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Bangladesch

Alles andere als ein „hoffnungsloser Fall“

von Marianne Scholte

Hintergrund

Besonders Frauen auf dem Land profitieren von den Aktivitäten der Nichtregierungs­organisationen.

Besonders Frauen auf dem Land profitieren von den Aktivitäten der Nichtregierungs­organisationen.

Bangladesch ist eines der wenigen Länder, das mit hoher Wahrscheinlichkeit fast alle Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) erreichen wird. Das Land ist immer noch sehr arm, aber es hat spektakuläre Fortschritte gemacht.

Eine der am wenigsten beachteten Erfolgsgeschichten bezüglich Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in einem der ärmsten und bevölkerungsreichsten Ländern der Welt abgespielt: in Bangladesch. In den internationalen Medien erregt das Land vor allem Aufmerksamkeit durch Überschwemmungen, Wirbelstürme, angeblich miserable Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie und schlechte Regierungsführung. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International rangiert Bangladesch ganz unten. Jahrzehntelang galt Bangladesch als verkörpertes Elend. Der damalige einflussreiche US-Außenminister Henry Kissinger verhöhnte das Land in den 1970er Jahren als „hoffnungslosen Fall“. Bangladeschs Fortschritte bei Einkommen und Nahrungsmittelsicherheit, Industrialisierung, Gesundheit, Familienplanung, Bildung, Katastrophenschutz und bei der der Stärkung der Rolle der Frau hat die internationale Öffentlichkeit jedoch kaum wahrgenommen.

Die Sichtweise auf das Land verändert sich erst langsam, seitdem zum Beispiel Weltbank-Experten die „Entwicklungsüberraschung“ Ende des vergangenen Jahrzehnts bemerkten. Für diese Überraschung haben einige komplexe Faktoren gesorgt, die nicht einfach repliziert werden können:

  • Oft war die Regierungsführung besser als ihr Ruf. Die Klage über Korruption, übertriebene und manipulative Parteilichkeit ist begründet. Es gab politisch motivierte Gewalt, Top-Führungskräfte wurden ermordet, das Militär übernahm mehrfach die Macht. Nichtsdestotrotz hat sich der Staat mit beachtlichem Erfolg auf bestimmte Entwicklungsziele konzentriert.
  • Bangladesch hat eine lebendige Zivilgesellschaft, aus der einige bedeutende Nichtregierungsorganisationen (NGOs) hervorgingen. Diese unterstützen die Regierung in ihrem Handeln und ersetzten dieses oft, wo es fehlte. Viele Organisationen haben speziell die Förderung von Frauen im Blick.
  • Unternehmer handelten dynamisch und bauten starke neue Unternehmen auf.
  • Auch internationale Geberorganisationen haben ihren Teil beigetragen. Gezielte soziale Entwicklungsprogramme wurden immer gefördert. Die Geber wussten, dass sie sich auf kompetente und engagierte Mitarbeiter vor Ort verlassen konnten.

Bangladesch ist ein kleines, aber dicht besiedeltes Land. Seine Kultur ist für ein Entwicklungsland ungewöhnlich homogen. 98 Prozent der Menschen sprechen Bengali und fast 90 Prozent sind Muslime. Diese Voraussetzungen haben sich als hilfreich erwiesen. Was in einem Dorf funktioniert, läuft im nächsten Dorf in der Regel auch gut – und das ist meist gleich um die Ecke. Um Tausende Menschen zu erreichen, brauchen Entwicklungshelfer lediglich ein Fahrrad.


Vom Krieg traumatisiert

Der Krieg, der Bangladesch Ende 1971 die Unabhängigkeit brachte, kostete Millionen Menschen das Leben und zerstörte die Infrastruktur komplett. Damals sah die Zukunft des Landes düster aus. Eine ganze Generation Intellektueller und hochqualifizierter Bangladeschis war von der pakistanischen Armee ermordet, Hunderttausende Frauen waren systematisch vergewaltigt worden. Zwei Jahre später starben bei einer verheerenden Hungersnot weitere rund 1,5 Millionen Menschen. Es gab begründete Zweifel, ob die neue Nation mit ihren 72 Millionen Bewohnern auf einem Terrain von nur 143 000 Quadratkilometer Größe eine Zukunft hatte. Es lebten dort mehr Menschen als in Westdeutschland auf einem um 40 Prozent kleineren Gebiet.

