Entwicklung und
Zusammenarbeit

Demokratie vs. Autokratie

Welche Art von Solidarität die Menschen in Venezuela jetzt brauchen

Die Venezolaner*innen sind in eine neue Phase derselben Krise eingetreten, mit der sie seit vielen Jahren kämpfen. Internationale Reaktionen, die Solidarität mit Bevormundung verwechseln, sind dabei nicht hilfreich. Stattdessen verdienen pro-demokratische Akteure der Zivilgesellschaft mehr Unterstützung.
Demonstration in Südafrika im Januar gegen das Vorgehen der USA in Venezuela. picture alliance/Anadolu/Ihsaan Haffejee
Demonstration in Südafrika im Januar gegen das Vorgehen der USA in Venezuela.

Seitdem die Vereinigten Staaten unter Donald Trump am 3. Januar Nicolás Maduro mit militärischer Gewalt gefangen nahmen, hat sich in Venezuela alles und nichts geändert. Delcy Rodríguez, seit 2018 Vizepräsidentin, führt nun das an, was die Historikerin und politische Analystin Margarita López Maya als „De-facto-Regierung, aber unter Vormundschaft“ bezeichnet. Es passiert viel, doch wenig lässt sich mit Sicherheit prognostizieren. Die Ereignisse ändern sich binnen weniger Tage.

Nach wochenlangen, intensiven Debatten, die alte Gegensätze wiederbelebten – „links“ gegen „rechts“, „Souveränität“ gegen „Völkerrecht“ –, wird immer deutlicher, dass Maduro von Akteuren aus seinem eigenen Machtzirkel ausgeliefert wurde. Ironischerweise öffneten so gerade diejenigen, die lange Zeit den Diskurs über Blockfreiheit und Antiimperialismus vorangetrieben hatten, der Trump-Regierung die Tür zur US-Präsenz in der Region.

Die Entwicklungen in Venezuela erfordern ständige Aufmerksamkeit. Das herrschende Chaos ist kein Zufall, sondern strukturell bedingt. Der Kontext ändert sich rasch, und die allgegenwärtige Propaganda verschleiert wichtige Zusammenhänge.

Nach Maduros Festnahme waren schnelle und lautstarke internationale Reaktionen zu vernehmen. In mehreren Metropolen kam es zu Demonstrationen für die Verteidigung der territorialen Integrität Venezuelas. Die antiimperialistische Rhetorik kehrte mit Nachdruck zurück. Doch viele Venezolaner*innen im Inland und in der Diaspora beobachteten diese Reaktionen sowohl mit Erleichterung als auch mit Irritation. Nicht, weil die Sorge um das Völkerrecht unangebracht wäre, sondern weil etwas Entscheidendes fehlte: die Perspektive der Venezolaner*innen selbst.

Der venezolanische Soziologe und Menschenrechtsaktivist Rafael Uzcátegui bezeichnet dieses Phänomen als „kleinen Kolonialismus“: eine Form symbolischer Herrschaft, die entsteht, wenn Außenstehende sich anmaßen, die Stimmen derjenigen, die die Gewalt erleben, zu interpretieren, zu bewerten und letztlich zu ersetzen. Diese Haltung präsentiert sich als prinzipientreu und fortschrittlich; sie zwingt aber den Betroffenen von oben herab Narrative auf.

Diese Dynamik wird sichtbar, wenn Venezolaner*innen gesagt wird, wie sie ihre eigene Krise zu interpretieren haben. Solidarität wird dann zu Pädagogik. Beobachter*innen im Ausland fordern geopolitische Reife und narrative Disziplin, aber sie ignorieren oder bagatellisieren, was die Opfer mit eigenen Augen gesehen haben.

