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Ernährungssicherheit

Der Existenzkampf der Kleinbauern

von Dagmar Milerova Praskova

Hintergrund

Bauern in Ngoiroro, Rift Valley, Kenia.

Bauern in Ngoiroro, Rift Valley, Kenia.

Die derzeitige Ernährungssituation in Kenia ist paradox. Obwohl das Land die am besten entwickelte Volkswirtschaft Ostafrikas hat, lebt nahezu die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Viele sind auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Die Unterzeichnung eines neuen Handelsabkommens mit der Europäischen Union könnte diese Situation noch verschärfen.

Die Landwirtschaft nimmt eine Schlüsselrolle in der kenianischen Wirtschaft ein. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung ist in der Agrarwirtschaft beschäftigt, 80 Prozent direkt oder indirekt von der Landwirtschaft abhängig. Ackerflächen werden hauptsächlich mit Regenwasser bewässert, was große Unsicherheit mit sich bringt. Infolgedessen leiden viele Kenianer regelmäßig unter Nahrungsmangel und sind abhängig von Lebensmittelhilfe.

Das Internationale Forschungsinstitut für Agrar- und Ernährungspolitik (IFPRI) betreibt ein Portal zur Ernährungssicherheit, wo man feststellte, dass Kenia seit 2008 mit „ernsthaften Problemen der Ernährungsunsicherheit konfrontiert ist", die „sich darin manifestieren, dass ein hoher Anteil der Bevölkerung keinen Zugang zu Nahrung in angemessener Menge und Qualität hat". Schätzungen gehen davon aus, dass dies etwa ein Viertel der kenianischen Bevölkerung betrifft.

Ernährungssicherheit hängt von ökonomischen und politischen wie auch von Umweltfaktoren ab. Die Probleme in Kenia sind Armut, Preisschwankungen bei Lebensmitteln, ein unterfinanzierter Agrarsektor sowie eine unzureichende Infrastruktur.

Bäuerliche Kleinbetriebe verfügen üblicherweise über nicht mehr als vier Hek­tar Land. Arme Kenianer haben kaum die Möglichkeit, Kredite zu bekommen oder moderne Technologien zu nutzen. Sie verfügen über keinen Zugang zu Informationen, Gesundheitsversorgung und Bildung. Da arme Familien in Kenia schätzungsweise 40 bis 60 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben müssen, haben selbst kleine Preisschwankungen enorme Auswirkungen. Auch Grundnahrungsmittel wie Weizen, Reis und Mais werden importiert, so dass die Entwicklung der Weltmarktpreise eine entscheidende Rolle spielt. Während der Nahrungsmittelkrise im Jahr 2007 stieg der Preis für Reis um 165 Prozent, der für Weizen um 88 Prozent und für Mais um 59 Prozent.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat der Staat seine Ausgaben für die Landwirtschaft stark gesenkt, derzeit liegen sie bei weniger als fünf Prozent des Staatshaushaltes. Das war einmal anders: In den frühen 1990er Jahren erreichte dieser Anteil mit einer Höhe von zehn Prozent seinen Höchststand in der Geschichte Kenias.

Die Entwicklung ländlicher Märkte und des Straßensystems, die Verbesserung der Bewässerung und entsprechende Investitionen sind entscheidend, um Ernährungs­sicherheit im Land zu gewährleisten. Aufgrund der unzureichenden Infrastruktur sind Lebensmitteltransporte innerhalb des Landes zeitaufwändig und kostspielig.

Grundsätzlich ist dies den kenianischen Politikern bewusst. Im Jahr 2003 verpflichtete sich die Regierung im Rahmen der Mapato Erklärung der New Partnership for African Development (NEPAD) zehn Prozent des Staatshaushaltes in die Landwirtschaft zu investieren, mit dem Ziel, die landwirtschaftliche Produktion um jährlich sechs Prozent zu steigern. Bedauerlicherweise ist dieses Versprechen nicht gehalten worden.

Wie bei den Ausschreitungen nach den Wahlen 2007/2008 deutlich wurde, mangelt es in Kenia an politischer Stabilität. Good Governance, Korruptionsbekämpfung und strukturelle Reformen sind Themen, die dringend angegangen werden müssen. Ob die jüngst eingeführten Counties – eine neue Ebene subnationaler Verwaltung – einen nützlichen Beitrag leisten, bleibt abzuwarten.

In jedem Falle bleibt der Zugang der Kleinbauern zu Land und natürlichen Ressourcen ein fundamentales Problem. Weil vermögende Investoren landwirtschaftliche Flächen pachten oder kaufen – ein Phänomen, das als Landnahme (land grabbing) bezeichnet wird –, verlieren viele Kleinbauern ihre Existenz. Solche Verkäufe betreffen typischerweise prosperierende und von hoher Biodiversität geprägte Regionen und nehmen armen Menschen die Lebensgrundlage. Dennoch betrachtet die kenianische Regierung ausländische Direktinves­titionen als wichtig und erleichtert den Investoren den Landerwerb.

Auch klimatische Veränderungen spielen eine Rolle. Laut dem Intergovernmental Panel on Climate Change zählt Ostafrika zu einer der am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels bedrohten Regionen. Sie prognostizieren einen Rückgang der Ernte von bis zu 50 Prozent bis zum Jahr 2020. Bereits jetzt gibt es immer häufiger schwere Dürren und zu wenig Regen, aber auch Überschwemmungen aufgrund unvorhersehbarer Niederschläge.

