Entwicklung und
Zusammenarbeit

Konflikte und Klimawandel

„Die Sahelstaaten müssen Frieden mit ihren Randgebieten schließen“

In der Sahelzone erschweren es anhaltende Konflikte zwischen Regierungen und terroristischen Gruppen der Bevölkerung, sich an den Klimawandel anzupassen. Die Menschen werden gezwungen, traditionelle Bewältigungsstrategien aufzugeben. Zugleich wird der Klimawandel mitunter als bequeme Erklärung missbraucht, während politische Versäumnisse die Konflikte weiter anheizen. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, müssen die Staaten die zentralen Themen Land, Sicherheit und Mobilität angehen, um das Vertrauen der Bevölkerung in den Randgebieten zurückzugewinnen, sagt der politische Geograf Kamal Donko.
Ein Kämpfer der Befreiungsfront von Azawad (FLA) steht im Mai vor dem Gebäude der Regionalen Bildungsakademie in Kidal im Norden Malis, das bei Kämpfen vor der Einnahme der Stadt durch die FLA-Truppen schwer beschädigt wurde. picture alliance / Hans Lucas / Samir Maouche
Ein Kämpfer der Befreiungsfront von Azawad (FLA) steht im Mai vor dem Gebäude der Regionalen Bildungsakademie in Kidal im Norden Malis, das bei Kämpfen vor der Einnahme der Stadt durch die FLA-Truppen schwer beschädigt wurde.

Kamal Donko im Interview mit Marius Moniak

Seit 2012 ist die westliche Sahelzone von gewaltsamen Konflikten geprägt. In Mali, Burkina Faso und Niger putschten sich zwischen 2020 und 2023 Militärs an die Macht. Die Juntas versprachen der Bevölkerung insbesondere mehr Sicherheit. Konnten sie dieses Versprechen einhalten?

Nach unabhängigen Maßstäben hat sich die Gewalt verschärft. Burkina Faso, Niger und Mali sind alle unter den fünf am stärksten von Terrorismus betroffenen Ländern des Global Terrorism Index 2026. In der gesamten Region gibt es nach wie vor Millionen Binnenvertriebene. Weite Teile von Burkina Faso und des ländlichen Malis liegen außerhalb staatlicher Kontrolle. 

Im April startete Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM), ein Bündnis aus dschihadistischen Gruppen und der von Tuareg angeführten Befreiungsfront von Azawad (FLA), eine der größten koordinierten Offensiven in Mali seit 2012. Die FLA beanspruchte für sich, die Provinz Kidal zu kontrollieren, während bei koordinierten Angriffen mehrere Ziele getroffen wurden, auch in der Hauptstadt Bamako und ihrem Umland. Der malische Verteidigungsminister Sadio Camara wurde dabei getötet.

Die wichtigsten Entwicklungen bleiben aber oft hinter den Schlagzeilen verborgen. Bewaffnete Gruppen wie die JNIM müssen Bamako nicht kontrollieren, um Macht auszuüben. Sie können auch so Einfluss auf wichtige Handelsrouten, die Treibstoffversorgung und Viehmärkte ausüben und gleichzeitig Lösegeld erpressen.

Zunehmend versuchen bewaffnete Gruppen, nicht nur Gebiete, sondern auch den Waren- und Personenverkehr und damit das wirtschaftliche und soziale Leben ganzer Gemeinden zu kontrollieren.

Wie wirkt sich das auf den Alltag der Menschen aus?

Für die lokalen Gemeinschaften hängt ihr Überleben davon ab, wer ihre Mobilität kontrolliert. Die Menschen müssen sich fortbewegen, um Felder zu bewirtschaften, Tiere auf die Weide zu bringen und Märkte zu erreichen. Entscheidend ist, ob sie das sicher tun können. In einigen ländlichen Gebieten legen bewaffnete Gruppen wie JNIM zunehmend die Bedingungen fest, unter denen Bewegung möglich ist. Gemeinschaften sind teils gezwungen, von der JNIM auferlegte Abgaben oder Steuern zu zahlen, um Felder zu bewirtschaften, zu ernten oder Waren zu transportieren.

Zugleich fühlen sich viele Menschen von staatlichen Sicherheitskräften im Stich gelassen, insbesondere in den Randgebieten. In manchen ländlichen Gegenden, die seit Jahrzehnten marginalisiert sind, hat JNIM versucht, eigene Formen der Streitschlichtung und Rechtsprechung zu etablieren.

Werden bewaffnete Gruppen als Alternative zum Staat wahrgenommen? Wie verhalten sich die staatlichen Regierungen?

