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Infrastruktur

Der Verschmutzung auf der Spur

von Philip Schuler

Hintergrund

This is no way to keep spring water clean

This is no way to keep spring water clean

Ein Dorf in Nordjordanien hängt vom Wasser einer kontaminierten Quelle ab, wie vier deutsche und arabische Studenten heraus­fanden. Ihr Projekt hat ergründet, wie die Lage zu verbessern wäre. Von Philip Schuler

Das jordanische Dorf Um Qais leidet an ernst zu nehmender Wasserknappheit. Die „Water Authority Jordan“ (WAJ) versorgt die Haushalte wöchentlich nur 36 Stunden lang mit Wasser. Das liegt vor allem daran, dass diese Ressource ex­trem knapp ist. Laut UNDP gehört Jordanien zu den zehn wasserärmsten Ländern der Welt. Als „wasserarm“ gelten Staaten, die über weniger als 1000 Kubikmeter pro Jahr und Kopf verfügen. Jordanien kommt aber nur auf 140 Kubikmeter pro Jahr und Kopf.

Da die öffentliche Versorgung nicht ausreicht, sind die Bewohner von Um Qais auf weitere Bezugsquellen angewiesen. In der Regenzeit im Winter ist das Sammeln von Regenwasser eine Option: Regen wird in Tanks geleitet und gespeichert. Die Alternative ist die Nutzung einer Quelle, die das ganze Jahr über nicht versiegt. Die Berechnungen der Studenten zeigen, dass Um Qais im Winter etwa zehn Prozent seines Bedarfs auf diese Weise deckt und dass die Quote im Sommer auf bis zu 30 Prozent steigt.

Die Wasserqualität ist allerdings ein Problem. Stichproben haben gezeigt, dass die Quelle mit E. coli und Nitrat belastet ist. Laut WHO sind Nitratkonzentrationen über 50 mg/l gefährlich – und zwar besonders für Kinder, weil der Sauerstofftransport im Blut gehemmt wird. Das Syndrom wird „blue baby“ genannt; typische Symptome sind Atembeschwerden, Erbrechen und Durchfall.

Krankheitserreger im Trinkwasser

E.coli-Bakterien leben im Darm von Menschen und Tieren. Sie können Krankheiten von einem Wirt zum nächsten übertragen. Daher dürfen sie im Trinkwasser überhaupt nicht vorkommen. Ein einziges nachgewiesenes Bakterium zeugt schon von fäkaler Verunreinigung.

Die Kontamination der Quelle von Um Qais hat mehrere Gründe:
– Die regionale Landwirtschaft stützt sich auf nitrathaltigen Dünger. Nordjordanien ist für sein Olivenöl bekannt. Die Bäume prägen die Landschaft.
– Als Dünger wird auch Viehkot benutzt. Das ist sinnvoll, weil Dung billig und reichlich vorhanden ist. Hühner und Rinder sind schließlich ebenfalls regional wichtige Einkommensquellen. Der Nachteil ist jedoch, dass durch Niederschlag und Bewässerung feinste Partikel in die Böden gelangen und von dort ins Grundwasser sickern können.
– Um Qais ist – wie rund 40 Prozent der Haushalte in Jordanien – nicht an die Kanalisation angeschlossen. Die Bewohner leiten ihr Abwasser entweder in antike Höhlen unter ihren Häusern oder in undichte Jauchegruben. Diese Gruben sollten so abgedichtet sein, dass keine Partikel in den Untergrund dringen können. Sie müssten zudem regelmäßig entleert werden, um ein Überlaufen zu verhindern. Weil derlei aber teuer ist, wird es oft unterlassen. In der Vergangenheit hat die Bevölkerung sogar Spalten im ohnehin zerklüfteten Karst weiter vergrößert – unter anderem mit Sprengstoff. Das führte zu einer scheinbar natürlichen Entleerung der Gruben, aber auch zur E. coli-Belastung des Grundwassers. Dynamit wird heute nicht mehr verwendet, aber mit ähnlichen Folgen beschleunigen die Menschen neuerdings die Versickerung mit Salz.

