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Entwicklungsforschung

Nicht von Regierungssorgen ablenken lassen

von Hans Dembowski

In Kürze

Das akademische Feld der Development Studies ist im Wandel. Die Entwicklungsforschung muss auf internationale Trends wie Klimawandel, Migration oder den Aufstieg der Schwellenländer reagieren. Aus Sicht führender Wissenschaftler reicht es nicht, Regierungen technisch zu beraten – auch kritische Politiktheorie ist nötig.

Vor 12 Jahren formulierten europäische Entwicklungsforscher eine Vision für ihr akademisches Feld. Bei der Generalkonferenz von EADI (European Association of Development Research and Training Institutes) in Bergen im August stand zur Debatte, ob sie noch gültig ist. Grundprinzipien der Vision wurden generell weiterhin anerkannt. Dazu gehört, dass Development Studies

  • inter- und multidisziplinär sind,
  • auf das Verständnis der sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Dimensionen von Wandel ausgerichtet sind und
  • dazu dienen, Probleme von Ungleichheit und Entwicklungsprozessen zu lösen.

Auf verschiedene Weisen reagiert die Wissenschaft derweil auf weltweite Veränderungen. Elisabetta Basile von der Universität Rom betont die Bedeutung der „Wissensproduktion im globalen Süden“. Die Zeiten sind vorbei, in denen Entwicklungsforscher aus Europa und Nordamerika kamen und vor allem darüber nachdachten, wie Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika ihrer Heimat ähnlicher werden könnten. Ökologische und andere Faktoren bedeuten, dass Wandel auch in der vermeintlich entwickelten Welt nötig ist.

Edith Phaswana von der South African Development Studies Association fordert eine „Entkolonialisierung“ der Wissenschaft. Sie betont, dass heutige Gesellschaften nur im historischen Kontext zu verstehen sind. Manche Intellektuelle in Afrika forderten, sich ganz von europäischen und nordamerikanischen Hochschulen abzukoppeln. Phaswana lehnt das aber ab, weil „wir auf dieser Erde koexistieren müssen“.

In Lateinamerika hat die Abkopplung schon ein Stück weit stattgefunden, wie Gilles Carbonnier vom Graduate Institute in Genf berichtet. Lateinamerikanische Wissenschaftler zitierten sich vor allem gegenseitig und stützten sich auf eigene Konzepte. Das bekannteste ist vermutlich „Buen vivir“ (gut leben), welches das Wohlergehen von Gemeinschaften im Einklang mit der Natur betont.

Laut Joost Mönks vom bildungspolitischen Institut NORRAG in Genf wächst das Feld Development Studies in Schwellenländern wie China, Indien, Brasilien und Südafrika schnell. Er zeigt sich beeindruckt von der offenen und lebhaften Diskussion, die er in China erlebt hat. Aus offensichtlichen Gründen sind die Erfolge – und Misserfolge – der großen Schwellenländer international relevant.

Armut und Ungleichheit prägen unsere Zeit ebenso wie autoritärer Populismus und Fake News. Angesichts solcher Probleme reicht es nicht, Regierungen technokratischen Rat zu geben. Isa Baud von der Universität, deren Amtszeit als EADI-Präsidentin im August zu Ende ging, findet, die Entwicklungsforschung müsse generelle politische Relevanz finden – und nicht nur der Beratung von Ministerien dienen.

Henning Melber vom Nordic Africa Institute in Uppsala ist ihr Nachfolger an der EADI-Spitze und sieht die Dinge ähnlich. Die Entwicklungsforschung müsse globale Partnerschaften mit „möglichst geringer asymmetrischer Verzerrung“ fördern, was eine Herausforderung sei, weil in „unserer ungleichen Welt strukturell verankerte Hierarchien fortbestehen“.

Die Nachhaltigkeits-Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals – SDGs) werden in diesem Kontext als sinnvolle Richtlinien für die Politik gesehen, die aber nicht ausreichen, um die Forschung zu steuern. Uma Kothari von der Universität Manchester warnt, die Beschäftigung von Entwicklungsforschern mit Regierungsbelangen dürfe sie nicht davon ablenken, dass kritische Politiktheorie eine zentrale Aufgabe ist.

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