Klimapolitik

„Alle Länder müssen CO2 einsparen“

Aktuelle Daten zeigen, dass der Klimawandel schneller voranschreitet, als die Fachwelt bislang annahm. Dirk Messner, stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), erläutert die Trends und die politischen Implikationen.


[ Interview mit Dirk Messner ]

hat zuletzt im Winter 2019/2020 zu E+Z/D+C beigetragen. Er ist Direktor des Instituts für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNUEHS) und Ko-Vorsitzender des Wissenschaft­lichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU).
 

Warum halten Sie heute Klimaschutz für noch dringlicher als ohnehin schon bekannt?
Die aktuellen Zahlen der Naturwissenschaftler zeigen, dass der Treibhauseffekt noch schneller greift als bisher angenommen. Die Statistiken bewegen sich durchweg am oberen, dem gefährlicheren Rand der Szenarien, mit denen das International Panel on Climate Change im Jahr 2007 für Aufsehen gesorgt hat. Das heißt, die Bedrohung ist noch größer, als seinerzeit schon angenommen wurde.

Woran liegt das?
Die Hauptrollen spielen vier Faktoren, die wir aufgrund der aktuellen Datenlage anders einschätzen müssen. Ganz grob zusammengefasst geht es um folgende Dinge:
– Die Absorptionsfähigkeit der Senken ist geringer als vermutet, insbesondere die Wälder und Ozeane nehmen nicht mehr so viel CO2 auf wie bisher.
– Der Permafrost taut schneller auf als erwartet, und dadurch wird Methan, seinerseits ein potentes Treibhausgas, freigesetzt.
– Die Eisschilde schmelzen in stärkerem Maß als vorhergesagt, also dienen sie in entsprechend geringerem Maße als Spiegel, die die Sonnenstrahlen wieder ins All zurück reflektieren.
– Der vierte Punkt ist damit verwandt und hat ein paradoxes Element. Die At­mosphäre nimmt ebenfalls mehr Sonnenenergie auf, weil die Luftverschmutzung – vor allem in asiatischen Städten – erfolgreich reduziert wird. Dunstglocken, die früher Sonnenstrahlen abgespiegelt haben, verschwinden.

In der Summe bedeuten diese Effekte, dass es enormer Anstrengungen bedarf, die weltweite Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Das ist die Schwelle, die Wissenschaftler für verantwortbar halten.

Was folgt daraus?
Klar ist, dass die Menschheit in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts maximal 1750 Gigatonnen Treibhausgase ausstoßen darf, wenn die Zwei-Grad-Grenze eingehalten werden soll. Ein Drittel dieses Emissionsvolumens ist schon in dieser Dekade in die Luft geblasen worden. Die Zeit drängt also. Je früher wir den Wendepunkt erreichen, desto flacher darf die Reduktionskurve verlaufen. Wenn der „Peak” schon nächstes Jahr erreicht wird, müssten die Emissionen pro Jahr von da an weltweit nur um etwa zwei Prozent sinken. Diese Rate wäre relativ leicht zu schaffen – aber es ist nicht vorstellbar, dass schon von 2010 an die Emissionen weltweit nicht mehr steigen. Wenn der Wendepunkt aber erst 2020 erreicht wird, dann müssten die Emissionen danach jährlich um etwa sechs Prozent sinken. Solche Effizienzgewinne hat es in der menschlichen Geschichte über längere Zeiträume noch nie gegeben. Ehrgeizig – aber vermutlich noch praktikabel – wären Reduktionsziele von jährlich 3,6 Prozent. Dafür müsste der Wendepunkt immerhin schon 2015 erreicht werden.

Bedeutet das, dass wir uns vom Zwei-Prozent-Ziel verabschieden müssen, weil wir es ohnehin nicht erreichen?
Wir dürfen das Ziel nicht aufgeben, weil der Wandel sonst völlig chaotisch verläuft und die Folgeprobleme unbeherrschbar werden. Andererseits finde ich schon, dass die Risikovorsorge nicht mehr davon ausgehen darf, dass alles so klappt wie erhofft. Um heftige Auswirkungen im Griff behalten zu können, sollten Regierungen sich bei Maßnahmen zur Anpassung an den Klimaschutz lieber an Szenarien einer um vier Grad wärmeren Welt orientieren, als darauf zu vertrauen, dass die Zwei-Grad-Grenze auf alle Fälle eingehalten wird.