Die Bangladeschis aber waren entschlossen, ihr Land wieder aufzubauen und zu entwickeln. Sie erhielten massenweise Hilfsgüter aus dem Ausland, die zivilgesellschaftliche Gruppen und Behörden an mittellose Menschen verteilten. Etliche wichtige NGOs entstanden aus diesen Hilfsaktionen (siehe Interview mit Zafrullah Chowdhury von der Gesundheits-NGO Gonoshasthaya Kendra in E+Z/D+C 2012/03, S. 126 f.). Einige von ihnen, BRAC und Grameen etwa, sind inzwischen international tätige, weltweit anerkannte Organisationen mit Millionen von Mitgliedern. In den 1970er Jahren wurden staatliche Hilfsmaßnahmen in wirksame Entwicklungsmaßnahmen umgewandelt. Die stark geberfinanzierten Nahrungsmittelhilfsprogramme der Nachkriegszeit wurden zu Förderprogrammen der ländlichen Infrastruktur – geleitet vom Local Government Engineering Department (anfangs Rural Works Program) und seinem charismatischen Leiter Quamrul Islam Siddique. Nicht zuletzt dank eines umfangreichen, minutiös geplanten Verkehrsnetzes aus Landstraßen, Brücken, Märkten und Bootslandestellen, konnte erheblich mehr Reis verkauft werden – wodurch der reale Preis für Reis sank.

In den 1970er und 1980er Jahren wurden Hochertragsreis- und -weizensorten eingeführt und die Märkte für Agrarzubehör liberalisiert. Die Einführung verschiedener Brunnen- und Bewässerungssysteme steigerte die Reisernte in der Trockenzeit. Die Reisproduktion nahm stetig zu: Im Jahr 1972/73 waren es noch 10 Millionen Tonnen, 2011/2012 konnten schon 34 Millionen Tonnen geerntet werden. Heute kann sich Bangladesch weitgehend selbst ernähren.


Aufstrebende Branchen

Der Krieg hat kleinere und mittlere Unternehmen zerstört und der Aufbau der Privatwirtschaft, einschließlich der Fertigkleidungsindustrie (RMG), dauerte Jahre (siehe meinen Aufsatz in E+Z/D+C 2012/12, S.474 f.). Heute gibt es rund 3000 RMG-Fabriken. Abgesehen von China exportieren sie mehr Kleidung als jedes andere Land. Im fiskalen Jahr 2013/2014 führte Bangladesch Kleidung im Wert von 24,5 Milliarden Dollar aus – das sind 81 Prozent der gesamten Exporterlöse. Der RMG-Sektor beschäftigt mehr als 3,5 Millionen Menschen direkt – meist arme Landfrauen. Indirekt arbeiten weitere Millionen in diesem Bereich. Die Kleidungsindustrie dominiert Bangladesch zweifellos. Aber auch andere Branchen wie die der generischen Medikamente, Lederwaren und Schiffe werden stärker. Seit 2004 haben zwei Schiffbauunternehmen aus Bangladesch Schiffe im Wert von 200 Millionen Dollar exportiert. Inzwischen stammen fast 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus der Industrieproduktion.

Die durchschnittliche Wachstumsrate des BIP lag in den 1980er Jahren in Bangladesch bei unter vier Prozent pro Jahr. In den 1990er Jahren stieg das BIP amtlichen Statistiken zufolge auf durchschnittlich 4,8 Prozent, in den 2000er Jahren dann auf 5,9 Prozent. Das Pro-Kopf-Einkommen ging in den 1980er Jahren um durchschnittlich 1,7 Prozent pro Jahr nach oben, in den 1990er Jahren um 2,7 Prozent und in den 2000er Jahren um 4,5 Prozent pro Jahr. Dazu haben auch die Millionen im Ausland lebender Bangladeschis beigetragen. Die Weltbank geht davon aus, dass diese im Jahr 2011/12 fast 13 Milliarden Dollar ins Land überwiesen haben.

Wirtschaftswachstum ist wichtig, aber es geschieht noch viel mehr. Schneller als das Wachstum der Einkommen schreitet die soziale Entwicklung voran. Weil das Bruttonationaleinkommen pro Kopf im Jahr 2013 lediglich 900 Dollar betrug, zählt die Weltbank Bangladesch noch immer zu einem Land mit niedrigem Einkommen. Laut UNO gehört Bangladesch, wenn man zusätzliche Indikatoren für Bildung, Gesundheit und Krisenanfälligkeit der Menschen hinzuzieht, zu den am wenigsten entwickelten Ländern. Trotzdem ist der Staat auf einem guten Weg, einige zentrale Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) zu erreichen.