Der venezolanische Staat verletzt Menschenrechte

Die verheerende Menschenrechtslage in Venezuela hat sich nicht verbessert, tatsächlich treten die Missbräuche sogar immer deutlicher zutage. Da die Angst schwindet und nach und nach Gefangene freigelassen werden, tauchen immer mehr Zeugenaussagen auf. Lange vermutete Gräuel werden bestätigt, andere, zuvor unvorstellbare, kommen ans Licht. Organisationen, die sich für Transparenz und Dokumentation einsetzen, arbeiten trotz rechtlicher Schikanen und knapper Ressourcen weiter, auch aus dem Exil. Politische Gefangene bleiben das sichtbarste Symbol der Unterdrückung.

Ja, militärische Interventionen schaffen gefährliche Präzedenzfälle. Aber das Gleiche gilt für den systematischen Abbau demokratischer Institutionen unter dem Schutzmantel der Souveränität. Und es gilt für einen Staat, der seine eigene Bevölkerung bekämpft, Gerichte kapert, Wahlen aushöhlt, die Zivilgesellschaft kriminalisiert und Intransparenz als Waffe einsetzt. Auch das sind Präzedenzfälle. Sie schaffen ein Machtvakuum und normalisieren Straflosigkeit, lange bevor irgendwelche Flugzeuge oder Militärstiefel auftauchen.

Venezuela steckt nicht erst seit Januar in der Krise. Die jüngsten Ereignisse sind der Höhepunkt von fast 20 Jahren institutioneller Erosion und Unterdrückung. Ein Beispiel: die Präsidentschaftswahlen 2024. Die Bedingungen waren weder frei noch fair, und trotzdem standen Millionen Menschen Schlange, um zu wählen – obwohl sie sich der Wahrscheinlichkeit von Wahlbetrug bewusst waren. Viele sahen in der Stimmabgabe den letzten verbliebenen demokratischen Mechanismus. Als klar wurde, dass es erneut an Transparenz mangelte, folgte internationale Kritik, aber die Institutionen handelten nicht entschlossen. Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) scheiterte mit einem Resolutionsentwurf, der Transparenz forderte. Die Antwort auf die Hilferufe war Zögern.

Venezolaner*innen kämpfen für Veränderung, nicht Bomben

Die Demokratie ist global auf dem Rückzug, und der Fall Venezuela zeigt: Es geht gar nicht so sehr um „Souveränität versus ausländische Intervention“. Der eigentliche Konflikt ist jener zwischen einer autoritären Regierung, die ihre Position festigt, und Menschen, die versuchen, die Demokratie zu verteidigen. 

Wenn Ideologie wichtiger ist als das Leid der Menschen, wird Solidarität selektiv. Und wenn Institutionen versagen, kann das die Opfer zu Verzweiflungstaten drängen. Die meisten Venezolaner*innen haben nicht darum gebeten, dass die Trump-Regierung das Land bombardiert und Maduro gewaltsam absetzt, um dem Chavismus ein Ende zu setzen. Stattdessen haben sie unter enormen Risiken gewählt, protestiert und sich organisiert, um demokratischen Wandel herbeizuführen.

Während viele Venezolaner*innen die Intervention als beschämend und alarmierend bezeichnen, geben einige auch zu, dass sie erleichtert sind, dass ein scheinbar unerschütterliches System zerbrochen ist. Diese Komplexität ist kein Widerspruch, sondern reale Auswirkung einer Dauerkrise, in der die Venezolaner*innen systematisch alleingelassen wurden.

Die internationale Gemeinschaft mag sich nicht ganz sicher sein, wem gegenüber sie ihre Solidarität zeigen soll. Hier eine konkrete Antwort: gegenüber den zivilgesellschaftlichen Organisationen, Gruppen und Netzwerken, die Missetaten trotz aller Bedrohung dokumentiert haben, oft aus dem Exil heraus, und die sich nun mit drastischen Kürzungen von Mitteln konfrontiert sehen. Die Unterstützung Venezuelas und die Verhinderung ähnlicher Krisen anderswo hängen davon ab, solche Akteure zu stärken, anstatt über sie hinwegzusprechen. Internationale Partnerschaften, die auf Zuhören basieren, werden das verstehen.

Laura Vidal ist venezolanische Forscherin und Autorin.
linkedin.com/in/lauravidalbarrios

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