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US-Politik

Antisemitische Zionisten

von Jonathan Brenneman

Hintergrund

Der republikanische Senator Ted Cruz auf der diesjährigen CUFI-Konferenz.

Der republikanische Senator Ted Cruz auf der diesjährigen CUFI-Konferenz.

Unter den Evangelikalen in den USA gibt es viele christliche Zionisten, die eine starke Verbindung zu Israel haben. Als wichtige Trump-Wähler beeinflussen sie die Außenpolitik des US-Präsidenten, verdrängen zunehmend jüdische Interessengruppen und verbergen dabei ihre antisemitische Ideologie.

Donald Trump ist von Israel besessen. Einige Experten halten ihn für den israelfreundlichsten Präsidenten in der US-Geschichte. Trump befürwortet praktisch jeden Schritt von Benjamin Netanjahu, obwohl sein israelischer Amtskollege selbst ein sehr umstrittener Politiker ist. Nichtsdestotrotz verlegte Trump die US-Botschaft nach Jerusalem, unterstützt Israels illegale Siedlungspolitik in besetzten Gebieten sowie den Abriss palästinensischer Häuser.

Trumps Sympathie für Israel ist offensichtlich, die Gründe dafür nicht unbedingt. Seit der Staatsgründung Israels war jede US-Regierung israelfreundlich. Das habe mit gemeinsamen geostrategischen Interessen zu tun, sagen manche Analysten. Andere verweisen auf die starke Lobby amerikanischer Juden. Trumps Beziehung zu Netanjahu ist deshalb so einmalig bedingungslos, weil es seine Stammwählerschaft so will. Dazu gehören besonders viele christliche Zionisten. Jüdische Amerikaner lehnen Trump dagegen eher ab.

Evangelikale machen rund ein Viertel der Christen in den USA aus. Der christliche Zionismus ist eine Strömung innerhalb dieser theologischen Richtung. Seine Anhänger glauben an die wörtliche Interpretation der Bibel und wünschen sich, dass Israel auf seinem Staatsgebiet alle Juden auf der Welt versammelt, expandiert und muslimische Gebetsstätten zerstört Das „Heilige Land“ soll schließlich von Nichtjuden ethnisch gesäubert werden. Manche glauben zudem, dass nur so Jesus Christus wiederkäme. Christliche Zionisten unterstützen Israel, aber nicht das Judentum. Allerdings haben Juden in ihrer Ideologie eine nützliche Funktion. „Gute Juden“ gehören nicht zur amerikanischen Gesellschaft, sondern sie wandern nach Israel aus. Ihre Ideologie ist von Antisemitismus geprägt, und Trump selbst verbreitet gern antisemitisches Gedankengut (siehe Beitrag von Benjamin Balthaser in E+Z/D+C e-Paper 2019/10, Schwerpunkt).

So deutlich sprechen christliche Zionisten dies aber nur selten aus. Dennoch haben sie über die Jahre viele antisemitische Aussagen gemacht. Der bekannte christliche Zionist John Hagee bezeichnete etwa den Holocaust als Akt Gottes, um die Juden „zurück nach Israel“ zu schicken. Außerdem sagte er, Juden seien selbst für die Ressentiments gegen sie verantwortlich, weil sie den Jesus nicht als Messias akzeptierten. Sie „säten den Samen des Antisemitismus selbst“ und brächten so für „Jahrhunderte Zerstörung über sich“.

Christliche Zionisten verpflichten sich, Israel zu unterstützen. Wenn sie das tun, wird ihnen ein gesegnetes Leben versprochen, tun sie es nicht, droht ihnen die Verdammung. Sie unterstützen die ex­tremsten rechtsradikalen, rassistischen und kriegsfanatischen Kräfte in Israel und erwarten das auch von ihrer eigenen Regierung.

Laut einer aktuellen Umfrage der christlichen Organisation LifeWay Research befürworten etwa 80 Prozent der Evangelikalen den christlichen Zionismus. Experten schätzen die Zahl christlicher Zionisten auf etwa 30 Millionen. Es geht also nicht nur um ein paar religiöse Fanatiker, sondern um eine sehr einflussreiche politische Bewegung. Der Theologe Robert O. Smith spricht von einem „christlich orientierten, politischen Aktivismus mit dem Ziel, die jüdische Kontrolle über Israel und die palästinensischen Gebiete zu fördern und zu bewahren“.