Um Qais liegt auf einem Hügel. Die Quelle liegt 200 Meter tiefer, in 1,5 Kilometer Distanz zum Dorf. Die durchschnittliche Steigung beträgt etwa 20 Prozent.

Um die Kontamination der Quelle zu beheben, lautet die erste Frage: Wo kommt das Quellwasser her? Hydrogeologen grenzen dafür topographisch das Einzugsgebiet ab. Im Fall von Um Qais geht es dabei um Felder und etwa das halbe Dorf.

Nachhaltiger Quellschutz muss an mehreren Punkten ansetzen. Die detaillierte Kartierung der Landnutzung ist sinnvoll, denn „eine Karte sagt mehr als tausend Worte“, wie Fachleute sagen. Karten sind ein mächtiges, visuelles Instrument der Entscheidungsfindung. Sie erleichtern es zudem, allen Bewohnern die Probleme zu erklären. Eine gute Karte zeigt, wo Verunreinigung stattfindet. Allerdings scheint die Nutzung von Karten in der Region nicht verbreitet zu sein.

Auf der Basis von Karten sollten im nächsten Schritt drei verschiedene Grundwasserschutzzonen markiert werden. Abhängig von der Entfernung zur Quelle wären danach unterschiedliche Regeln zu befolgen, die allerdings alle tendenziell konfliktträchtig sind.
– Schutzzone 1 würde die Quelle unmittelbar umgeben und sollte umzäunt werden. Das dürfte aber Hirten nicht recht sein, die ihr Vieh aus der Quelle trinken lassen wollen. Diese Praxis ist eindeutig nicht tolerierbar.
– Auch in die Schutzzone 2 dürften keine Herden gelangen, zudem wäre der Einsatz von Dünger zu unterbinden. Abermals sind Einwände von Bauern und Schäfern wahrscheinlich.
– In Schutzzone 3 – im Falle von Um Qais betrifft das das ganze Einzugsgebiet – wäre intensive Landwirtschaft mit Pestiziden sowie das Ausleiten von unaufbereitetem Abwasser zu verbieten. Der Düngereinsatz könnte mit gewissen Einschränkungen akzeptiert werden.

Bisher sind sich die Menschen in Um Qais der Quellschutz-Problematik nicht bewusst. Ihre Grundhaltung kam in der Frage eines Bewohners zum Ausdruck: „Warum soll ich ein Verhalten ändern, das ich mein Leben lang so praktiziert habe?“ Kausale Zusammenhänge werden nicht immer verstanden. Dies mag mit dazu führen, dass mache Leute nicht einmal davor zurückschrecken, krebserregendes Kerosin zum Reinigen von Trinkwassertanks zu verwenden.

Auf alle Fälle würde die Einrichtung von Schutzzonen eingespieltes Verhalten und traditionelles Handeln der Bevölkerung stören. Deshalb wäre Dialog zwischen den verschiedenen Stakeholdern wichtig, um die Akzeptanz der neuen Regeln zu steigern. Es wäre sinnvoll, den Menschen wissenschaftliche Zusammenhänge kulturell sensibel zu vermitteln, um offene Konflikte zu vermeiden. Konflikt wäre selbstverständlich das schlimmste Resultat eines Quellschutzprojekts.

Die größte Herausforderung liegt aber sicherlich darin, dass Abwasser aufbereitet werden muss. Eine dezentrale Anlage für das Dorf wäre eine Option. Sie würde allerdings Geld kosten, das die Bewohner nicht haben. Im Prinzip wären sie zwar bereit zu zahlen, aber das Dorf ist zu arm, um sich einen Kredit leisten zu können. Viele Bewohner äußerten deshalb ihre Frustration darüber, dass sie Beiträge für das nationale Abwasserentsorgungssystem zahlen müssen, obwohl dieses für ihr Dorf gar keine Leistungen erbringt.