Wenn Klimaschutz noch schneller durchgesetzt werden muss als bisher bekannt, müssen vermutlich auch arme Länder beginnen, sich auf eine Low-Carbon-Welt einzustellen.
Richtig. Alle Entwicklungsländer, selbst die least developed countries, können keine „Business as usual”-Strategien mehr umsetzen, wenn wir zwei Grad halten wollen. Selbst arme Länder müssen sich auf LowCarbon-Entwicklungen orientieren. Dafür brauchen sie Strategien, Geld und internationale Partnerschaften. Es geht nicht mehr nur um die Giganten wie China, Indien oder Brasilien. Wir können den Kampf gegen die globale Erwärmung nur gewinnen, wenn auch ärmere, ökonomisch schwächere Länder rasch Klimaschutz betreiben. Das gilt auch für Vietnam oder Ghana, aber selbst für Bolivien oder Mali. Nichtfossile Entwicklung muss ab sofort sämtliche Strategien prägen. Das ist der Entwicklungspolitik zwar klar, diese Einsicht prägt die Praxis aber noch längst nicht immer.

Haben Sie auch Zahlen, wie schnell der technische Wandel laufen muss?
Es gibt Berechnungen von McKinsey, einer gerade auch in wirtschaftsnahen Kreisen anerkannten Unternehmensberatung. Demnach müssten die Industrienationen, damit das Zwei-Prozent-Ziel erreicht werden kann, vom nächsten Jahr an quer durch alle Wirtschaftsbranchen 90 Prozent der bekannten Klimaschutztechniken tatsächlich einsetzen. Laut McKinsey müssen die Entwicklungsländer das ab 2015 auch tun, bis dahin würde die ohnehin schon ehrgeizige Rate von 30 Prozent bei ihnen reichen – das ist eine globale Herkulesaufgabe.

Welche Bedeutung haben denn die Wälder?
Waldpolitik und Landnutzung machen etwa ein Viertel bis ein Drittel des Gesamtproblems aus. In dieser Hinsicht sind klimaverträgliche Praktiken in forstreichen Ländern besonders wichtig – in Brasilien, Indonesien, Kongo und Kamerun zum Beispiel. Auch hier werden die Gebernationen Unterstützung leisten müssen, sie sind schließlich die Hauptverursacher des Treibhauseffekts.

Geringere Produktion bedeutet immer auch weniger Energie- und Ressourcenverbrauch. Bringt denn die schwere Weltwirtschaftskrise wenigstens bezüglich des Klimawandels eine gewisse Entlastung?
Darauf würde ich nicht hoffen. Um das Zwei-Prozent-Ziel vor allem durch schrumpfende Produktion zu erreichen, müsste die Wirtschaftsleistung weltweit und auf Dauer um die Hälfte einbrechen, das ist unvorstellbar und wäre absolut verheerend. Es würde zu gewaltigen sozialen Verwerfungen kommen. Energie- und Ressourceneffizienz sowie Lebensstiländerungen sind der Schlüssel zum Erfolg.

Mir ging es nicht darum, den Klimawandel durch Produktionsstopp zu bekämpfen, sondern darum, ob uns die Krise vielleicht eine kleine Atempause verschafft.
Sicherlich bremst die Wirtschaftskrise den Klimawandel ein kleines bisschen. Aber wir wissen leider auch, dass ökonomische Schwierigkeiten bisher in der Regel auch den Umweltschutz gebremst haben. Die Stagnationsdekade in Japan war ein Beispiel dafür, weil Bestimmungen gelockert und Energiepreise gesenkt wurden, um die Unternehmen wieder in Schwung zu bringen. Im Weltmaßstab würde derlei die Klimakrise nur verschärfen, aber nicht zur Lösung beitragen.

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