Mächtige Lobby

Etliche Lobbygruppen unterstützen diese Agenda. John Hagee gründete in den 1990er Jahren Christians United for Israel (CUFI), eine Organisation, die inzwischen angeblich sieben Millionen Mitglieder zählt. Die genaue Zahl ist schwer überprüfbar, aber CUFI ist zweifellos die größte proisraelische Lobbygruppe in den USA. Andere mehrheitlich jüdische Organisationen wie das „American Israel Public Affairs Committee“ (AIPAC) oder „J Street“ kommen dagegen nicht mehr an.

Beim diesjährigen Gipfel in Washington zeigte CUFI ihr wahres politisches Gewicht. Unter den Rednern waren hohe Amtsträger wie Vizepräsident Mike Pence, ein bekennender christlicher Zionist, Außenminister Mike Pompeo und der nationale Sicherheitsberater John Bolton. Ted Cruz, Marco Rubio und andere republikanische Senatoren waren auch anwesend.

CUFI hat die Lobbymacht jüdischer Organisationen inzwischen klar übertrumpft. Als die amerikanische Botschaft nach Jerusalem verlegt wurde, sprach sich CUFI im Gegensatz zu vielen amerikanischen Juden dafür aus. 2018 befürwortete CUFI auch Netanjahus Nationalstaatsgesetz, das den jüdischen Charakter Israels festschreibt. Die Verfassungsänderung war stark umstritten, weil sie das Prinzip gleichberechtigter Staatsbürgerschaft untergräbt. Viele jüdische Organisationen in den USA lehnten das Gesetz ab. Die Trump-Regierung äußerte sich nicht dazu.

Juden in den USA sind in einer ungünstigen Lage. Ihre Haltung zu Israel ist differenzierter, weil sie nicht automatisch jeden Schritt Netanjahus und jede Forderung der christlichen Zionisten gutheißen. Netanjahu ist auch unter Juden ein umstrittener Politiker, nicht zuletzt weil er kürzlich Neuwahlen einberufen hat, um Korruptionsermittlungen gegen ihn zuvorzukommen.

Christliche Zionisten haben inzwischen mehr Einfluss auf die Israel-Politik der USA als die jüdische Gemeinde. Sie haben weder Interesse an friedlichen Lösungen oder Versöhnung, noch legen sie Wert auf die Achtung der Menschenrechte. Liberale politische Parteien sind ihnen zuwider. Wichtig ist ihnen nur die eigene Interpretation biblischer Prophezeiungen.

Sie wissen ihren Antisemitismus gut zu verbergen. Für Muslime haben sie dagegen klare Worte übrig. Ihre Israel-Loyalität hat auch mit ihrem Hass auf Araber und ihre Angst vor ihnen zu tun. Auf der diesjährigen CUFI-Konferenz in Washington wurde das Ausmaß ihrer Islamfeindlichkeit deutlich. Sie schrieben die Flüchtlingskrise in den palästinensischen Gebieten der „mangelnden Aufnahmebereitschaft der arabischen Nationen“ zu; die Schuld an der Ermordung von Kindern durch israelische Soldaten wurde den Palästinensern gegeben, die die Kinder als „menschliche Schutzschilde“ benutzt hätten. Diese islamfeindliche Rhetorik unterscheidet sich kaum von jener nach den Terrorattacken vom 11. September 2001 in New York und in Washington.

Die Öffentlichkeit schenkte christlichen Zionisten bislang wenig Beachtung. Wenn es Gegenwind gab, kam er von Christen selbst. „Die Debatten wurden vorwiegend in christlichen Kreisen geführt“, sagt der palästinensische Christ Alex Awad. Er gründete „Christ at the Checkpoint“. Seine Gruppe lädt Evangelikale in palästinensische Gebiete ein, um sich selbst ein Bild von den leidvollen Auswirkungen ihres Engagements auf palästinensische Christen zu machen. Christen wie Awad setzen dagegen auf die Liebesbotschaften Jesu.

Langsam wächst aber auch in den USA der Widerstand gegen Trump. Weil sich der Bund zwischen den Evangelikalen und seiner Regierung immer mehr vertieft, geraten Organisationen wie CUFI zunehmend in die Kritik. Inzwischen hat auch die breitere Öffentlichkeit ihre politische Macht erkannt. Während die CUFI-Konferenz im Juni tagte, protestierten Juden, Muslime, Christen und nichtreligiöse Aktivisten und machten so deutlich, dass die Debatte über christliche Zionisten nicht mehr nur Christen angeht.


Jonathan Brenneman ist ein amerikanischer Christ palästinensischer Herkunft. Der Menschenrechtsaktivist arbeitet und lebt in Elkhart im Bundesstaat Indiana.
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