In der Vergangenheit kam es in Ostafrika alle zehn bis 15 Jahre zu einer schweren Dürre, heute passiert dies alle zwei bis drei Jahre. Dürren verringern die Ernte, sie haben aber auch Auswirkungen für die Viehhalter, die kein Weideland mehr für ihre Herden finden. Schwindende natürliche Ressourcen, die fortschreitende Degra­dierung der Böden, Wüstenbildung und Wassermangel schränken nicht nur die Produktion ein, sie führen auch zu Ressourcenkonflikten. So kommt es beispielsweise zu Auseinandersetzungen zwischen Kleinbauern und Viehhaltern um die Nutzung von Land und Wasser.

 

Agrarhandel

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) klassifiziert Kenia als Nettoimporteur von Lebensmitteln. Gleichzeitig exportiert das Land große Mengen Gemüse und exotische Früchte unter anderem nach Britannien, Frankreich, die Niederlande und Spanien.

Die Kleinbauern sind am Exportgeschäft beteiligt. Im Jahr 2004 lag ihr Anteil an den Obst- und Gemüseausfuhren bei 60 Prozent. Seitdem ist dieser Anteil aber auf 30 Prozent gefallen. Der Grund sind höhere Standards für Exportprodukte, die Kenia aufgrund von Forderungen britischer Supermarktketten eingeführt hat. Die Kleinbauern haben Mühe, diese Standards einzuhalten.

Kenia zählt zu den drei größten Tee-Exporteuren der Welt, ist der drittgrößte afrikanische Kaffeeproduzent und der größte Exporteur von Schnittblumen für den europäischen Markt. Entsprechend verdrängen ertragreiche Exportprodukte (cash crops) den Anbau von Nahrungsmitteln (food crops).

Die East African Community, in der Kenia Mitglied ist, verhandelt mit der Europäischen Union (EU) über ein Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (Economic Partnership Agreement – EPA). Die Kleinbauern sind alarmiert. Sie befürchten, dass die Handelsliberalisierung aufgrund billiger Importe insbesondere von Weizen, Mais, Milchprodukten und Fleisch zu stärkerem Wett­bewerb führen wird. Es besteht die Gefahr, dass inländische Produzenten vom Markt verdrängt werden. Da die Umweltbedingungen in Kenia nicht besonders vorteilhaft für die Landwirtschaft sind, können bäuerliche Kleinbetriebe nicht zu niedrigen Preisen produzieren. Ein weiterer Nachteil des EPA wären geringere Regierungseinnahmen aufgrund der Streichung von Zöllen. Die Folge wäre wahrscheinlich, dass noch weniger Geld für Investitionen in In­frastruktur zur Verfügung stünde.

Kenia zählt nicht zu den am wenigsten entwickelten Ländern. Wenn das EPA nicht ratifiziert wird, wird die EU Kenia ebenso behandeln wie Brasilien, Indien und Südafrika, allesamt Länder mit einem sehr viel weiter entwickelten Agrarsektor. Die Zölle für viele kenianische Importe nach Europa würden steigen, wenn Kenia nicht mehr im Rahmen eines vorläufigen Wirtschaftspartnerschaftsabkommens dieselbe Vorzugsbehandlung genösse wie alle anderen Mitglieder der East African Community. Die EU-Zölle für die Hauptexportprodukte Tee und Kaffee würden aber nach wie vor nicht erhoben, was zeigt, wie stark das Interesse der Europäer an diesen Gütern ist. Kenias Landwirtschaft richtet sich immer stärker nach ausländischen Bedürfnissen, anstatt die Nahrungssicherheit im Land voranzutreiben.

Die kenianische Regierung sollte dem Agrarsektor Priorität einräumen. Sie muss mehr finanzielle Mittel für die Landwirtschaft zur Verfügung stellen und gleichzeitig Kleinproduzenten von Nahrungsmitteln stärken, lokale Agrarverbände unterstützen sowie Maßnahmen gegen die Folgen des Klimawandels ergreifen.

Auch die EU und andere globale Akteure müssen ihre Standpunkte überdenken. Immer mehr europäische Politiker erkennen die negativen Aspekte der EPAs. Es bedarf einer Neuausrichtung der Handelsbeziehungen zwischen der EU und Entwicklungsländern. Europa muss die ursprüngliche Zusage, mit ehemaligen Kolonien zu kooperieren, einhalten und mithelfen, globale Entwicklungsziele zu erreichen. Ebenso sollte die EU Privatunternehmen bezüglich der Auswirkungen ihrer Aktivitäten in Afrika zur Verantwortung ziehen. Es ist unerlässlich, verbindliche internationale Regeln für verantwortungsvolle Grundstücksinvestitionen umzusetzen. Laut Olivier de Schutter, dem UN-Sonderbeauftragten für das Recht auf Nahrung, ist Hunger ein politisches Problem, das nur durch politische Entscheidungen gelöst werden kann.

 

Dagmar Milerova Praskova ist Analystin beim unabhängigen Thinktank Glopolis in Prag.
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