Agrarwirtschaft

Wohin Agrarreformen führen müssen

Die Intensivlandschaft muss umweltverträglich werden, und die kleinbäuerliche Landwirtschaft muss ökologisch sensibel intensiviert werden, sagt Mathias Mogge von der Welthungerhilfe. Die Politik müsse entsprechend umsteuern.

contributed to D+C/E+Z in autumn of 2022. He is the secretary-general of Welthungerhilfe, the Bonn-based German international non-government organisation which compiles the annual Global Hunger Index in cooperation with its Irish partner Concern Worldwide.
 

ist Chefredakteur von E+Z/D+C.

https://www.globalhungerindex.org/download/all.html https://www.globalhungerindex.org/download/all.html

Der Kampf gegen den Hunger stagniert, und vielerorts gibt es Rückschläge. Ihrem aktuellen Welthungerindex 2022 zufolge hatten 828 Millionen Menschen schon voriges Jahr nicht genug zu essen. Was bedeutet in diesem Zusammenhang der Angriff Russlands auf die Ukraine?
Er vergrößert die Not und hat der Weltgemeinschaft deutlich gemacht, wie wichtig Getreideausfuhren sowohl aus der Ukraine als auch aus Russland sind. Importländer hängen von der Einfuhr von Weizen, aber auch Sonnenblumenöl ab. Weil Lieferungen aus beiden Ländern über das Schwarze Meer ausblieben, sind die Weltmarktpreise deutlich gestiegen. Die Preise waren zuvor schon wegen Covid-19-bedingter Lieferkettenengpässe ungewöhnlich hoch. Inzwischen liegt der Weltmarktpreisindex der FAO wieder unter den Rekordwerten von April/Mai, aber von Entwarnung kann noch keine Rede sein. Die Verbraucherpreise sind fast überall immer noch sehr hoch, und selbst in hoch entwickelten Ländern wie den USA oder Deutschland sind immer mehr Menschen auf Lebensmitteltafeln angewiesen.

Was bedeutet das für die Agrarpolitik?
Die aktuelle Krise befeuert viele Fragen. Wie geht es mit dem internationalen Agrarhandel weiter? Welche Konsequenzen muss die EU-Landwirtschaftspolitik ziehen? Welche Politik kann gemeinsam mit Entwicklungsländern verfolgt werden? Die Diskussion läuft auf Hochtouren, aber klar ist: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Ökologische Probleme werden schon seit Längerem diskutiert – vom hohen Ressourcen- und Energieverbrauch der großflächigen Intensivlandwirtschaft bis zur Klimakrise und der Erosion der biologischen Vielfalt. Jetzt ist deutlich geworden, dass die Ernährungssicherheit im aktuellen System äußerst krisenanfällig ist.

In welche Richtung müssen Reformen gehen?
Drei Punkte sind zentral:

  • Wir brauchen eine Ökologisierung der großflächigen Landwirtschaft und der Viehzucht.
  • Wir brauchen eine boden- und ressourcenschonende Intensivierung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft.
  • Die kleinbäuerliche Landwirtschaft muss in regionalen Marktsystemen verankert sein.

Das sind komplexe Aufgaben. Die Politik muss umsteuern. Subventionen müssen nach anderen Kriterien vergeben werden. Diversifizierung muss gefördert werden. Dünger und Pflanzenschutzmittel dürfen nur sparsam und zielgenau eingesetzt werden. Investitionen müssen umgeleitet werden. Unverzichtbar ist auf jeden Fall kompetente Beratung für Kleinbauern und -bäuerinnen, die auf ihre spezifischen örtlichen Bedingungen eingeht. Besonders wichtig ist es auch, die bäuerlichen Erzeugnisse in den Markt zu integrieren, beispielsweise indem Supermärkte deren Waren als festen Bestandteil aufnehmen.

Die Agrar-Extension-Services in Entwicklungs- und Schwellenländer tun das aber bisher kaum.
Ja, leider, obwohl die Kleinbetriebe immens wichtig sind. Sie verfügen über traditionelles, vor Ort verankertes Wissen – etwa über die vielen Varianten von traditionellem Saatgut, das wiederum für die Züchtung von neuen verbesserten Sorten wichtig sein kann. Deshalb dürfen weder die genetische Vielfalt der traditionellen Landwirtschaft noch die bäuerlichen Kenntnisse davon verloren gehen (siehe Parviz Koohafkan auf www.dandc.eu). Außerdem ist in abgelegenen Gegenden benachteiligter Weltregionen die Kleinlandwirtschaft häufig das einzige soziale Sicherheitsnetz. Sie sollte für eine Mindestversorgung mit Nahrung, aber auch Einkommen sorgen.

Vielen Menschen gelten Dorfgemeinschaften aber als tendenziell rückständig.
Das ist eine falsche Einschätzung. Kleinbauern und -bäuerinnen sind schlau. Sie denken unternehmerisch. Sie wissen genau, was sie wollen und was sie brauchen. Sie zeigen großes Interesse an Know-how und auch an Digitalisierung. Wir haben zum Beispiel in verschiedenen Ländern eine Mobiltelefon-App eingeführt, die dabei hilft, Maschinen gemeinsam zu nutzen. Sie heißt AgriShare und wird begeistert angenommen. Die Leute wollen mitmachen und mitentscheiden.

