Entwicklung und
Zusammenarbeit

Alphabetisierung

Bessere frühkindliche Bildung für Sambias Zukunft

Das Bildungssystem in Sambia hat zwar deutliche Fortschritte gemacht, allerdings mangelt es an Angeboten zur frühkindlichen Bildung. Vor allem wäre es wichtig, Erziehungsberechtigte dazu zu befähigen, die Kinder schon zu Hause für das Lesen und Schreiben zu begeistern.
Damit Kinder in der Grundschule mitkommen, ist Vorschulbildung unerlässlich. picture alliance / PIXSELL / Emica Elvedji
Damit Kinder in der Grundschule mitkommen, ist Vorschulbildung unerlässlich.

In ihren ersten Tagen in der Schule war Chanda hellauf begeistert, wie so viele Schulanfänger*innen: Sie hielt zum ersten Mal einen Bleistift in der Hand, durfte eine neue Umgebung kennenlernen und neue Freundschaften schließen. Eine neue Welt öffnete sich ihr in ihrer ländlichen Schule im Bezirk Nakonde im Norden Sambias.

Doch bald wich Chandas Optimismus einer großen Unsicherheit: Sie merkte, dass sie sich sehr schwer tat, mitzukommen. „Ich habe zunächst nicht verstanden, was die Lehrerin sagte“, erinnert sich Chanda leise. „Ich wollte antworten, aber ich kannte die Wörter nicht.“ Es stellte sich heraus, dass sie unzureichend auf die sprachlichen und schriftlichen Anforderungen der formalen Schulbildung vorbereitet war, vor allem auf die englische Sprache.

In Sambia ist Chanda kein Einzelfall. Unzählige Kinder stürmen die Klassenzimmer voller Lust aufs Lernen – und müssen realisieren, dass sie dort komplett überfordert sind. Insbesondere in vielen ländlichen Gebieten Sambias machen Kinder im Vorschulalter oft kaum nennenswerte Erfahrungen mit Lesen und Schreiben. Bei Schuleintritt fehlen ihnen dann die Grundlagen für effektives Lernen. Gegenüber anderen Schüler*innen geraten diese Kinder unmittelbar ins Hintertreffen – ein Nachteil, der sich durch die gesamte Schulzeit ziehen kann. 

Kenntnisse der Unterrichtssprache fehlen

Judith Zulu, eine Lehrerin der ersten Klasse mit mehr als 22 Jahren Erfahrung an ländlichen Schulen im Norden Sambias, beobachtet ein wiederkehrendes Muster: Viele Kinder beherrschen zu Schulbeginn nur die zu Hause gesprochene Sprache fließend. Im Klassenzimmer kommen sie zum ersten Mal mit Englisch in Berührung. Anstatt sich sofort mit neuen Fächern zu beschäftigen, müssen sie dann zunächst grundlegendes Englisch lernen, was ihre Fortschritte hemmt.

In Sambia gibt es je nach Definition zwischen 20 und mehr als 70 Sprachen. Die ehemalige Kolonialsprache Englisch ist Amtssprache und dominiert sowohl in der Geschäftswelt als auch im Bereich der Bildung. 

Sambia hat in den vergangenen Jahren bemerkenswerte Fortschritte bei der Ausweitung des Zugangs zu Bildung erzielt. Die Grundschulbildung ist seit 2018 kostenlos, seit 2021 auch die Sekundarstufen. Angebote zur frühkindlichen Bildung existieren zwar seitens des Staates und zivilgesellschaftlicher Akteure, erreichen allerdings nur einen Bruchteil der Kinder. Laut UNICEF hatten 2019 nur 37 % der Erstklässler*innen eine Vorschulbildung genossen. 

Fehlende frühkindliche Bildung Kann vererbt werden

Kinder mit schwacher Vorbildung stammen oft aus Familien, in denen Eltern und andere Erziehungsberechtigte selbst kaum Zugang zu frühkindlicher Bildung hatten. Gerade in armen Familien sind viele Eltern schon allein aus zeitlichen Gründen oft nicht in der Lage, ihre Kinder beim Lernen vor der Einschulung zu unterstützen, etwa weil sie Felder bestellen oder einer anderen informellen Arbeit nachgehen müssen. 

Nigerianische Jugendliche in Lagos beim Gebet.

