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Kommunale Beteiligung

Nie wieder Cholera

von Immacultata Raphael

Hintergrund

“An important issue is environmental conservation in the catchments areas in Kilimanjaro National Park”

“An important issue is environmental conservation in the catchments areas in Kilimanjaro National Park”

Im tansanischen Distrikt Hai versorgen lokale Wasseranlagen 80 Prozent der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser. Zwei weitere Versorgungsbetriebe sind in Bau. Lokale Treuhandgesellschaften, verwaltet von der Bevölkerung, übernehmen das Management. Der Distrikt Hai ist damit ein Vorbild für gute Wasserpolitik. Von Immacultata Raphael

Hai ist einer von sechs Distrikten der Verwaltungsregion Kilimandscharo, gelegen an den Westhängen des Bergs im Norden Tansanias. Dort leben fast 200 000 Menschen. Der Distrikt ist ländlich. Die Menschen leben von Viehzucht und Ackerbau – vor allem Kaffee und Bananen, aber auch Mais, Bohnen, Hirse, Erbsen, Süßkartoffeln und Yams. In den tiefer liegenden Ebenen grast das Vieh frei. Verwaltungstechnisch setzt sich Hai aus drei ­Kreisen, 14 Bezirken und 55 Dörfern zusammen. Bomang’ombe ist mit rund 30 000 Einwohnern die Distrikthauptstadt.

Das Wasserversorgungsprojekt in Hai wird von den Regierungen Tansanias und Deutschlands (über die KfW Entwicklungsbank) finanziert. Seit kurzem kommt zusätzliche Unterstützung von der Wasserhilfe der Europäischen Union. Das Projekt begann 1990 und wird in mehreren Phasen verwirklicht; die letzte wurde 2006 abgeschlossen. Ziel war und ist die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser für die Bevölkerung. Bisher hat das Projekt mehr als 33 Millionen Euro gekostet, von denen Deutschland 80 Prozent zur Verfügung stellte. Die Begünstigten haben Eigenarbeit im Wert von über 900 000 Euro verrichtet.

Frühere Versuche, eine Wasserversorgung in Hai zu etablieren, sind gescheitert. In den 1960ern und 70ern wurden 14 Versorgungsanlagen gebaut. Das Wasser wurde aus den Regenwaldhängen des Kili­mandscharo oberhalb der Dörfer bezogen. Dank der Schwerkraft waren dafür keine Pumpen nötig. Trotzdem kamen die Anlagen entweder nie voll zum Einsatz oder der Betrieb wurde komplett eingestellt. Gründe waren unvollständiger Bau, fehlende Wartung, schlechtes Management sowie Mangel an Eigentümerschaft und Verantwortungsgefühl der Bevölkerung. Deshalb wurden viele Bewohner krank durch verunreinigtes Trinkwasser. Frauen und Kinder mussten lange Wege zum Wasserholen zurücklegen.

Eigentümerschaft, Verantwortung und Teilhabe

Angesichts dieser Erfahrung legt das heutige Wasserprojekt in Hai Wert auf lokale Eigentümerschaft sowie kommunale Verantwortung und Teilhabe. Nach dem Bau werden die Versorgungsanlagen an lokale Treuhandgesellschaften übergeben, deren Leiter von dem betroffenen Gemeinden gewählt werden. Es handelt sich um autonome Körperschaften der Dörfer. Fünf existieren, zwei weitere Treuhandgesellschaften werden dazukommen. Wieder stammt das Wasser aus den Regenwäldern des Kilimandscharo-Nationalparks, so dass die Leitungssysteme ohne Pumpen auskommen.

Die Treuhandgesellschaften dürfen Mitarbeiter selbst einstellen und entlassen. Sie beaufsichtigen das technische Personal sowie das Management der Anlagen. Zudem verwalten sie das Jahresbudget und bestimmen Tarife und Gehälter. Um die Nachhaltigkeit und eine faire Behandlung der Kunden zu sichern, wird der Wasserverbrauch kontrolliert. Messuhren an Zweig- und Verteilungsstellen prüfen Wasserverlust und Verschwendung.

Die Treuhandgesellschaften stellen Personal entsprechend dem tansanischen Arbeitsrecht ein. Höhere Stellen müssen ausgeschrieben werden, um sicherzugehen, dass die Fachleute in einem offenen Wettbewerb rekrutiert werden. Geringer qualifiziertes Personal jedoch – wie zur Leitungs­beaufsichtigung – wird vor Ort gesucht und ausgebildet. Auch für diese Stellen ist Wettbewerb wichtig, um die Leistungen zu steigern.

