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Welternährung

"Hohe Preise  bedeuten Hunger"

von Marita Wiggerthale
“Extreme weather can rapidly undo all efforts towards more sustainable agriculture.” Flood in Pakistan’s fertile Punjab region in August

“Extreme weather can rapidly undo all efforts towards more sustainable agriculture.” Flood in Pakistan’s fertile Punjab region in August

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Auf dem Weltmarkt sind die Agrarpreise in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Fachleute warnen vor Hungersnöten. Zugleich haben Ende Februar die Neuverhandlungen der UN-Konvention über Nahrungsmittelhilfe begonnen. Marita Wiggerthale von Oxfam erläuterte Hans Dembowski das Szenario. Interview mit Marita Wiggerthale

Welche Sorgen muss man sich um die Versorgung mit Lebensmitteln weltweit machen?
Die Lage ist wirklich ernst, ähnlich wie vor zwei Jahren. Die Weltbank schätzt, dass seit Juni letzten Jahres 44 Millionen Menschen zusätzlich in die Armut getrieben wurden. Die Zahl der Hungernden steigt.

Eigentlich produziert die Landwirtschaft genug Nahrung für alle Menschen, und dennoch gibt es Hunger und Mangelernährung. Was läuft falsch?
Hunger leiden die Menschen, die nicht genug Geld haben, um sich Lebensmittel zu kaufen. Dies trifft insbesondere die Armen in den Ländern, die stark von Importen abhängig sind. Die Ursachen für die aktuell hohen Lebensmittelpreise sind vor allem drei Faktoren: Wetterbedingte Ernteausfälle wie in Russland und Australien haben das Weizenangebot verknappt und die Preise hochgetrieben. Bei Mais sind es nicht schlechte Ernten, sondern die Agrartreibstoffe, die die Preise hochschnellen lassen. 40 Prozent der Maisernte gehen bereits in den Tank und kommen nicht auf den Teller. Dennoch lässt sich die Preisentwicklung nicht allein mit den fundamentalen Marktdaten erklären. Die exzessive Spekulation treibt die Preise weiter in die Höhe.

Was müsste getan werden, um Abhilfe zu schaffen?
Es gibt in der Agrarpolitik viele Baustellen, aber bislang nur wenige Fortschritte und keine klare Per­spektive. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft wird seit Jahrzehnten vernachlässigt. Sie bietet aber das größte Potenzial für Ertragssteigerungen – und das gilt vor allem für Afrika, wo die Landwirtschaft fast durchgängig kleinbäuerlich ist. Es handelt sich um kleine Betriebe, meist in abgelegenen Gebieten und auf nicht besonders fruchtbaren Böden. Ungünstige Ausgangsbedingungen bedeuten aber nicht, dass nichts zu machen wäre. Eine Untersuchung der UNCTAD in 24 afrikanischen Ländern zeigt, dass sich mit agrarökologischen Anbauverfahren die Erträge dieser Bauern um bis zu 116 Prozent steigern ließen.

Kommt es dabei auf Bio- und Gentechnik an?
Nein, diese Technologie ist vielmehr Teil des Problems als der Lösung, weil sie ökologisch nicht nachhaltig ist, die sozioökonomischen Faktoren des Hungers unberücksichtigt lässt und notwendige politisch-institutionelle Rahmenbedingungen in armen Ländern fehlen. Besonders in Afrika werden die Böden durch den massenhaften Einsatz von Dünger und Pestiziden schnell ausgelaugt. Die UNCTAD setzt dagegen wenig auf diese Inputs und stattdessen auf die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit. Das hätte auch den Vorteil, dass die Böden mehr Wasser halten und das Klimagas CO2 im Boden gebunden wird. Es geht nicht um kapitalintensive Hightech-Lösungen, sondern um standortgerechte, angepasste Maßnahmen, die eine ökologisch nachhaltige Nutzung der knappen natürlichen Ressourcen gewährleisten.

In der Agrarpolitik tobt seit langem ein erbitterter Kampf zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die kleinbäuerliche und biologische Landwirtschaft befürworten, und großen Unternehmen, die Hightech-Lösungen anbieten. Gibt es Schnittmengen zwischen beiden Seiten?
Ja, auch in der Industrie wächst die Erkenntnis, dass es zunehmend auf die Kleinbauern und -bäuerinnen ankommt. Aus Sicht von Oxfam ist allerdings nicht erkennbar, dass die Unternehmen sozial und ökologisch nachhaltig handeln. In den Bilanzen der Industrie kommt es natürlich am Ende auf die Dünger-, Saatgut- oder Pestizidumsätze und die damit erzielten Profite an. Das Wohlergehen der Kleinbauern steht nicht im Mittelpunkt. Und das der Klein­bäuerinnen erst recht nicht. Sie werden in der Agrarpolitik ohnehin fast komplett vernachlässigt, dabei sind sie es, die beispielsweise in Afrika die meisten Lebensmittel produzieren.

