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Energiepolitik

Schwierige Weichen für Wüstenstrom

von Mike Enskat, Hedrik Meller

In Kürze

King Mohamed VI. of Morocco with US Secretary of State Hillary Clinton during the presentation of a solar project in Ouarzazate

King Mohamed VI. of Morocco with US Secretary of State Hillary Clinton during the presentation of a solar project in Ouarzazate

Industrie und Politik haben große Hoffnung, den Energiebedarf Afrikas und Europas durch Strom aus der ­Sahara zu decken. Für beide Kontinente bleibt bis dahin noch allerhand zu tun.

Der Mediterrane Solarplan der Europäischen Union und der südlichen Mittelmeeranrainerstaaten (MENA) will bis 2020 im Mittelmeerraum 20 Gigawatt erneuerbare Energie nutzbar machen. Die ­Desertec Industrial Initiative will 15 Prozent des europäischen Strombedarfs bis 2050 durch Stromimporte aus der MENA-Region decken. Dazu sind in den Ländern Nord­afrikas 50 Gigawatt an Solar- und Windenergie eingeplant. Nicht zuletzt hat das französisch geprägte Industriekonsortium Medgrid (früher Transgreen) vor, bis zu fünf Überseeleitungen bauen, um diesen Strom aus Afrika nach Europa zu liefern.

Jegliche Vision von grünen Stromexporten ist allerdings utopisch, solange nordafrikanischen Staaten keine eigene Energiepolitik gelingt, die erneuerbare Energien in großem Stil einsetzt. Der Ausbau der Erneuerbaren müsste nicht nur der Anschlussfähigkeit ans europäische Stromnetz dienen, sondern auch der Deckung des eigenen Energiebedarfs.

Enorme Aufgaben

Mehrere nordafrikanische Staaten haben bereits ehrgeizige Ziele: So will Ägypten 20 Prozent seines Strombedarfs bis 2020 aus erneuerbaren Energien decken. Marokko will bis 2012 den Anteil erneuerbarer Energie an der gesamten Energieproduktion von aktuell vier auf zehn Prozent steigern. Der jährlich um bis zu sieben Prozent steigende Energieverbrauch in Nordafrika wird es jedoch erschweren, den Anteil insbesondere von Solar- und Windenergie entscheidend zu erhöhen.

Auch Subsahara-Afrika will von der Entwicklung der Solarenergie profitieren. Allerdings herrschen südlich der Sahara ganz andere Voraussetzungen. Während in Nordafrika rund zwei Millionen Menschen keinen Zugang zu Energie haben, sind es in Subsahara-Afrika 585 Millionen. Der jährliche Pro-Kopf-Stromverbrauch spiegelt diese Gegensätze wider: In Südafrika liegt der Stromverbrauch bei 4500 Kilowattstunden pro Kopf (kWh/a), in Algerien hingegen bei 800 kWh/a und in Burkina Faso nur bei 20 kWh/a.

Die Afrikanische Union kommt in ihrer Studie „Harnessing Solar Energy of the Sahara Desert for Electricity Generation“ dennoch zu dem Schluss, dass der gesamte afrikanische Kontinent bis 2050 mit Strom versorgt werden könnte – vorausgesetzt die Be­dingungen, Solarenergie aus der Wüste zu nutzen, sind vorhanden. Um die hohen Erwartungen zu erfüllen, müssen in den nächsten zehn Jahren auf allen Seiten die Weichen gestellt werden.

Die EU-Mitgliedstaaten stehen dabei vor der Aufgabe, den Import des „grünen“ Stroms aus Nordafrika zu ermöglichen. Diese Voraussetzung wäre ein wichtiges Signal zur Finanzierung und zum Technologietransfer, damit auch die regionalen Energiesysteme sich günstig entwickeln. Dank Artikel 9 der Brüsseler Direktive zur Nutzung erneuerbarer Energien können EU-Staaten seit 2009 erneuerbare Energie aus Drittstaaten erstmals auf ihre eigene, nationale Quote anrechnen. Europa muss nun seine Stromnetze massiv ausbauen. Zugleich müssen die EU-Mitglieder ihre Energiemärkte untereinander und nach außen harmonisieren.

In diesem Punkt sind auch nordafri­kanische Staaten gefordert: Sie müssen den strukturellen Rahmen zum Ausbau selbsttragender Energieversorgungssysteme schaffen. Dazu zählen transparente Preisbildungsmechanismen und Investi­tionsanreize, sowie Planungssicherheit. Pilotvorhaben wie das 500-Megawatt-Solarkraftwerk Ouarzazate in Marokko haben deshalb Signalwirkung. Um hohe Investitionen zu stemmen, arbeiten staatliche Institutionen dabei Hand in Hand mit den internationalen Finanzierungsinstituten, Privatunternehmen und Geberländern.

Die Entwicklung südlich der Sahara krankt bisher vor allem am fehlenden Zugang zu Energie und an maroden Netzen. Um wirtschaftlich tragbare Energiesysteme und lokale Kapazitäten zu verwirklichen, muss die internationale Gebergemeinschaft den Prozess mit anstoßen. Dabei sollten Wettbewerbsvorteile gezielt ausgespielt werden. Um die Versorgungssicherheit zu erhöhen, muss die Integration zudem über regionale Stromverbünde hinausgehen. Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Energieversorgung in Afrika und Europa ist aber auch Realismus gefragt: Konventionelle Energieträger werden ihren Platz im Energiemix noch eine gute Weile bewahren. Ihn möglichst schmal zu halten, um so den Ausbau von erneuerbaren Energien zu beschleunigen, liegt im Interesse beider Kontinente. Die Afrika/EU-Energiepartnerschaft bildet einen guten Rahmen dazu.

Mike Enskat und Hendrik Meller