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Ökosysteme

Im Schutz der Natur

von Lea Dünow, Christian Pirzer, Anja Schelchen

Hintergrund

Die Região Serrana, in der auch die Gemeinde Teresópolis liegt, wird immer wieder von heftigen Naturkatastrophen heimgesucht.

Die Região Serrana, in der auch die Gemeinde Teresópolis liegt, wird immer wieder von heftigen Naturkatastrophen heimgesucht.

Ein Beispiel aus Brasilien zeigt, dass Menschen sich vor Natur­katastrophen schützen können, wenn sie die Umwelt erhalten – und dass Partizipation dafür besonders wichtig ist.

In allen Teilen der Welt nehmen Extremwetterereignisse und Naturkatastrophen zu. Eine Tendenz, die sich Prognosen zufolge auch weiter fortsetzen wird. Durch Extremwetterereignisse wie Starkregenfälle oder Wirbelstürme entstehen neue Risikogebiete; und in Regionen, die bereits gefährdet sind, verschärfen sich die Lebensbedingungen für die dort lebende Bevölkerung. Die Weltbevölkerung wächst, und in dicht besiedelten Gebieten besteht hohe Konkurrenz um Siedlungsflächen mit Industrie und Landwirtschaft. Gerade die ärmsten oder verletzlichsten Menschen sehen sich daher oft gezwungen, in Risikogebieten zu leben. Gerade sie haben aber häufig weder das Geld noch das technische Wissen, um sich vor Naturkatastrophen zu schützen.

Viele natürliche Ökosysteme, wie artenreiche Wälder, werden zerstört, weil sie Acker-, Weide- oder Wohnflächen weichen müssen. Dabei haben sie eine natürliche Schutzfunktion für den Menschen: Wälder an Berghängen beispielsweise schützen vor Erdrutschen und Überflutungen, da ihr Wurzelwerk die Hänge stabilisiert und sie bei Regen große Mengen an Wasser aufnehmen können.

In Brasilien sind speziell die Bundesstaaten im Süden und Südosten des Landes von der Zunahme solcher Extremwetterereignisse betroffen. Die Bergregion des Bundesstaates Rio de Janeiro ist aufgrund ihrer speziellen Topographie und Geologie sowie der menschlich verursachten Degradierung des atlantischen Küstenwaldes besonders gefährdet.

In der Gemeinde Teresópolis beispielsweise führten im Januar 2011 anhaltende Starkregenfälle zu zahlreichen Erdrutschen und großflächigen Überschwemmungen. Mehr als 900 Menschen kamen innerhalb weniger Stunden ums Leben, und über 45 000 Bewohner verloren ihre Häuser. Immer wieder kommt es hier zu Katastrophen, die jährlich vielen Menschen das Leben kosten.


Das Potenzial von Ökosystemleistungen

Um den Gefahren durch Extremwetterereignisse zu begegnen, setzte Brasilien bei der Risikoreduzierung bisher vor allem auf ingenieurwissenschaftliche, „graue“ Infrastrukturmaßnahmen wie den Bau von Schutzmauern oder die Kanalisierung von Flüssen.

„Grüne“ Maßnahmen zur Risikoreduzierung wurden dagegen kaum berücksichtigt. Dazu zählt zum Beispiel Wiederaufforstung, um die Vegetation in degradierten Ökosystemen und deren natürliche Schutzfunktion wiederherzustellen.

Dabei erfüllen intakte Ökosysteme sogar noch weitere so genannte Ökosystemleistungen: Sie tragen dazu bei, das Klima zu regulieren, erhalten Biodiversität, schützen den Boden sowie Wasser- und Nährstoffkreisläufe. Grüne Maßnahmen würden also auch die Umwelt erhalten und zu einem besseren Klima beitragen.

Im Gegensatz zu „grauen“ Maßnahmen sind sie jedoch eher langfristiger Natur. Existierende Ökosysteme müssen kontinuierlich vor Zerstörung durch Raubbau oder illegale Besiedlung geschützt werden. Bereits degradierte Ökosysteme brauchen Zeit, um ihre Funktionsfähigkeit wiederzuerlangen. Grüne Maßnahmen können langfristig zudem nur erfolgreich sein, wenn die Bevölkerung in Projekte einbezogen und an der Durchführung beteiligt wird – sei es beim Schutz bestehender Wälder oder ihrer Aufforstung.

Die brasilianische Regierung hat das Potenzial dieser grünen Maßnahmen erkannt, die auch ökosystembasierte Anpassungsmaßnahmen genannt werden (Ecosystem-based Adaptation, EbA). Das brasilianische Umweltministerium beauftragte daher im letzten Jahr das Seminar für ländliche Entwicklung (SLE) in Kooperation mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), eine Studie in der Gemeinde Teresópolis durchzuführen. Das SLE-Team unter Leitung von Wolfram Lange untersuchte dort, wie die Bewohner das Umweltrisiko einschätzen und wie gut sie informiert sind. Daraufhin veröffentlichten die Autoren eine Liste mit Handlungsempfehlungen für das Ministerium.


Mit Partizipation zum Erfolg

Wer ökosystembasierte Maßnahmen plant, sollte die Anwohner informieren und für das Projekt sensibilisieren. Dem „gemeindeorientierten Ansatz“ (Community-based Adaptation, CbA) zufolge sollten das Wissen, die Bedürfnisse und die Prioritäten der Bevölkerung berücksichtigt werden, damit Wissen nicht top-down, sondern auf den lokalen Bedürfnissen aufbauend vermittelt wird.

