Indigene Völker
Von den Tuareg lernen, wie man sich gegen den Klimawandel wappnet
Die Luft auf dem Tassili-n’Ajjer-Plateau in Südalgerien flimmert nicht nur, sie brennt. Für die Tuareg, ein Indigenes Nomadenvolk der Sahara, war Überleben nie eine Selbstverständlichkeit. Vielmehr war es stets ein sorgfältig ausgehandelter Pakt mit einer der harschesten Umgebungen der Erde. Seit Jahrhunderten ist dieser Pakt in der Sprache der Winde, der Sternbilder und der subtilen Veränderungen im spärlichen Grün der Wüste niedergeschrieben.
Heute aber werden die Bedingungen dieses Paktes durch eine sich viel zu schnell entfaltende globale Klimakrise radikal neu geschrieben. Für die Tuareg werden die Regenfälle zu „Geistern“ – sie fallen anderswo oder verflüchtigen sich, ehe sie die ausgedörrte Erde erreichen. Die Brunnen ihrer Vorfahren versiegen.
Somit stehen die Tuareg an vorderster Front einer globalen Sicherheitskrise. Dabei geht es nicht nur um eine sich wandelnde Landschaft; sie ist eine grundlegende Bedrohung für eine Lebensweise, die die Sahara seit Jahrtausenden prägt. Um die Zukunft der Menschen in Nordafrika und der Sahelzone zu sichern, muss die internationale Gemeinschaft zuallererst verstehen, wie und warum diejenigen, die die Wüste am besten kennen, darum kämpfen, dort zu bleiben.
Säulen der Resilienz
Die Tuareg sind keine passiven Opfer der Umweltzerstörung, sondern aktive Meister der Anpassung. Angesichts der sich verschärfenden Klimakrise werden traditionelle Strategien neu gedacht, um Frieden zu wahren, Viehbestände zu erhalten und die Menschenwürde über Grenzen hinweg zu schützen. Drei konkrete Ansätze illustrieren die Widerstandskraft der Indigenen.
1. Das menschliche Internet: Mündliche Netzwerke digitalisieren sich
Lange vor dem Zeitalter der Satellitenbilder stützten sich die Tuareg auf ein komplexes System mündlicher Überlieferung, um die schwer zugänglichen Ressourcen der Wüste aufzuspüren. Bis heute agieren nomadische Hirtinnen und Hirten, die über die Landesgrenzen ziehen, als Umweltsensoren, die in Echtzeit Daten darüber sammeln, welche Weideflächen austrocknen und wo es seltene Regenfälle gibt. Wenn sich Reisende in der Wüste begegnen, tauschen sie traditionell „Aman“ aus – wichtige Neuigkeiten über Wasser und Sicherheit.
Heute ergänzt moderne Technologie dieses traditionelle Netzwerk. Es sind nicht nur jüngere Tuareg, die Mobiltelefone, solarbetriebene Ladegeräte und Messaging-Apps nutzen. Der digitale Sprung ermöglicht es ihnen, ihre Gemeinschaft vor lokalen Konflikten, Sturzfluten oder ausgetrockneten Grundwasserquellen zu warnen – Wochen bevor die offiziellen staatlichen Wetterdienste in der Lage sind, solche Berichte zu veröffentlichen.
2. Traditionelle Brunnengesetze: Vermeidung von Konflikten um Ressourcen
In einer extrem trockenen Umwelt wie der Sahara bildet Wasser die Grundlage eines ungeschriebenen rechtlichen und sozialen Rahmens. Das traditionelle Gewohnheitsrecht der Tuareg schreibt strenge, heilige Regeln für die gemeinsame Nutzung von Brunnen (Birs) vor. Während schwerer Dürren regeln diese streng geschützten Gesetze die Rotation des Viehbestands und stellen sicher, dass nicht einzelne Familien oder Gruppen eine Wasserquelle monopolisieren.
Enorm wichtig ist auch, dass diese Gesetze festgelegte Verhandlungsmechanismen vorgeben, wenn nomadische Hirtinnen und Hirten die Gebiete sesshafter bäuerlicher Gemeinschaften betreten müssen. Ehe die Herden kommen, treffen sich Repräsentierende an den Grenzen der Gebiete, um Zugangsrechte auszuhandeln. Dieses Indigene Rechtssystem stellt das kollektive Überleben und den kooperativen Zugang vor exklusive Eigentumsrechte und wirkt so als Puffer gegen ressourcenbedingte Gewalt, zu der es in vom Klimawandel bedrohten Regionen oft kommt. Es beweist, dass Knappheit nicht automatisch zu Konflikten führt, sofern eine gerechte Verwaltung gewährleistet ist.
