Menschen in Ostafrika akut und heftig bedroht sei. Mit anderen Worten: Hungersnot wird wahrscheinlicher. Derweil stehen ohnehin Ersparnisse und Lebenserwerb von sehr vielen Menschen auf dem Spiel.

Zwei der betroffenen afrikanischen Länder – Somalia und Südsudan – hatten schon vorher hohe Raten für Mangelernährung. Gut geht es aber auch den anderen Ländern nicht. Die gesamte Region ist geprägt von hoher Morbidität, schwacher Gesundheitsversorgung und ungenügender Infrastruktur. Die Landwirtschaft trägt in Ostafrika 50 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei und sorgt für den Lebensunterhalt von 70 Prozent der Bevölkerung. Die große Mehrheit hängt von wenig produktiven, traditionellen Agrarpraktiken ab. Regionale Konflikte – aber auch die Coronavirus-Pandemie – verschärfen die Probleme.

Die UN sehen einen engen Zusammenhang zwischen der globalen Erhitzung und der Heuschreckenplage. Ähnliche Probleme gibt es auch auf der Arabischen Halbinsel und im Nahen Osten. Feuchtes Wetter kommt nun häufiger vor, und das gilt auch für Zyklone. Ungewöhnlich warmes Oberflächenwasser im Indischen Ozean hat in jüngster Zeit solche niederschlagsreichen Wirbelstürme wahrscheinlicher gemacht. Experten warnen, bislang ungewöhnliche Wetterlagen könnten schon bald normal werden.

Heuschreckenplagen terrorisieren Menschen schon seit biblischen Zeiten. Wissenschaft und Technik können das bislang nicht verhindern. Das Ausmaß der aktuellen Heuschreckenprobleme in Ostafrika ist beispiellos.

Es lässt sich schwerlich vorhersagen, wann, wo und mit welcher Wucht der nächste Heuschreckenschwarm auftritt. Erschwerend kommt hinzu, dass sich oft – wenn es gerade gelungen ist, die Plage an einem Ort in den Griff zu bekommen – neue Schwärme in benachbarten Regionen bilden. Windgeschwindigkeit und -richtung sind wichtig. Bei entsprechendem Wetter überqueren Schwärme ohne Weiteres das Rote Meer.

Heftiger Einsatz von Pestiziden bietet derzeit den einzigen Schutz. In weiten Gegenden wurde – und wird – deshalb gespritzt. Diese Chemikalien sind giftig ,und die schädlichen Nebenwirkungen auf Mensch und Natur dürfen nicht vernachlässigt werden. Vorrang hat derzeit aber eindeutig die Bekämpfung der Plage.

Auf längere Sicht ist mehrdimensionales Handeln nötig. Unter anderem müssen Prognosen, Früherkennung und Monitoring besser werden. Solche Bemühungen müssen grenzüberschreitend koordiniert werden und obendrein Konfliktgebiete – etwa im Jemen oder Somalia – mit einbeziehen. Ohne Frage muss die Beziehung zwischen Mensch und Natur neu bedacht werden. Entwaldung, intensive Landwirtschaft und Überweidung haben zur gestiegenen Wahrscheinlichkeit von Heuschreckenplagen beigetragen. Es gibt keine einfache Lösung für dieses gewaltige Problem. Klar ist aber, dass sich ihm einige der am wenigsten entwickelten Länder der Welt stellen müssen.


Mahwish Gul ist Entwicklungsberaterin und lebt in Nairobi.
[email protected]

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren