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Diaspora-Gemeinschaften

Für Filipinos ist Arbeitsmigration normal

von Emmalyn Liwag Kotte

Hintergrund

Philippinische Krankenschwester in einem deutschen Krankenhaus, 1992.

Philippinische Krankenschwester in einem deutschen Krankenhaus, 1992.

Sehr viele Philippinerinnen leben und arbeiten im Ausland. Ihre Angehörigen und die Wirtschaft sind abhängig von dem Geld, das sie in die Heimat schicken.

„Die Einsamkeit war oft so unerträglich, dass ich manchmal dachte, ich werde verrückt”, beschreibt Jane ihre ersten Monate im norddeutschen Schledehausen. Gebete retteten sie, sie ging oft zur Kirche. Auch Treffen mit anderen philippinischen Krankenschwestern, die wie sie unter Heimweh litten, halfen. Sie teilten ihre Trauer darüber, die Familie und kleine Kinder zurückgelassen zu haben, und weinten gemeinsam, bis der Schmerz nachließ. Ohne ihre Mütter aufzuwachsen war natürlich auch für die Kinder schwierig.

Jane lernte schnell Deutsch und begann ihr neues Umfeld bald zu schätzen. Sie arbeitete hart, die Kollegen akzeptierten sie. Dank ihres Einkommens konnten ihre Kinder auf den Philippinen eine gute Schule besuchen. Die Entscheidung war hart, aber sie bereut sie nicht.


Politische Überlegungen

Jane war eine von vielen Krankenschwestern und Hebammen, die in den 1970er Jahren die Philippinen verließen. Nicht nur Deutschland rekrutierte medizinisches Personal, auch Länder wie Britannien und die USA waren auf Einwanderer angewiesen. Die philippinische Regierung unter dem damaligen Präsidenten Ferdinand Marcos sah Arbeitsmigration als temporäre Lösung gegen hohe Arbeitslosigkeit und steigende Auslandsschulden an.

Zunächst gingen überwiegend Männer zu Ölförderstätten im Mittleren Osten – offiziell als ausländische Vertragsarbeiter (overseas contract workers – OCWs), da sie die Philippinen mit Arbeitsverträgen ihrer Arbeitgeber verließen.

Auch 1986, nach dem Sturz des Despoten Marcos, setzte sich der Exodus fort. Die philippinische Behörde für Arbeit in Übersee (Philippine Overseas Employment Administration – POEA) besteht seit 1982. Sie sollte ein „systematisches Programm zur Förderung und Überwachung der Arbeit philippinischer Arbeiter im Ausland“ einführen. Über die Jahrzehnte hat sie Millionen von Arbeitsverträgen betreut, in den vergangenen zehn Jahren gingen durchschnittlich pro Tag mindestens 5000 Arbeitskräfte ins Ausland.


Was Statistiken aussagen

2013 lebten und arbeiteten nach Schätzungen der Kommission für Filipinos in Übersee (Commission on Filipinos Overseas – CFO) um die 10,2 Millionen Philippiner im Ausland. Rund 4,9 Millionen von ihnen sind dauerhaft in den Zielländern geblieben, die meisten in den USA, Kanada, Australien, Japan, Britannien, Italien, Singapur, Deutschland, Spanien und Neuseeland. Weitere 4,2 Millionen arbeiten mit temporären Arbeitsverträgen überwiegend in Asien und rund 1,2 Millionen illegal in Ländern wie Malaysia, USA und Italien.

Laut Weltbank machte das in die Heimat geschickte Geld der Migranten in den vergangenen zehn Jahren rund zehn Prozent des philippinischen Bruttoinlandsprodukts aus. Also profitieren nicht nur die Familien direkt – das Geld ist ein wichtiger Treiber der philippinischen Wirtschaft. Ohne Arbeitsmigration wäre die Armut größer und die politische Ordnung weniger stabil.