Der Anteil der Menschen, die unterhalb der nationalen Armutsgrenze leben, sank von 56,6 Prozent im Jahr 1992 auf 31,5 Prozent im Jahr 2010. Bangladesch ist eines der wenigen Länder, das es wahrscheinlich schafft, das MDG zur Reduzierung von Säuglings-, Kinder- und Müttersterblichkeit zu zwei Drittel zu erreichen. Man ist nahe daran, 100 Prozent der einjährigen Kinder gegen Masern zu immunisieren und fast alle Kinder gehen zur Grundschule. Ein Geschlechtergefälle gibt es in der Grund- und Sekundarbildung nicht mehr. Zudem wird das Land die meisten Ziele zur Bekämpfung von HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose erreichen.

Hinsichtlich Familienplanung hat Bangladesch die Welt schon zum Staunen gebracht, ehe die MDGs definiert waren. Die Gesamtfertilitätsrate im Land wurde von 6,9 Kindern pro Frau im Jahr 1970 auf 3,3 Kinder pro Frau Mitte der 1990er Jahre gesenkt (siehe Interview mit Najma Rizvi in E+Z/D+C 2014/04, S.146f.). Experten glaubten bis dahin, ein solcher Rückgang sei nur durch schnell steigende Einkommen, höhere Bildung für Frauen oder ein leistungsstarkes nicht-familienbasiertes Sozialsystem wie in China möglich.

In Bangladesch ist der drastische Rückgang der Geburtenrate aber auf das beharrliche Engagement der Regierung zurückzuführen, die innovative und mehrdimensionale Programme durchführte: Informationen zu Familienplanung wurden über Medien, lokale Eliten, NGOs und sogar religiöse Führer in fast jedes Dorf gebracht. Verhütungsmittel wurden überall im Land beworben und der Bevölkerung günstig zugänglich gemacht. Herzstück der Kampagne war, dass 23 500 Familienfürsorgehelferinnen Frauen über Gesundheit und Familienplanung informierten und sie mit kostenlosen Verhütungsmitteln versorgten. Kliniken unterstützen sie dabei. Mitte der 1990er Jahre beschäftigte das Gesundheitsministerium 44 000 Kräfte im Bereich Familienplanung, die alle von Geberorganisationen finanziert waren.

1970 lebten im damaligen Ost-Pakistan, dem heutigen Bangladesch, rund 69 Millionen und in West-Pakistan (heute Pakistan) 62 Millionen Menschen. Ihre Fruchtbarkeitsrate war identisch. Heute hat Bangladesch eine Bevölkerung von etwa 150 Millionen Menschen, Pakistan ist auf mehr als 176 Millionen angewachsen. 2012 lag die Fruchtbarkeitsrate in Bangladesch bei 2,2 Kindern pro Frau, in Pakistan bei 3,3 Kindern. Die erfolgreiche Familienplanung ist ein Paradigma für Bangladeschs allgemeine soziale Entwicklung. Regierungsbehörden und NGOs kooperieren meist bei der Umsetzung umfassender Maßnahmen und sind auf internationale Finanzierung angewiesen. Die Grameen Bank etwa erhielt bis Ende der 1990er Jahre Zuschüsse von 148 Millionen Dollar und Kredite von 85 Millionen Dollar von internationalen Gebern.


Wirbelstürme sind weniger tödlich

Heute sind in Bangladesch rund 2000 Nichtregierungsorganisationen in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Mikrofinanzierung und Frauenrechte aktiv. Viele von ihnen beteiligen sich am außerordentlich erfolgreichen Katastrophenvorsorgesystem. Ehe Zyklon Sidr im Jahr 2007 die Küste von Bangladesch erreichte, konnten rund 3,5 Millionen Menschen evakuiert werden. Etwa 3500 Menschen starben. Das waren relativ wenige im Vergleich zu 1991, als bei einem Zyklon ähnlicher Stärke 138 000 Menschen ums Leben kamen. 1970 forderte der verheerendste Sturm aller Zeiten in dieser Region sogar eine halbe Million Tote. Angesichts einer wachsenden Bevölkerung und eines steigenden Meeresspiegels hat ein solches Vorsorgesystem enorme Bedeutung.

Auch das wegweisende ländliche Solarenergieprogramm ist weitgehend den NGOs zu verdanken. Mehr als sieben Millionen Bangladeschis besitzen dadurch seit 2002 Solar-Home-Systeme. Dieses Programm wurde von einem regierungseigenen Unternehmen auf den Weg gebracht, wird von lokalen NGOs gefördert und von internationalen Geldern finanziert.

 

Marianne Scholte ist freie Journalistin und hat einen Blog über Bangladesch:
www.threadsandborders.blogspot.de