Viele sehen Alphabetisierung auch als Aufgabe der Schule an und nicht als einen Prozess, der zu Hause beginnt. Ohne Intervention kann sich dieser Kreislauf von Generation zu Generation wiederholen. Wieder und wieder füllen sich die Klassenzimmer mit lernwilligen, aber unvorbereiteten Kindern.

Die Auswirkungen sind weitreichend. Auch in Mathematik und Naturwissenschaften hängt das Verständnis von der Lese- und Schreibkompetenz in Englisch ab. Gelingt es der Schule nicht, die Schüler*innen frühzeitig auf ein angemessenes Sprachniveau zu heben, fällt ihnen jedes neue Fach schwer. 

Mit der Zeit schwindet das Selbstvertrauen der Kinder, ihre Chancen reduzieren sich, und ihre Träume werden zunichte gemacht. Humanressourcen, die für das Wachstum von Sambias Wirtschaft wichtig wären, gehen so frühzeitig verloren.

Frühe Intervention bringt größten Erfolg

Es ist also von zentraler Bedeutung, hier einzugreifen. Maßnahmen in den frühesten Jahren bringen den größten Nutzen, das zeigen die Forschung zur frühkindlichen Bildung und Erfahrungen aus der Praxis immer wieder. Kommen Kinder schon vor der Schulzeit mit Geschichten, sprachreicher Interaktion und grundlegenden Lese- und Schreibaktivitäten in Berührung, ist es wahrscheinlicher, dass sie erfolgreich sind und am Lernen interessiert bleiben.

In Sambia haben verschiedene Organisationen gezeigt, wie gemeindebasierte Ansätze den Zugang zu frühen Bildungsangeboten in unterversorgten Gebieten erweitern können. Hierzu gehören etwa die zivilgesellschaftlichen Organisationen Zambia Open Community Schools (ZOCS) und Lubuto Library Partners. Letztere spielt eine bedeutende Rolle bei der Förderung der Lesekultur: Sie schafft gut zugängliche Bibliotheksräume, wo Kinder schon von klein auf mit Büchern und Lese- und Schreibaktivitäten in Kontakt kommen.

Für Sambia wäre es nun wichtig, Erziehungsberechtigte stärker in die Vorschulbildung der Kinder einzubeziehen. Würden sie das frühzeitige Lernen zu Hause stärker begleiten, könnte dies einen enormen Effekt haben: Lese- und Schreibkompetenz würde sich nicht mehr auf das Klassenzimmer beschränken, sondern würde Teil des Alltagsumfelds des Kindes. Dies würde sowohl das Selbstvertrauen der Kinder als auch ihre langfristigen Bildungsergebnisse stärken. 

Wege zu besserer frühkindlicher Bildung

Fortschritt beginnt mit kleinen, bewussten Schritten: Bilderbücher in vertrauten lokalen Sprachen; Bücher, die für bessere Verständlichkeit sowohl in Englisch als auch einer lokalen Sprache verfasst sind; die Förderung einfacher digitaler Lernhilfen und gemeindebasierter Leseaktivitäten. Solche Initiativen zur frühen Alphabetisierung sind wichtig als erste Schritte, um ein Bildungssystem zu reparieren, das bisher oft zu spät ansetzt. Bleiben sie aus, wird sich die enorme Kluft zwischen gut und schlecht vorbereiteten Schüler*innen kaum schließen. Das gilt besonders für Orte mit knappen Ressourcen wie das ländliche Nakonde.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Wenn sich Erziehungsberechtigte stärker um die Vorschulbildung ihrer Kinder kümmern sollen, müssen sie über ausreichend Zeit und Ressourcen dafür verfügen. Stärkere soziale Sicherungssysteme wären zum Beispiel ein Schritt in die richtige Richtung. 

In Sambia geben viele engagierte Pädagog*innen, Eltern und lokale Gemeinschaften schon jetzt ihr Bestes, um Kindern die Chance auf möglichst gute Bildung zu ermöglichen. Sie sollten durch weitere gezielte Programme für frühkindliches Lernen unterstützt werden. Sambia muss seine Bildungslücken weiter schließen: für die Zukunft der Kinder, aber auch die des ganzen Landes. 

LINKS
Zambia Open Community Schools (ZOCS)
Lubuto Library Partners

Diana Sakala ist Pädagogin und Bildungsberaterin. Sie setzt sich für die Verbesserung der Lese- und Schreibkompetenz sowie für einen besseren Zugang zu hochwertigen Bildungsangeboten in Sambia ein.  
sakalad4@gmail.com 

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