56 Prozent der zwei Millionen im Ausland arbeitenden Filipinos, deren Verträge die POEA 2019 bearbeitete, sind laut der philippinischen Statistikbehörde Frauen. Ungeregelt ausgewanderte Philippinerinnen tauchen in diesen Zahlen nicht auf. Seit den 1980er Jahren haben viele als Touristinnen das Land verlassen und arbeiten ohne Papiere im Ausland.

Da in reichen Ländern viele Frauen arbeiten, sind dort philippinische Pflegekräfte und Haushaltshilfen gefragt. Die Statistikbehörde erhob 2019, dass fast 40 Prozent der neu ausgereisten Migranten einfache Tätigkeiten wie Hausarbeit verrichten. Hauptziel ist Saudi-Arabien, gefolgt von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Hongkong, Taiwan und Kuwait. Das birgt Risiken wie sexuelle und körperliche Gewalt sowie Ausbeutung – vor allem für Frauen ohne Papiere, die nicht zur Polizei gehen können.

Etliche Philippinerinnen wurden von ihren Arbeitgebern missbraucht und getötet – häufig, aber nicht nur, im Nahen Osten. Bekannt wurde der Fall der 29-jährigen Haushaltshilfe Joanna Demafelis, die tot im Eisschrank ihrer Arbeitgeber in Kuwait aufgefunden wurde. Daraufhin verbot die philippinische Regierung im Februar 2018 den Einsatz philippinischer Arbeiter in Kuwait. Wenig später hob sie das Verbot jedoch wieder auf: Arbeitsmigration ist zu wichtig für das Land.


Exodus im Gesundheitswesen

Ausgebildete Frauen, die auswandern, bekommen oft formale Jobs mit besserem Schutz. Fast 17 000 philippinische Krankenschwestern unterzeichneten 2019 Arbeitsverträge im Ausland.

Im April 2020 stoppte Präsident Rodrigo Duterte wegen Corona zeitweise die Ausreise von Gesundheitspersonal. Laut POEA war der Schritt nötig, weil im Land selbst rund 290 000 Mitarbeiter im Gesundheitswesen fehlen und durchschnittlich pro Jahr 13 000 weitere abwandern und so den Mangel noch verschlimmern. Das Verbot wurde im November teilweise aufgehoben, nun dürfen jährlich 5000 Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger das Land verlassen.

Arbeitnehmervertreter waren gegen das Verbot, sie sahen darin eine Verletzung von Rechten. Kritiker bemängelten zudem, das Gehalt philippinischer Krankenschwestern sei das niedrigste in ganz Südostasien. Ein neues Gesetz hebt die Monatsgehälter in staatlichen Kliniken nun auf mindestens umgerechnet 545 Euro an – umgesetzt wurde es aber noch nicht. In Deutschland verdient eine philippinische Krankenschwester rund 2000 Euro. Die Lebenshaltungskosten sind Philippinische Krankenschwester in einem deutschen Krankenhaus, 1992. zwar höher, trotzdem kann sie einiges davon nach Hause senden.

Marie kam 2016 als Krankenschwester nach Hamburg. Viele ihrer Kolleginnen in den Philippinen haben inzwischen Arbeitsverträge in Deutschland unterschrieben und stehen kurz vor der Ausreise. Mit dem „Triple Win Project“ möchte die Bundesagentur für Arbeit medizinisches Personal aus dem Ausland gewinnen (siehe Richa Arora in der Debatte des E+Z/D+C e-Papers 2020/06).

Vieles ist heute einfacher als in den 1970er Jahren. Marie hält über Messengerdienste und Facebook Kontakt zur Familie. Sie lernte schon in Manila Deutsch und bereitete sich in Orientierungskursen auf das Leben in Hamburg vor. Ihr Einkommen finanziert die Ausbildung der Geschwister – eigene Kinder musste sie nicht zurücklassen. Marie hat ihre Karriere danach ausgerichtet, mehr Geld zu verdienen und ihre Familie zu unterstützen.


Emmalyn Liwag Kotte ist freie Journalistin und lebt in Deutschland.
[email protected]

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