Die Organisation der Treuhandgesellschaften entspricht der Nationalen Wasserpolitik von 2002, der zufolge alle tansa­nischen Dörfer Wasser- und Sanitäts­gesellschaften wählen sollen. Dabei müssen 50 Prozent der Mitglieder Frauen sein. Die institu­tionelle Struktur ist demokratisch und ­fördert Transparenz, öffentliche Teil­ha­be sowie gemeinschaftliches Ver­antwortungsgefühl. Alle Systeme werden „bottom up“, also von der Basis aus, aufgebaut. Zuerst muss ein lokales Bewusstsein geschaffen werden: Ortsvorstände, religiöse Führungspersönlichkeiten und sonstige Autoritäten werden informiert. Bisher funktioniert die Strategie gut. Die Bevölkerung weiß, dass sie von der sicheren Wasserversorgung profitiert, dabei aber eine aktive Rolle spielen muss. Der Erfolg hängt vom Einsatz der Dorfbewohner ab – und er überzeugt: Menschen außerhalb des Projektgebiets fordern bereits ähnliche Systeme für ihre Dörfer.

An den Hängen des Kilimandscharo hat Selbsthilfe eine lange Tradition. Seit Menschengedenken haben die Dorfbewohner kooperiert, um Bewässerungsrinnen zu säubern oder Zugangsstraßen zu reparieren. Ganz selbstverständlich nehmen Familien an gemeinsamen Vorhaben teil. Mangelnder Kooperations­wille wird traditionell mit Geldbußen sanktioniert. Wer die Strafe nicht zahlt, dem drohen Beschlagnahmung und Verkauf von Eigentum.

Die Wassergesellschaften bauen auf diesen Gemeindegeist. In den Dörfern gibt es öffentliche Hähne, an denen Wasser geholt werden kann. Viele Privathäuser sind an die Leitungen angeschlossen. Dies bedarf allerdings einer Genehmigung der lokalen Wasser- und Sanitätsgesellschaften. Kooperationsunwillige Anwohner haben kaum Chancen, einen privaten Anschluss genehmigt zu bekommen.

Die lokale Bevölkerung ist sich durchaus bewusst, wie sehr die sichere Wasserversorgung ihren Alltag erleichtert. Sie ist bereit, Verantwortung zu übernehmen, weil sie sich an die früheren fehlgeschlagenen Versuche erinnert, die der Staat unternahm.

Der Erfolg ist sichtbar. Die ersten fünf Anlagen des Projekts versorgen 80 Prozent der Bevölkerung in Hai effizient und nachhaltig mit Wasser. Zudem hat das Projekt
– Jobs für Mitarbeiter der Gesellschaft geschaffen,
– ein Komitee als Modell für kommunale Eigentümerschaft etabliert,
– dem alljährlichen Ausbruch der Cholera vorgebeugt,
– die Arbeitslast von Frauen und Kindern reduziert, die viel Zeit für Wasserholen brauchten, sowie
– das Wirtschaftswachstum und die Entwicklung der Distriktstädte Bomang’ombe und Sanyajuum angekurbelt.

Künftige Aufgaben

Aufgrund der zuverlässigen Wasserversorgung ziehen mittlerweile sogar Leute in den Distrikt Hai um. Die steigenden Bevölkerungszahlen und die wachsende Wirtschaftsaktivität führen zu einem größeren Wasser­bedarf. Die Versorgungssysteme müssen dementsprechend erweitert und verbessert werden. Zudem bedarf es ­Mechanismen, um die Abwasser- und Müllent­sorgung, speziell in Bomang’ombe, zu regeln. Wichtig ist außerdem, die Ökosysteme im Kilimandscharo-Nationalpark zu erhalten, aus denen das Wasser bezogen wird. Es ist besorgniserregend, dass die Wasserressourcen sich zunehmend erschöpfen und ihre Qualität abnimmt. Klimawandel spielt dabei sicher eine Rolle, ist aber nicht die einzige Ursache.

Wasser ist Leben. Seine Verfügbarkeit ist elementar für die kommunale Entwicklung. Die Wasserversorgungsanlagen in Hai sind so erfolgreich, weil die Nutzer an allen Schritten teilhaben. Hier ist es gelungen, ein Gefühl von Eigentümerschaft und Verantwortung aufzubauen. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Rechnungen der Wassergesellschaft zu 90 Prozent bezahlt werden. Die Anerkennung ist überwältigend. Diese Erfahrung belegt, dass eine gute Wasserpolitik grundlegend für nachhaltigen Erfolg ist.