3. Geteilte Lebensgrundlagen: Diversifizierung des Portfolios der Nomad*innen
Der Klimawandel erzwingt ein pragmatisches Umdenken, was traditionelle Strategien zur Sicherung des Lebensunterhalts betrifft. Völlige Abhängigkeit von traditioneller Viehzucht ist ein zu großes Risiko, wenn Weideland zu Staub wird. Als Reaktion darauf praktizieren viele Tuareg-Familien das, was Fachleute als „geteilte Lebensgrundlagen“ bezeichnen.
Während einige Familienmitglieder weiterhin nomadisch leben – oft wechseln sie von Rindern zu dürreresistenten Tieren wie Kamelen und Ziegen –, lassen sich andere Familienmitglieder vorübergehend in der Nähe von städtischen Zentren oder landwirtschaftlichen Projekten nieder. Diese Flexibilität ermöglicht es ihnen, Einkünfte aus Handel, Handwerk oder Saisonarbeit zurück in die Hirtengemeinschaft zu leiten. Eine solche wirtschaftliche Diversifizierung schafft ein wichtiges finanzielles Sicherheitsnetz, das der gesamten Gruppe hilft, längere Dürren zu überstehen, ohne ihre kulturelle Identität komplett aufzugeben.
Sicherheit neu definieren
Seit Jahrzehnten sieht die internationale Sicherheitspolitik den Klimawandel in der Sahelzone vor allem als Multiplikator von Bedrohungen – als einen Faktor, der Armut verschärft, Konflikte um knapper werdendes Land auslöst und regionale Instabilität schürt. Die übliche politische Reaktion der internationalen Gemeinschaft war oft sehr sicherheitsorientiert und konzentrierte sich in erster Linie auf militärische Präsenz, Grenzkontrollen und von oben verordnete Infrastrukturprojekte.
Allerdings übersieht man eine entscheidende Ressource, wenn man die Region nur mit Blick auf ihre Vulnerabilität betrachtet: das fundierte, lokale Fachwissen der Menschen, die dort leben. Top-down-Lösungen scheitern oft, weil sie die lokalen Gegebenheiten nicht berücksichtigen. Wenn internationale Entwicklungsorganisationen traditionelle Strukturen umgehen, um dauerhafte, feste Staudämme oder statische Landwirtschaftszonen zu errichten, stören sie oft genau jene Mobilität, die es den Hirtinnen und Hirten ermöglicht, zu überleben. Ein moderner, am falschen Ort gegrabener Brunnen kann ungewollt Konflikte auslösen, indem er dazu führt, dass etablierte Migrationsrouten verändert oder traditionelle Vereinbarungen rund um Wassernutzung missachtet werden.
Echte Klimasicherheit in Nordafrika und der Sahelzone lässt sich nicht von einem Büro in Brüssel oder Berlin aus erreichen– und vielleicht nicht einmal von Bamako oder Niamey aus. Dazu braucht es einen grundlegenden Wandel hin zur Zusammenarbeit mit Indigenen Verwaltungssystemen. Durch Einführung eines rechtspluralistischen Rahmens – bei dem die formelle Staatspolitik das Gewohnheitsrecht der Tuareg und anderer Indigener Völker aktiv in regionale Strategien integriert, etwa im Zusammenhang mit Wasser – können internationale Verantwortliche ein resilientes Umfeld zum Beispiel für grenzüberschreitendes Wassermanagement schaffen. Sicherheit in einer sich erhitzenden Welt bedeutet nicht, nomadische Gesellschaften zum Stillstand zu zwingen, sondern, ihre rechtliche und physische Freiheit zur Anpassung zu unterstützen – und vielleicht sogar von ihnen zu lernen.
Der Sand der Sahara bewegt sich schneller denn je, doch die Widerstandsfähigkeit der Tuareg beweist, dass Anpassung möglich ist, wenn sie auf Zusammenarbeit, Flexibilität und Gemeinschaft basiert. Während die internationale Gemeinschaft nach dem Zusammenhang zwischen Klima und Sicherheit in der Sahelzone sucht, ist die Lehre aus der Wüste klar: Sicherheit kann nicht von oben verordnet werden. Sie muss von Grund auf neu aufgebaut werden, wobei die uralte Weisheit und die traditionellen Strukturen derer, die hier seit Jahrtausenden überlebt haben, zu berücksichtigen sind. Um die Zukunft der Sahelzone zu sichern, dürfen wir Indigene nicht weiter lediglich als gefährdete Bevölkerungsgruppen betrachten, sondern müssen sie als unverzichtbare Partner in der globalen Klimadiplomatie anerkennen.
Rachid Bouajila ist Jurist und Forscher mit den Schwerpunkten Völkerrecht, menschliche Sicherheit und Umweltpolitik in Nordafrika und der Sahelzone.
rasheed25fr@yahoo.fr
Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Climate Now“.