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Nigerias IKT-Marktplatz

Erfolg basiert auf vielen Faktoren

von Johannes Paha, Lydia Wolter

Hintergrund

Nicht nur Jugend­liche nutzen Smartphones für die Kommunikation in Nigeria.

Nicht nur Jugend­liche nutzen Smartphones für die Kommunikation in Nigeria.

Das Otigba Computer Village in Lagos ist ein wichtiger Marktplatz, sowohl landesweit als auch über die Grenzen Nigerias hinaus. Das Wachstum der informellen Beschäftigung in diesem Cluster hat Schattenseiten – allerdings ist Formalisierung ebenfalls problematisch. Denn zu den Erfolgsfaktoren Otigbas gehören unter anderem positive Bildungseffekte, die bei einer Formalisierung verloren gehen könnten.

Das Otigba Computer Village in Lagos ist als „Westafrikas Silicon Valley“ bekannt. Es dient als weitgehend informeller Marktplatz für den Verkauf von Produkten der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) und für damit verknüpfte Dienstleistungen, etwa die Reparatur von gebrauchten Produkten. Somit unterscheidet sich Otigba in Nigerias größter Stadt Lagos zwar vom Silicon Valley in den USA, das vor allem ein Innovationsstandort für Konzerne ist. Trotzdem ist seine Bedeutung groß: Das Computer Village gilt als der womöglich größte IKT-Markt in Afrika.

Zu den Erfolgsfaktoren gehören positive externe Effekte in der beruflichen Bildung. Im Computer Village verfügt ein überdurchschnittlich großer Anteil der Arbeitskräfte über einen Hochschulabschluss (etwa 50 Prozent) oder eine technische Ausbildung (etwa 30 Prozent). Diese Fachkräfte geben ihr Wissen und ihre Fertigkeiten an andere Beschäftigte weiter. Beispielsweise werden junge Menschen so in Batteriereparaturen, den Handel von gebrauchten Handys oder den Verkauf von Software eingewiesen.

Diese Form der Ausbildung ist angesichts der eingeschränkten Bildungsmöglichkeiten in Nigeria besonders relevant. Die Auszubildenden können dadurch verantwortungsvollere Tätigkeiten übernehmen oder ihr eigenes Geschäft eröffnen. Sie fungieren dann selbst als Multiplikatoren.

Die große Arbeitsplatzmobilität und die vielen Start-ups begünstigen die positiven externen Effekte des Austauschs von Wissen weiter. Der Dorfcharakter Otigbas ist ein weiterer Schlüsselfaktor: Die Mitglieder sind eng miteinander verbunden und teilen sowohl Ressourcen als auch ihr Wissen.


Zu wenige Jobs im formellen Sektor

Die guten Beschäftigungsmöglichkeiten in Otigbas informellem Sektor sind allerdings nicht ausschließlich positiv zu bewerten und offenbaren staatlichen Handlungsbedarf: Gäbe es genügend Arbeitsplätze im formellen Sektor, in dem das Arbeits- und das Sozialrecht – inklusive des nigerianischen Mindestlohns – gelten, würden Tätigkeiten im informellen Sektor weniger wachsen. Eine Überführung informeller Aktivitäten in den formellen Sektor scheint somit auf den ersten Blick erstrebenswert.

Eine Formalisierung kann jedoch auch negative Auswirkungen haben: Arbeit wird dadurch teurer, bestehende Jobs geraten in Gefahr.

Entwicklungspolitisch besteht ein Dilemma. Informelle Strukturen entstehen ohne Regulierung und ohne staatliche Planung. Weil sie vielen Menschen Beschäftigung und Lebensunterhalt sichern, sind sie wertvoll. Andererseits ist Regulierungslosigkeit auch problematisch. Umweltschutz, soziale Sicherheit und Arbeitsschutz sind ebenso wenig gewährleistet wie die Durchsetzung verbindlicher Verträge. Infrastrukturen – von der Stromversorgung bis hin zu Finanzdienstleistungen – bleiben unzureichend. Formal organisierte Wirtschaftszweige sind kostenaufwendiger, aber auch produktiver. Breiter Wohlstand ist informell nicht herstellbar, selbst wenn informelle Strukturen dort, wo formale Unternehmen nicht gedeihen, extreme Armut verhindern. Staatliche Politik sollte deshalb informelle Strukturen möglichst behutsam formalisieren und die negativen Folgen mit entsprechenden Gegenmaßnahmen abfedern (siehe auch Beitrag von Rishikesh Thapa im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Paper 2021/09).

All das trifft auch auf Otigba zu, wo überlastete Infrastruktur bedeutet, dass Müll sich im öffentlichen Raum ansammelt oder häufig der Strom ausfällt. Andererseits hat all das auch unmittelbar mit den Standortvorteilen des Computer Village zu tun. Dazu gehört unter anderem die hohe Konzentration von wirtschaftlicher Aktivität auf engem Raum. Viele der Unternehmen sind klein und profitieren von den Agglomerationseffekten des Clusters. Ein Beispiel sind niedrigere Beschaffungskosten von Inputgütern. Auf dem Arbeitsmarkt führt die hohe Konzentration an ähnlich qualifizierten und spezialisierten Arbeitnehmern dazu, dass Angebot und Nachfrage von Fachkräften besser und häufiger zusammenfinden. Dadurch steigt die Produktivität. Zudem können hoch spezialisierte Arbeitskräfte schnell und unkompliziert von einem Unternehmen zum anderen wechseln, ohne lange Fahrtwege oder einen Umzug in Kauf nehmen zu müssen.

