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Universitätssystem

Bemühungen um Inklusion

von Mariano Laplane

Hintergrund

Bibliothek einer Privathochschule im Staat São Paulo.

Bibliothek einer Privathochschule im Staat São Paulo.

Brasilien ist auf allen sozialen Ebenen sehr ungleich: Einkommensverteilung, Zugang zu öffentlichen Gütern, Qualität der öffentlichen Versorgungsleistungen wie Gesundheit, Transport, Wasser und so weiter. Das gilt auch für Bildung, sie ist in den vergangenen Jahren aber inklusiver geworden.

Brasilien ist ein riesiges Land mit einer großen Bevölkerung. Entsprechend ist das Bildungssystem umfangreich und komplex. Lange gehörte es zu den Faktoren, die soziale Ungleichheiten verstärkten. In den vergangenen Jahren wurde bewusst daran gearbeitet, das System inklusiver zu gestalten.

Laut brasilianischer Verfassung hat jeder Bürger das Recht auf Bildung und der Staat muss den Zugang dazu gewähren. Die Zuständigkeiten sind zwischen kommunalen, bundesstaatlichen und nationalen Behörden aufgeteilt:

  • Gemeindeverwaltungen sind für die Grundschulbildung zuständig,
  • bundesstaatliche Behörden für die Sekundarschulbildung und
  • die Bundesregierung kümmert sich um die Hochschulbildung.

Auf allen drei Ebenen müssen die Behörden kostenlose öffentliche Bildung bereitstellen. Zudem müssen sie private Bildungseinrichtungen beaufsichtigen, unabhängig davon, ob diese gewinnorientiert oder gemeinnützig arbeiten.

In der Praxis sind die Verantwortungsbereiche nicht völlig klar; es gibt Überschneidungen. Beispielsweise gibt es einige Hochschulen in kommunaler oder bundesstaatlicher Hand. Die Bundes- oder Landesregierungen finanzieren die Kommunen, damit diese ihre Grundschulen unterhalten können.

In der Vergangenheit hatten arme Menschen nur eingeschränkten Zugang zu Bildung. Das änderte sich mit der Industrialisierung und Urbanisierung Brasiliens seit den 1950er Jahren. Bis dahin profitierten vor allem die obere Mittelschicht und die Oberschicht von öffentlichen Eliteschulen. In den 1960ern und 70ern wurden die Schulen weniger selektiv und gewährten einem breiteren und heterogeneren Spektrum sozialer Gruppen Zugang. Gleichzeitig wanderten Familien mit hohen Einkommen an exklusivere und qualitativ bessere Privatschulen ab. Obwohl die politischen Ziele anders waren, entstand ein segregiertes Bildungssystem, das extreme Einkommensunterschiede widerspiegelte und soziale Ungleichheit verstärkte.

Nach zwei Jahrzehnten Militärdiktatur wurde 1985 die Demokratie wiederhergestellt. Bildung wurde zu einem Kernthema für die folgenden Regierungen. Sie waren sich einig darüber, dass Bildungsangebote in Quantität und Qualität besser zugänglich gemacht werden mussten, insbesondere für Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen. Kommunale und bundesstaatliche Bildungssysteme wurden mit Bundesmitteln reformiert und ausgebaut.

Mitte der 1990er machten immer mehr Schüler das Abitur. Um ihnen eine weiterführende Ausbildung zu ermöglichen, musste die Zahl der Hochschulplätze erhöht werden. Zu dieser Zeit hielten die Bundesbehörden die Expansion öffentlicher Universitäten für zu teuer. Sie entschieden sich, gewinnorientierte und gemeinnützige private Hochschulen zu fördern. So erhielten viele private Institutionen Lizenzen. Der Bereich der staatlichen Universitäten stagnierte.

Oppositionsparteien und Vertreter der Bildungsbehörden kritisierten die Marktlösung scharf. Die Regierung hingegen argumentierte, dass die meisten armen Schüler es nicht an Universitäten schafften und es daher fairer sei, die knappen öffentlichen Mittel an Grund- und Sekundarschulen zu vergeben als an öffentliche Universitäten, die fast ausschließlich Kinder der Mittel- und Oberschicht aufnahmen.

Multilaterale Institutionen positionierten sich ähnlich. Beispielsweise argumentierte die Weltbank, dass eine kostenlose Hochschulbildung nicht bevorzugt werden sollte, da Brasilien noch immer Probleme bei der Grund- und Sekundarbildung hatte. Öffentliche Gelder würden dort mehr gebraucht. Dennoch blieben staatliche Hochschulen öffentlich finanziert und erhoben keine Studiengebühren.

Ende der 1990er wurden schwerwiegende Ungleichheit und Mängel im brasilianischen Schulsystem deutlich. Das zeigte sich vor allem am schlechten Abschneiden brasilianischer Schüler in internationalen Tests, hohen Abbruchquoten unter Gymnasiasten und dem Mangel an Lehrern in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik).

