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Vom Sterben der Flüsse

Fred Pearce: Wenn die Flüsse versiegen. Verlag Antje Kunstmann, München 2007, 400 S., 24,90 Euro, ISBN 978-3-88897-471-7

Früher feierte man ein berühmtes Fischerfest, wenn sich die Flut des Hadejia-Nguru-Feuchtgebiets in Nordnigeria zurück­zog, das eine Million Menschen mit Fisch und Gemüse versorgte. Jugendliche wetteiferten darum, wer den größten Fisch aus den verbliebenen Tümpeln zog. Heute verkümmern die Seen, Getreide verbrennt in der sengenden Sonne, Fischernetze bleiben leer. Vieh wird notgeschlachtet und selbst die Bienen bleiben weg, weil die Bäume wegen des sinkenden Grundwassers verdorren.

Anschaulich, ganz in der angelsächsischen Tradition naturwissenschaftlicher Essays, beschreibt Fred Pearce, welche Folgen das Sterben von Flüssen hat – sei es in Nordnigeria, in den USA oder in Afghanistan. Nichts werde für die Menschheit im kommenden Jahrhundert von derartiger Bedeutung sein wie das Schicksal unserer Flüsse, behauptet der Wissenschaftsjournalist und Umweltberater des Magazins New Scientist. Der Anstoß für das Buch war die Entdeckung, dass die Karten im Atlas nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinstimmen: Ganze Seen sind verschwunden, und Flüsse wie der Nil, der Rio Grande, der Jordan und der Indus ergießen sich nicht mehr ins Meer, sondern versickern vorher im Sand.

Der Wasserverbrauch für die Landwirtschaft, der direkte Verbrauch der Menschen, die Versiegelung der Erde und der Bau von Staudämmen sind laut Pearce die wichtigsten Ursachen dafür. Weil in vielen Regionen, etwa im Wes­ten der USA, das Flusswasser knapp wird, würden zudem unterirdische Wasservorkommen angezapft, die sich mangels Regen nie wieder füllen würden. Pearce weist darauf hin, dass die Hälfte des gesamten erneuerbaren Süßwasserbestands der Erde sich auf dem Gebiet von nur sechs Staaten befindet: Brasilien, Russland, Kanada, Indonesien, China und Kolumbien.

Pearce fordert eine „blaue Revolution“ in der Landwirtschaft. Weltweit werde doppelt so viel Nahrung produziert wie noch vor einer Generation, doch dazu sei die Wasserentnahme aus Flüssen und Grundwasserspeichern um zwei Drittel gesteigert worden. Manche Felder erstarrten nach jahrelanger Bewässerung unter einer Salzkruste. „Virtuelles Wasser“ werde aus trockenen in wasserreiche Regionen exportiert, wenn Produkte, für deren Erzeugung man viel Wasser braucht – etwa Baumwolle aus Pakistan oder Avocados aus Israel –, nach Europa eingeführt würden.

Das Buch berührt eine Vielfalt von Themen – von vergiftetem Brunnenwasser über den Klimawandel bis zu den Methan-Emissionen von Wasserkraftwerken. Wirtschaftliche Zusammenhänge kommen aber etwas kurz. Nur wenn die Sprache auf Wasserverträge zwischen den USA und Mexiko oder zwischen Südafrika und dem wasserreichen Lesotho kommt, zeigt Pearce, wie sehr die Wasserversorgung auch mit Geld zu tun hat.

So bildhaft seine Erzählungen sind, hin und wieder wünscht man sich genauere Informationen. Zum Beispiel fehlt seinen Angaben zum „virtuellen Wasser“ die Berechnungsgrundlage. Dennoch ist verblüffend, dass man 100 Liter Wasser braucht, um eine Portion Reis herzustellen, 150 Liter für eine Scheibe Toast, 500 Liter für ein Omelett mit zwei Eiern und 5000 Liter für ein kleines Steak. Zucker, Kaffee und Alkohol schlagen besonders hoch zu Buche. Wer macht sich schon darüber Gedanken, dass man für eine einzige Mahlzeit viele tausend Liter Wasser verbraucht?

Anke Schwarzer