Die Regierungen haben zwar mehr Soldat*innen in ländliche Gegenden entsandt, aber an die militärische Präsenz schloss sich keine wirksame Regierungsführung an. Oftmals ist es den Staaten nicht gelungen, Landstreitigkeiten zu schlichten oder einen verlässlichen Zugang zur Justiz zu gewährleisten. Die Sicherheitslage ist weiterhin prekär. In einigen Regionen haben die staatlichen Sicherheitskräfte zudem aufgrund dokumentierter schwerwiegender Übergriffe ihre Legitimität verloren. Im April 2023 wurden in Karma, Burkina Faso, 156 Zivilist*innen bei einem Massaker getötet, das Human Rights Watch mit Angehörigen der burkinischen Streitkräfte in Verbindung brachte. In Moura, Mali, ergab ein Untersuchungsbericht der Vereinten Nationen starke Hinweise darauf, dass malische Truppen und ausländisches Militärpersonal während einer Operation im März 2022 systematisch mehr als 500 Menschen töteten. Der russischen Wagner-Gruppe wird vorgeworfen, daran beteiligt gewesen zu sein.

Mittlerweile ist JNIM einer der einflussreichsten bewaffneten Akteure in der Region und eine der Hauptursachen für dschihadistische Gewalt in der gesamten Sahelzone. JNIM- Operationen und -Netzwerke erstrecken sich von Mali und Burkina Faso bis in den Norden von Benin und Togo. Auch andere dschihadistische Organisationen, darunter Gruppen, die dem IS nahestehen und Fraktionen von Boko Haram, sind weiterhin in der Region aktiv, insbesondere rund um den Tschadsee.

Wie beeinflusst der Klimawandel die aktuelle Konfliktdynamik?

Die Region ist mit anhaltenden Dürren, Sturzfluten und anderen Klimaextremen konfrontiert. Die Niederschläge sind unregelmäßiger geworden, was die Zeitpläne in der Landwirtschaft und Viehzucht durcheinanderbringt. Bauerngemeinschaften und Viehhalter*innen haben ihren Umgang mit Land und Wasser verändert. An manchen Orten können Verschiebungen im saisonalen Ablauf dazu führen, dass Viehherden in Anbauflächen vordringen, bevor die Ernte abgeschlossen ist. Solche Störungen können lokale Spannungen verschärfen, insbesondere dort, wo Mechanismen zur Mediation schwach ausgeprägt sind.

Bewaffnete Gruppen wissen, wie sie die durch den Klimawandel verschärften Schwierigkeiten ausnutzen können. An manchen Orten verstehen sie die lokalen Missstände besser als es die weit entfernten Ministerien tun. Sie nutzen Streitigkeiten um Wasser, Land und den Zugang zu Weideland, um Menschen zu mobilisieren und Einfluss zu gewinnen. Dabei füllen sie oft Lücken, die der Staat hinterlassen hat. Seit Jahrzehnten versäumen es die Regierungen, viele Landkonflikte zu lösen und ausreichend in Randgebiete zu investieren. Klimastress verschlechtert die Bedingungen, unter denen bewaffnete Gruppen operieren, doch die tieferen Ursachen sind politischer Natur: Marginalisierung, Straflosigkeit und ungelöste Streitigkeiten um Land, Gerechtigkeit und staatliche Autorität.

Klimatische Extreme haben von den Menschen in der Sahelzone schon immer Anpassung gefordert. Neu ist jedoch, dass Konflikte und politische Vernachlässigung jene lokalen Institutionen und Formen der Selbstregulierung zerstört haben, die einst Anpassung ermöglichten.

Der Klimawandel ist also Konfliktverstärker, nicht aber Hauptursache für die anhaltenden Konflikte?

Ja. Der Klimawandel ist zwar einer der Schuldigen in dieser Geschichte. Aber da es nicht möglich ist, ihn wie eine Person strafrechtlich zu verfolgen, kann es passieren, dass er für Regierungen und manchmal auch für Geber eine bequemere Erklärung darstellt als das Versagen politischer Entscheidungsträger. Der Konflikt in der sudanesischen Region Darfur wurde beispielsweise 2007 als der „erste Klimakrieg der Welt“ bezeichnet, wodurch die Geschehnisse in erster Linie als Umweltkrise geframt wurden. Diese Interpretation barg die Gefahr, zu verschleiern, dass die Gewalt in Sudan politisch organisiert war und bestimmte Akteure dafür verantwortlich waren.

Während sich die Klimakrise verschärft, untergraben die politischen Konflikte die Anpassungsfähigkeit der Gemeinschaften in der Sahelzone. Seit Generationen bewältigen die Menschen Dürren durch Mobilität, Migration und Reziprozität. Doch diese Strategien werden durch Krieg, Grenzschließungen und mangelnde Sicherheit zunehmend eingeschränkt. In vielen Gebieten können die Gemeinden Weideland, Felder oder Märkte nicht mehr sicher erreichen. Wenn die Bewegungsfreiheit von bewaffneten Gruppen kontrolliert wird, können diese entscheiden, wer passieren, Land bewirtschaften oder sich niederlassen darf. Dies kann dazu führen, dass Gemeinschaften in Bezug auf Zugang oder Schutz von ihnen abhängig werden. Das wiederum verschafft bewaffneten Gruppen einen erheblichen Vorteil, insbesondere dort, wo sie die Randgebiete besser kennen als die staatlichen Sicherheitskräfte.