Anders sah es im Hochschulbereich aus. Mit wenigen Ausnahmen schnitten öffentliche Universitäten besser als private ab. Die Ausbildung war besser und ihre Forschung führend. Viele private Hochschulen spezialisierten sich auf berufliche Bildung für den Arbeitsmarkt, ohne die Absolventen auf Spitzenpositionen vorzubereiten. Studierende mit niedrigem Einkommen waren in staatlichen Universitäten unterrepräsentiert. Das Zulassungsverfahren war stark vom Wettbewerb bestimmt und begünstigte Bewerber von Privatschulen, die besser waren als staatliche Schulen.

Viele Studenten aus benachteiligten Familien konnten sich kein Vollzeitstudium leisten. Sie mussten arbeiten, um Geld zu verdienen, und wurden daher Teilzeitstudenten an weniger angesehenen Hochschulen, an denen sie Studiengebühren zahlen mussten. Allerdings hängen Karrieremöglichkeiten vom Ansehen der Universität ab. Ungerecht ist, dass reiche Familien ihre Kinder an teure Gymnasien schicken konnten, die sie am besten auf das Aufnahmeverfahren der Universitäten vorbereiteten. Nach der Schule profitierten sie dann enorm von den staatlichen Hochschulen.


Langsame Verbesserung

Obwohl dieses System noch so besteht, verändert es sich langsam und ist in den vergangenen Jahren inklusiver geworden. Wichtige Gründe dafür sind:

  • Zusätzliche Ressourcen führten zu steigenden Immatrikulationszahlen an öffentlichen und privaten Universitäten. Innerhalb weniger Jahre verdoppelte sich die Gesamtzahl der Studierenden auf mehr als 8 Millionen. Ein Drittel ging an staatliche und zwei Drittel an private Universitäten.
  • Bestehende öffentliche Hochschulen wurden erweitert und neue Universitäten geschaffen. Zuvor war das Angebot auf große Metropolen und Landeshauptstädte beschränkt. Jetzt gibt es auch in Kleinstädten und ländlichen Regionen Hochschulen.
  • Ein neues, bundesweites Zulassungs- und Vermittlungsverfahren für staatliche Universitäten wurde eingeführt. Es hat den Zugang für Bewerber unabhängig vom Wohnsitz ihrer Familie verbessert.
  • Neue Gesetze wurden verabschiedet, um staatliche Universitäten zu Förderungsmaßnahmen zugunsten von Minderheiten zu verpflichten. Quoten stellen sicher, dass Mitglieder benachteiligter Gruppen aufgenommen werden. Davon profitieren Bewerber aus Familien mit niedrigem Einkommen.
  • Auch private Institutionen haben ihre Immatrikulationszahlen gesteigert. Dazu beigetragen hat, dass Bewerber mit geringem Einkommen öffentlich finanzierte Stipendien und geförderte Studienkredite für Studiengebühren beantragen können.
  • Brasilianische und ausländische Investmentfonds wurden zu bedeutenden Aktionären privater, gewinnorientierter Institutionen. Akquisitionen führten zu einer raschen Konsolidierung des Marktes. Zum Teil senkten private Hochschulen ihre Studiengebühren.

Im öffentlichen und im privaten Hochschulbereich geben viele junge Leute an, als Erste in ihrer Familie zu studieren. Wichtige Fortschritte wurden erzielt, aber aktuelle politische Umstände könnten die Trends der vergangenen Jahre umkehren. Welchen Einfluss die Regierung des neuen rechtsstehenden Präsidenten Jair Bolsonaro haben wird, ist schwer einzuschätzen.

Es ist zu früh, neue Ergebnisse hinsichtlich sozialer Inklusion und die Gesamtleistung des Hochschulsystems in Brasilien zu bewerten. Einige Ungleichheiten und Qualitätsprobleme müssen noch bearbeitet werden. Aber die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte lässt einige vorläufige Schlussfolgerungen zu.

Erstens scheint es einen flexibleren Umgang mit der Frage, ob die Einschreibungen an öffentlichen oder privaten Institutionen erhöht werden sollen, zu geben. Beide können eine positive Rolle beim Ausbau der Bildungsmöglichkeiten für junge Brasilianer spielen. Hauptanliegen muss sein, gute Bildungschancen für alle sicherzustellen. Ob dies im öffentlichen oder im privaten Sektor geschieht, ist weniger wichtig.

Zweitens kann und muss die Abmilderung sozialer Ungleichheit ein Anliegen der Expansion sein, sowohl für staatliche als auch private Hochschulen.

Drittens kann das Bildungssystem allein keine Chancengleichheit schaffen. Besonders in einem Kontext, in dem viele Mechanismen soziale Disparitäten verstärken. Es kann aber Ungleichheit in gewissem Maße verringern.

Die jüngsten Erfahrungen in Brasilien zeigen, dass die richtige Politik sowohl den öffentlichen als auch den privaten Sektor dazu bringen kann, weniger segregierte und inklusivere Bildungseinrichtungen aufzubauen. Diese muss von den führenden Akteuren des Systems unterstützt und von der Gesellschaft als legitim angesehen werden.


Mariano Laplane ist an der Universidade Estadual de Campinas, einer öffentlichen Universität im Bundesstaat São Paulo, für Internationale Beziehungen zuständig.
[email protected]

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