Ein weiterer Schlüsselfaktor, der das ehemals kleine Computer Village auf seine heutige Größe anwachsen ließ, war die Nutzung von sogenannten First-Mover-Vorteilen. Otigba war der erste Marktplatz, der parallel zum Verkauf von IKT-Produkten eine ergänzende Dienstleistungsindustrie entwickelte. So können Kunden gleich den passenden Mobilfunkvertrag zum neuen Handy abschließen, bei einem Laptop-Kauf die Software installieren lassen oder weiteres Zubehör erwerben.

Dass die Kunden dieses Angebot angenommen haben, lag entscheidend an der Werbung in den lokalen und überregionalen Medien. Preise und Informationen über die Produkte wurden in Zeitungen veröffentlicht und ermöglichten einen Vergleich dieser Charakteristika. So kamen schließlich Kunden aus ganz Nigeria und darüber hinaus nach Otigba.


Umweltprobleme und überlastete Infrastruktur

Dieses Wachstum brachte aber auch Nachteile mit sich, etwa Umweltprobleme wie zum Beispiel Krankheiten und Ungezieferplagen durch nicht abtransportierte Abfälle, Stau aufgrund der überlasteten Verkehrsinfrastruktur sowie Wohnungsmangel und hohe Mieten und Immobilienpreise.

Diese Formen des Marktversagens erfordern korrigierende staatliche Eingriffe. Zudem muss eine regionale Infrastruktur bereitgestellt werden, zum Beispiel Straßen, Parkplätze und ein zuverlässiger öffentlicher Nahverkehr. Auch die ständige Benzin- und Dieselknappheit muss gelöst werden. Darüber hinaus sind eine stabile Strom- und Internetversorgung sowie eine zuverlässige Abwasserentsorgung nötig.

Die nigerianische Regierung will diese Probleme durch eine Umsiedlung des Computer Village von Otigba nach Katangowa beheben. Während aktuell Platzmangel herrscht, soll der neue Standort auf mehr als 15 Hektar genug Platz für die staatlichen Expansionspläne bieten. Das neue IKT- und Innovationszentrum soll in drei Marktplätzen jeweils über 1000 Geschäfte beherbergen. Zudem sind Parkplätze, Be- und Entlademöglichkeiten sowie Lagerhallen und Raum für Montagetätigkeiten geplant. Auch Elektrizität soll zuverlässig verfügbar sein – ein entscheidender Vorteil in einem Land, in dem 40 Prozent der Bevölkerung gar keine und mehr als die Hälfte keine unterbrechungsfreie Stromversorgung haben.

Die Regierung verspricht sich durch die Umsiedlung und die dann besseren Rahmenbedingungen eine weitere Beschleunigung des Wachstums von Otigba. Ob dieses Ziel erreicht wird, hängt jedoch davon ab, wie gut die Herausforderungen gemeistert werden, die die Umsiedlung und die zwangsläufig damit einhergehende Überführung in den formellen Sektor mit sich bringen. Denn die Agglomerationseffekte sowie die positiven externen Effekte der Bildung könnten durch die Umsiedlung zerstört werden.

Eine große Sorge ist, dass die Kunden aufgrund der dezentralen Lage ausbleiben. Zudem könnte sich die Notwendigkeit zum Erwerb eines Geschäfts als Barriere für den Markteintritt oder als Hindernis für die Umsiedlung erweisen, da Händler sich womöglich die Ladenfläche nicht leisten und auch nicht finanzieren können. Hinzu kommt Kritik aus der Bevölkerung, da der neue Standort vor der Bebauung kein ungenutztes Land war: Dort befand sich ein Kleidungsmarkt, der unter ähnlichen Problemen wie das Computer Village litt, aber für dessen Umsiedlung beseitigt wurde.

Nichtsdestotrotz ist Otigbas Entwicklung insgesamt eine Erfolgsgeschichte. Das Computer Village offenbart beispielhaft, dass eine große Anzahl gut ausgebildeter Arbeitskräfte, gepaart mit der Bereitschaft zur Übernahme unternehmerischer Risiken, eine sich selbstverstärkende wirtschaftliche Entwicklung auslösen kann. Diese hängt von einer Reihe weiterer Faktoren wie Agglomerationseffekte, positive externe Effekte und First-Mover-Effekte ab, die jedoch in ihrem Zusammenspiel nur schwer repliziert werden können. Dies ist zu bedenken, wenn die unregulierte wirtschaftliche Entwicklung reduziert und die Überführung der Tätigkeiten in den formellen Sektor weiter gefördert werden sollen.


Johannes Paha ist Privatdozent an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, wo er zur Wettbewerbs- und Entwicklungspolitik (aktuell mit Schwerpunkt auf der Energiewende) forscht.
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Lydia Wolter ist Studentin der Volkswirtschaftslehre, Anglistik und Amerikanistik an der Universität Potsdam. Die Themen dieses Beitrags entstammen ihrer Abschlussarbeit.
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