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Ökologische Landwirtschaft

Nach der Flut

von Hegemann Nina

Hintergrund

Entlang vieler Küsten verursacht der Klimawandel zunehmendheftige Überschwemmungen – mit verheerenden Folgen für die Landwirtschaft. Das trifft auch auf das Ganges-Delta zu, wo der Zyklon Aila 2009 viele Reisfelder zerstört hat. Um die dortigen Bauern zu unterstützen, hat eine nicht-staatliche Organisation salz-tolerante traditionelle Reis-Sorten wieder eingeführt.

In den Sundarbans befindet sich der größte zusammenhängende Mangrovenwald der Welt. Dieses UNESCO-Welterbe-Gebiet umfasst Teile von Bangladesch und des indischen Bundesstaats Westbengalen. Fluten, Brandungsströmungen, Zyklone und Monsunregenfälle verändern die Landschaft dieses Küstengebiets ständig.

Die Sundarbans liegen im südlichen Ganges-Delta. Die Infrastruktur ist  schwach entwickelt; die Lebensbedingungen sind hart. Viele Menschen sind für Transportzwecke auf Boote angewiesen. Wegen Ebbe und Flut ist das Flusswasser salzhaltig und taugt nicht zur Bewässerung von Feldern.

Der Klimawandel verschlimmert die Lage für 4,4 Millionen Menschen, die auf der indischen Seite leben. Er gilt als Grund für den steigenden Meeresspiegel sowie für die häufiger auftretenden und zunehmend stärkeren Stürme und Zyklonen.

Die Sundarbans sind als stark bedrohte Küstenzone ausgewiesen, sowohl in der Indian Coastal Regulation Zone Notification von 2008 als auch in dem Bericht des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) von 2007. In den Jahren 2007 bis 2009 gab es im Golf von Bengalen drei Zyklone (Sidr, Nargis und Aila), die in Myanmar, Bangladesch und Indien verheerende Schäden anrichteten.

Am 29. Mai 2009 traf Aila die indischen Sundarbans mit einer Windstärke von 125 Stundenkilometern. In Westbengalen wurden schätzungsweise 150 Menschen getötet, in Bangladesch sogar noch mehr. Die Wellen wuchsen auf bis zu 15 Meter Höhe an.

Viele Dörfer und Felder auf den Inseln liegen unter dem Meeresspiegel und sind nur durch Erddämme geschützt. Aila zerstörte an einem einzigen Tag 900 Kilometer solcher Uferbefestigungen. Die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Inseln wurde von Meerwasser überflutet. Wegen des hohen Salzgehalts in der Erde konnten in der Folge Bauern nicht mehr ihre üblichen Reis-Sorten anbauen.

Im Zuge der grünen Revolution der 1960er Jahren hatten die meisten indischen Bauern auf eine Input-intensive Landwirtschaft mit ertragreichen Sorten umgestellt. Das gilt auch für die Sundarbans. Die Bauern erhöhen normalerweise die Menge an chemischem Dünger, wenn die Produktivität sinkt. Das nützt aber nichts, wenn der Boden durch Salz kontaminiert ist. Weder das Agrarministerium von Westbengalen noch die indische Regierung halfen den Bauern. Angesichts des extrem hohen Salzgehalts in der Erde, wussten die Bauern nicht mehr weiter.


Seltenes Saatgut

Da die Behörden versagten, beschloss  die zivilgesellschaftliche Organisation Society for Environment and Development (ENDEV) aus Kalkutta zu helfen. Ihre Experten  hatten die Idee, die Bauern mit der Wiedereinführung traditioneller salztoleranter Reis-Sorten zu unterstützen, um die Nahrungsproduktion wieder zu ermöglichen.

Die richtigen Sorten zu finden, war eine  große Herausforderung, denn die Biodiversität der traditionellen indischen Landsorten schwindet schnell. ENDEV-Mitglied Debal Deb hat eine Farm in einem anderen Teil von Westbengalen, wo er versucht, Indiens vielfältige Reisarten zu erhalten. Bisher kultiviert er 600 Landsorten. Deb und sein Team ermutigen die lokalen Bauern zur Ökolandwirtschaft mit traditionellen Methoden.  