Lässt sich mit agrarwissenschaftlicher Expertise kleinbäuerliche Produktivität steigern?
Ja, das habe ich in Mali miterlebt, wo ich für die Welthungerhilfe arbeitete, als ICRISAT, das International Crops Research Institute for the Semi-Arid-Tropics, seine eisen- und zinkreiche Perlhirse züchtete (siehe Roli Mahajan auf www.dandc.eu). Das war ein großer Erfolg, und die Bauern und Bäuerinnen wurden kontinuierlich in die Arbeit einbezogen, was natürlich nur ging, weil der Austausch in ihren Sprachen und nicht nur auf Englisch oder Französisch stattfand. ICRISAT hat seinen Hauptsitz in Indien, aber auch Ableger in Afrika.

Aber sie ist keine traditionelle Sorte.
Es geht nicht um ein Entweder-oder im dem Sinne, dass nur traditionelle Landsorten verwendet werden dürften, aber keine gezüchteten Sorten. Die Landsorten sind doch selbst das Ergebnis jahrhundertelanger Züchtung. Wichtig ist, die Produktivität zu steigern, ohne das örtliche Ökosystem zu schwächen. Dafür ist der Austausch von Forschung und Praxis dringend nötig (siehe hierzu Hildegard Lingnau auf www.dandc.eu). Die Welthungerhilfe wird sich künftig stärker dafür einsetzen.

Worauf muss die Politik in Entwicklungsländern noch achten?
Sie muss vielfältige, gesunde und umweltverträgliche Ernährung für alle anstreben. Das alleinige Ziel darf nicht sein, möglichst viele Kalorien zu produzieren. Der enge bisherige Getreidefokus geht oft auf die Kolonialgeschichte zurück, ohne die Mais, etwa in Afrika keine so große Rolle spielen würde. Andererseits wird oft übersehen, wie wichtig kommunale und andere subnationale Instanzen sind. Die Welthungerhilfe engagiert sich zunehmend für lokale Governance. Bürgermeister, Distriktverwaltungen oder Landesregierungen müssen örtlichen Gemeinschaften gegenüber rechenschaftspflichtig werden. Als Welthungerhilfe unterstützen wir örtliche Partnerorganisationen mit Rat und Geld, um die Gemeinden dabei zu unterstützen, ihre Rechte einzufordern.

Was steht dabei im Vordergrund?
Relevant sind Themen wie Bildungs- und Gesundheitsfragen, aber auch Agrarberatung und -förderung. Selbstverständlich ist auch die lokale Infrastruktur wichtig: Verkehrswege, Strom- und Wasserversorgung et cetera. All das ist teuer, aber unverzichtbar. Wenn kleine Agrarbetriebe florieren sollen, brauchen sie Anschluss an Märkte und verarbeitendes Gewerbe. Lokale Behörden spielen dabei eine wichtige Rolle. Deshalb ist es richtig, dass die Zivilgesellschaft Druck auf sie ausübt. Zugleich ist es auch nötig, der Landbevölkerung zu vermitteln, worauf zum Beispiel die nationale Agrar­politik abzielt, denn sonst kann sie politisch gar nicht reagieren.

Weltweit dominieren große Agrarbetriebe die Lobbyarbeit, weil Kleinbauern und -bäuerinnen auf ihren Höfen zu viel Arbeit für großes Verbandsengagement haben. Im Ergebnis macht dann staatliche Förderung die Großen größer, hilft den Kleinen aber kaum.
Die Erfahrung zeigt trotzdem, dass es sich lohnt, die Zivilgesellschaft zu mobilisieren. In Liberia gab es große Erfolge bei der Landrechtsreform. Jetzt haben Frauen leichter Zugang zu Land. Zivilgesellschaftliche Organisationen können konstruktive Dialoge auslösen. Wenn Regierungen sehen, dass partizipative Lösungen funktionieren, treiben sie diese auch selbst voran. Sie wollen ja Erfolg haben.

Müssen Länder mit hohen Einkommen weniger Fleisch und Milch konsumieren?
Die derzeit übliche Tierhaltung widerspricht dem Tierschutz, ist klimaschädlich, vergeudet Ressourcen und lässt die biologische Vielfalt erodieren. Die Erzeugung von Futtermitteln erfordert riesige Mengen an Wasser, Dünger, Pestiziden und Energie. Unser verschwenderischer Lebensstil lässt sich nicht auf Dauer aufrechterhalten, was nicht nur Verzicht, sondern auch Chancen bedeutet. Es ist gesund und lecker, pflanzliche statt tierischer Proteine zu sich zu nehmen.

Wie bewerten Sie die Rolle multilateraler Organisationen – dienen sie vor allem den Interessen reicher Nationen?
Das lässt sich so nicht behaupten. Aus meiner Sicht dienen sie der – oft zähen – Konsensbildung. Diese Institutionen sind sehr wichtig, aber ihre Positionen ändern sich im Lauf der Zeit. Die Weltbank hat sich beispielsweise im Zuge der Covid-19-Pandemie viel großzügiger zu Staatsschulden geäußert, als das früher der Fall war. Die Schwellen- und Entwicklungsländer lassen sich auch mittlerweile weniger gefallen. Andererseits behindert zunehmende politische Polarisierung die weltweit dringend nötige Zusammenarbeit. Der Angriffskrieg auf die Ukraine zeigt das besonders deutlich. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, die multilateralen Formate auch in Krisenzeiten nicht aufzugeben. Gerade inklusive demokratische Modell wie das UN-Komitee für Ernährungssicherheit, in dem auch kleinbäuerliche und indigene Gemeinschaften vertreten sind,  sollten gestärkt werden.


Link
Welthungerindex 2022
https://www.globalhungerindex.org/download/all.html


Mathias Mogge ist Generalsekretär der Welthungerhilfe, die im Oktober zusammen mit Concern Worldwide den diesjährigen Welthungerindex veröffentlicht hat.
mathias.mogge@welthungerhilfe.de
Twitter: @MathiasMogge

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