Damit sich die Bevölkerung aktiver am Schutz und der Wiederherstellung von Ökosystemen beteiligt, müssen im Wesentlichen vier Bedingungen gegeben sein:

  •  Erstens muss sich die Bevölkerung des Risikos bewusst sein, denn ansonsten sieht sie keine Notwendigkeit, sich zu schützen.
  •  Zweitens müssen die Anwohner sich über den Zusammenhang zwischen Katastrophen und Ökosystemen im Klaren sein. Sie sollten also sowohl verstehen, dass die Degradierung der Ökosysteme das Risiko erhöht, als auch dass eine intakte Umwelt Katastrophen abschwächen kann. Dies beinhaltet Kenntnisse darüber, wie Ökosysteme Risiken reduzieren, sowie darüber, wie man Ökosysteme schützen und wiederherstellen kann.
  •  Drittens ist es wichtig, dass die Bevölkerung selbst Verantwortung übernehmen möchte.
  •  Viertens ist entscheidend, dass die Menschen ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten erkennen. Nur so können motivierte Bürger ihre Ziele auch umsetzen.

Das SLE führte in Teresópolis eine Perzeptionsanalyse durch, um das Wissen und das Bewusstsein der Anwohner in diesen vier Bereichen zu analysieren.


Risikoreduzierung in Teresópolis

Die erste Voraussetzung für aktive Bürgerbeteiligung ist der Analyse zufolge in Teresópolis bereits gegeben: Die Menschen sind sich ihrer Vulnerabilität sehr bewusst. Angesichts der Katastrophe von 2011 überrascht dies nicht, kennt doch fast jeder Bewohner der Region mindestens eine betroffene Familie. Hinzu kommt, dass mehr als zwei Drittel der Bewohner den Eindruck haben, dass die Regenfälle in den vergangenen zehn Jahren stärker und häufiger geworden sind.

Auch wissen die Anwohner, wie wichtig intakte Ökosysteme für den Menschen sind, und kennen die Bedeutung von Umweltschutz. Ein Großteil der Bevölkerung weiß allerdings nur wenig darüber, wie genau Ökosysteme das Katastrophenrisiko senken.

Die meisten Bürger der Gemeinde Teresópolis sind der Ansicht, dass Naturschutz gleichermaßen die Aufgabe von Staat und Bürgern ist. Dennoch wird deutlich, dass viele die Verantwortung der Bevölkerung auf bessere Müllentsorgung reduzieren. Nur die Wenigsten sehen sich auch bei der Wiederherstellung degradierter Ökosysteme gefragt.

Das hohe Verantwortungsgefühl der Bürger eröffnet aber dennoch gute Möglichkeiten, sie in ökosystembasierte Maßnahmen einzubeziehen. Viele kennen nur schlicht die Möglichkeiten nicht, wie sie sich aktiv beteiligen können. Vor allem denken viele, dass sie nicht genug Geld oder Zeit dafür haben. Dabei können sie auch innerhalb ihrer Lebensrealität die Natur schützen. Beispielsweise könnten sie einen „Mutirão“ durchführen, eine gemeinschaftliche Aktivität zur Aufforstung: Die ganze Gemeinde zieht dabei an einem Sonntag auf die entwaldeten Berghänge, um kleine Baumsetzlinge zu pflanzen. So kann an einem Nachmittag ein ganzer Berghang bepflanzt werden.

Um die Gemeinde Teresópolis in ökosystembasierte Maßnahmen einzubinden, sollte sich die Regierung auf zwei Dinge konzentrieren: Sie muss erstens praktisches Wissens über die Rolle lokaler Ökosysteme bei der Risikoreduzierung vermitteln und zweitens den Bürgern zeigen, was sie selber tun können. Dabei muss sie verschiedene Möglichkeiten vorstellen und klar benennen, wie viel diese Maßnahmen jeweils kosten würden. Gleichzeitig muss jedoch auch die Regierung Verantwortung für Maßnahmen zur Risikovorsorge übernehmen. Zudem sollte sie sich dar­um bemühen, der Bevölkerung ein korrektes und differenziertes Bild des Risikos zu vermitteln. Dass die Menschen ihre eigene Vulnerabilität als hoch einschätzen, bedeutet nicht automatisch, dass sie auch die richtigen Konsequenzen daraus ziehen.

Das Ziel muss sein, dass die Bewohner unterscheiden können, in welchen Gebieten ökosystembasierte Maßnahmen eine sichere, preiswerte und sinnvolle Möglichkeit zur Risikoreduzierung bieten – und welche Gebiete so gefährdet sind, dass sie besser umsiedeln sollten. Nur so werden sie angemessene Maßnahmen auswählen, umsetzen und akzeptieren können.

Ökosystembasierte Maßnahmen können Umweltrisiken nachhaltig reduzieren. Wiederaufforstung und Waldschutz leisten zudem einen wesentlichen Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel. Die Maßnahmen müssen von der Politik angemessen gesteuert werden, und die lokale Bevölkerung muss aktiv eingebunden sein. Erfolgreiche Projekte in Brasilien können dann auch ein Vorbild für andere Regionen der Welt sein.


Lea Dünow forschte 2013 für das Seminar für Ländliche Entwicklung (SLE) der Berliner Humboldt-Universität und die GIZ in Brasilien. Sie arbeitet derzeit als Junior-Projektmanagerin bei AMBERO Consulting.
[email protected]

Christian Pirzer forschte im selben Forschungsprojekt für das SLE. Er arbeitet derzeit als Junior Consultant und Projektmanager bei Endeva.
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Anja Schelchen forschte im selben Forschungsprojekt und arbeitet derzeit als freie Mitarbeiterin am SLE. Die Autoren danken Leandro Cavalcante, Rodrigo Medeiros, Yara Valverde und den Studenten der Universidade Federal Rural do Rio de Janeiro (UFRRJ) für die Mitarbeit an diesem Projekt.
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Print-Ausgabe Nr. 10 2014, 2014/10, Seite 388