Deb hatte zwar nur eine salzresistente Landsorte auf seinem Hof, aber er kannte die Namen anderer, die die Bauern in den Sundarbans früher angebaut hatten: „Matla“, „Nona bokra“, „Talmugur“, „Lal getu“, „Sada getu“ und „Hamilton“. Die Suche begann – und ENDEV brauchte mehr als ein Jahr, um Saatgut von fünf Sorten in verschiedenen abgelegenen Dörfern und im National Bureau of Plant Genetic Resources (NBPGR)  in Neu Delhi aufzustöbern. Nicht zu finden waren Matla-Samen. Diese Sorte gibt es vermutlich nicht mehr.

Leider war nur eine geringe Menge an Saatgut vorhanden. Das NBPGR konnte nur 100 Gramm Talmugur und Nona bokra bereit stellen. Man braucht aber mehr als 330 Kilo Saatgut, um 0,5 Hektar Land zu bepflanzen. Also musste die Wiedereinführung der Sorten in recht beschränktem Rahmen geschehen.

Deb experimentierte auf seiner Farm, um die Salztoleranz der fünf Reis-Sorten zu testen. „Hamilton“ konnte am meisten Salz vertragen.

Im nächsten Schritt wurde ein Projekt geplant, um das Saatgut aller fünf salzresistenten Sorten zu vervielfältigen und Bauern die nötigen Methoden zu lehren. ENDEV wählte den Ansatz der Mikroplanung für nachhaltige Landwirtschaft, um die Bauern mit ins Boot zu holen. Dabei werden die betroffenen Gemeinschaften aktiv in alle Entscheidungen einbezogen.  Der Prozess wird oft von technisch versierten NGOs begleitet. ENDEV konnte auf die Unterstützung des National Council of Rural Institutes aus Hyderabad zählen, der  von der indischen Regierung finanziert wird. In den Sundarbans kooperierte ENDEV mit fünf Organisationen, die vor Ort aktiv sind:

  •  World Wide Fund for Nature India,
  •  Lutheran World Service India Trust,
  •  Tagore Society for Rural Development,
  •  Joygopalpur Youth Development Centre und
  •  Paschim Sridharkhati Jankalyan Sangha.


Zusammen erreichen sie in den Dörfern rund eine halbe Million Menschen. Allerdings konnten nur eine Handvoll  Bauern tatsächlich an dem Projekt mit salzresistentem Reis teilnehmen. Sie wurden in Anbaumethoden geschult, die weder chemischen Dünger noch Pestizide erfordern.  

Die erste Ernte gab es 2011. Der Erfolg war zumeist zufrieden stellend. Nur auf einer Insel stellten sich Probleme ein, weil der Monsun zu spät eingesetzt hatte. Die geernteten Saatkörner wurden sorgfältig in neu geschaffenen Saatbanken aufbewahrt. 2012 bekamen rund drei Dutzend Farmen die salztoleranten Sorten.

Es gibt monatliche Bauerntreffen. Die Teilnehmer sind begeistert. Die Dorfbewohner von Mathurapur schrieben sogar ein Lied, um die „Wundersaat“ zu preisen.

Aus der ENDEV-Initiative lassen sich Lehren ziehen:

  •  Traditionelles Wissen und seltene, aber sehr wertvolle genetische Ressourcen können der Anpassung an den Klimawandel dienen.
  •  Kollektives Handeln kann in einer scheinbar aussichtslosen Situation handfeste Ergebnisse bewirken.
  •  Bauern sind bereit, ja sogar begierig, in einem bedrohten Gebiet wie den Sundarbans salztolerante Arten anzubauen; ähnliche Initiativen dürften auch anderswo funktionieren.
  •  Mikroplanung ist eine Basis für die Förderung nachhaltiger Agrarmethoden.  
  •  ENDEV hat gezeigt, dass eine kleine Gruppe Leute etwas bewirken kann.


Traditionelle Sorten müssen systematisch angebaut werden, sonst wird es immer lange dauern, genug Saatgut zu vervielfältigen, wie es in einer Krise benötigt wird.

A.K. Ghosh ist ein ehemaliger Direktor des Zoological Survey of India und leitet heute die Society for Environment and Development (ENDEV), eine von ihm gegründete NGO.
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