Welche Rolle spielen klimabezogene Projekte, um Frieden in der Region zu fördern?

Zu viele Mittel der Klimafinanzierung gelangen nach wie vor nicht in jene abgelegenen Bezirke, in denen die Anfälligkeit am größten ist, da diese schwer zugänglich sind und von den Gebern als risikobehaftet eingestuft werden. Programme zur Friedensförderung hingegen konzentrieren sich häufig auf Machtteilung und Entwaffnung. Sie schenken aber Themen wie Wasser und Weideland sowie den alltäglichen Streitigkeiten, die Konflikte auf lokaler Ebene schüren, zu wenig Beachtung.

Was funktioniert, ist in der Regel sehr lokal und sehr spezifisch. So haben beispielsweise Vermittler wie das Centre for Humanitarian Dialogue dazu beigetragen, Vereinbarungen zwischen Bauern- und Hirtengemeinschaften auszuhandeln. Es wurden etwa Viehkorridore abgegrenzt und Regeln für den Zugang zu Feldern nach der Ernte festgelegt. Wo solche Vereinbarungen vor Ort akzeptiert und durchgesetzt werden, können sie helfen, Streitigkeiten beizulegen.

Jede funktionierende Landkommission kann den Raum einschränken, den bewaffnete Gruppen ausnutzen können. Die JNIM hat jedoch versucht, bei Streitigkeiten um Land und Wasser in lokalen Gemeinschaften zu vermitteln, um das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Peacebuilding auf lokaler Ebene ist daher zu einem Wettstreit geworden. Der Staat und seine Partner müssen bewaffnete Gruppen in Bereichen übertrumpfen, in denen staatliche Institutionen bisher keine wirksame Regierungsführung gewährleisten konnten. Dies ist in Gebieten, die nicht mehr unter wirksamer staatlicher Kontrolle stehen, noch schwieriger.

Die sich verschärfende Klimakrise und Versäumnisse in der Regierungsführung machen es zunehmend schwieriger, den Frieden wiederherzustellen. Was ist zu tun?

Die Sahelstaaten müssen Frieden mit ihren Randgebieten schließen. Sie müssen Präsenz zeigen durch Justiz und staatliche Leistungen, nicht nur durch Soldat*innen. Jede erfolgreiche Landkommission entzieht den bewaffneten Gruppen Unterstützung. Togos Notfallprogramm, das Dienstleistungen und Investitionen in seine nördlichen Regionen lenkt, weist in die richtige politische Richtung, auch wenn die Terroranschläge weitergehen. 

Fatalistische Narrative zum Klimawandel lehne ich ab. Die Gesellschaften der Sahelzone passen sich seit Langem an enorme klimatische Schwankungen an und sind auch angesichts des Klimawandels dazu in der Lage. Da eine ihrer ältesten Anpassungsstrategien die Mobilität ist, wird es von entscheidender Bedeutung sein, den Menschen die Möglichkeit zurückzugeben, sich frei und sicher in Randgebieten und Grenzregionen zu bewegen.

Die Lehre für Regierungen und Geber besteht darin, so zu investieren, dass vertrauenswürdige öffentliche Dienstleistungen in Randgebieten wiederhergestellt werden. Sie sollten zudem dazu beitragen, Konflikte und Ungleichheiten zu beseitigen, die den Alltag der Menschen prägen. Die Klimafinanzierung muss konfliktsensibel gestaltet sein und konfliktreiche Randgebiete erreichen, anstatt vorrangig in die Hauptstädte zu fließen.

Die Zukunft der Sahelzone wird zu einem großen Teil davon abhängen, wie die politischen Entscheidungsträger*innen die Themen Land, Mobilität und Sicherheit angehen. Wir sollten auch bedenken: Die Region hat eine der jüngsten Bevölkerungen der Welt, enormes Solarpotenzial und Zugang zu wachsenden Küstenmärkten für Energie, Produktion und Handel. In der Sahelzone schlummert beträchtliches Potenzial.

Kamal Donko ist Politikgeograf und Experte für Konflikte und die Verwaltung von Grenzgebieten in Westafrika. Er forscht am Laboratoire d’Études et de Recherche sur les Dynamiques Sociales et le Développement Local (LASDEL) in Benin.
kamaldonko@gmail.com

Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Climate Now“.

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