Wie sollte die Förderung afrikanischer Kleinbauern und -bäuerinnen dann aussehen? Ertrags- oder flächenbezogene Subventionen wie in Europa kommen vermutlich nicht in Frage.
Nein, solche Einkommenstransfers wären nicht zu finanzieren. Aber die Regierungen der Entwicklungsländer könnten in Zusammenarbeit mit den Gebern für eine umfassende Beratung sorgen, so dass Bauern und Bäuerinnen über bodenverbessernde Anbau­methoden informiert werden und erfahren, welche Produkte auf ihrem Boden standortgerecht angebaut werden können. Außerdem sind gute Verkehrs- und Wasserinfrastrukturen, zuverlässige Vertriebswege, erschwingliche Kredite und aktuelle Marktinformationen hilfreich. Das sind Aufgaben, die gemeistert werden können, wenn der politische Wille dazu da ist.

Welche Rolle spielt die internationale Handelspolitik?
Leider schützt sie die arme Welt nicht vor Billigimporten, die die wirtschaftliche Existenz von Kleinbauern und -bäuerinnen unterminieren, weil sie preislich nicht mithalten können. Entwicklungsländer brauchen die Möglichkeit, zum Zweck der Ernährungssicherheit die heimische Landwirtschaft aufzubauen und zu schützen. Die EU nimmt sich dieses Recht auch heraus. Warum sollen das nicht auch arme Länder tun? Die WTO-Verhandlungen kommen jedoch in Punkten, die für Entwicklungsländer wichtig sind, nicht voran – etwa in der Frage der Schutzklauseln oder einer Beendigung des Exportdumpings. Wie gesagt, es gibt in der Agrarpolitik viele Baustellen.

Im Februar haben in London die Neuverhandlungen der UN-Konvention über Nahrungsmittelhilfe begonnen. Das alte Abkommen läuft zum Jahresende aus. Was erhoffen Sie sich?
Das wichtigste ist, dass Hungernde sofort Geld bekommen, damit sie sich Nahrung kaufen können. Sie können nicht auf die nächste Schiffsladung mit Hilfslieferungen vom anderen Ende der Welt warten. Das bisherige System ist langsam und teuer. Unterm Strich kommen nach Abzug der Verschiffungs- und Beschaffungskosten nur 50 Prozent des Geldwertes der gesamten US-Nahrungsmittelhilfe im Empfängerland an. Die neue Konvention sollte darüber hinaus sicherstellen, dass Bedürftige eine vollwertige Ernährung, also nicht nur Getreide, bekommen. Sie muss sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. In der Praxis orientiert sich die Nahrungsmittelhilfe aber leider vor allem an den verfügbaren Mitteln.

Wird die neue Konvention bis zum Jahresende unterschriftsreif sein?
Ich fürchte, nein. Die Verhandlungen haben spät begonnen, weil die beteiligten Parteien hofften, die Nahrungsmittelhilfe in der WTO zu regeln. Allerdings wurde dort bereits die Umstellung von Warenlieferungen auf Geldleistungen vorbereitet. Aber es gibt eben noch keine bindenden Ergebnisse, etwa das Ende der Exportsubventionen. Weil Nahrungsmittelhilfe aus Überschussprodukten einiger Industrieländer besteht, sind die beiden Verhandlungsthemen eng miteinander verknüpft.

Was passiert, wenn die neue Konvention nicht rechtzeitig zum Jahresende fertig wird?
Dann geht alles weiter wie bisher. Bis die neue Konvention fertig wird, gilt die alte.

Was wäre denn die wichtigste Einzelmaßnahme, um Menschen weltweit vor Hunger zu schützen?
Der Klimawandel ist die größte Gefahr. Wir erleben heute schon, dass Weltmarkpreise in die Höhe schnellen, wenn witterungsbedingt Ernten in wichtigen Anbauländern ausfallen. Und hohe Preise bedeuten Hunger. Wenn es nicht gelingt, den Anstieg der globalen Temperaturen auf durchschnittlich höchstens zwei Grad zu begrenzen, wird es schwer möglich sein, Ernährungssicherheit für alle zu gewährleisten. Extremwetterlagen können alle Anstrengungen um eine nachhaltige Landwirtschaft zunichtemachen.

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