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Ländliche Entwicklung

Rurbanomics

von Shenggen Fan, Ousmane Badiane

Hintergrund

Städtische Lebensmittelnachfrage führt zu Beschäftigung: Auslieferung eines milchverarbeitenden Betriebs im Umland von Addis Abeba.

Städtische Lebensmittelnachfrage führt zu Beschäftigung: Auslieferung eines milchverarbeitenden Betriebs im Umland von Addis Abeba.

Ländliche Gegenden müssen produktiver, klimaresilienter und als Standorte attraktiver werden. Ihre Revitalisierung erfordert bessere Infrastruktur und bessere Chancen. Letztlich hängt Nachhaltigkeit davon ab, dass die Vorteile städtischer und ländlicher Räume miteinander verknüpft werden. Auf Klein- und Mittelstädte kommt es besonders an.

Die Zeit zur Erreichung der UN-Ziele für Nachhaltigkeit (Sustainable Development Goals – SDGs) und der Pariser Klimaziele wird immer knapper. Das ehrgeizige SDG-Motto „Niemand zurücklassen“ bedeutet, dass wir ländliche Räume zügig revitalisieren müssen – und zwar besonders südlich der Sahara. Die Zeit für dramatischen, systemweiten Wandel ist da. Ländliche Gegenden müssen produktiver, nachhaltiger und klimaresilienter werden. Dann werden sie auch als Stand- und Wohnorte attraktiver.

Weltweit profitieren ländliche Gegenden weniger von Wachstum als Städte. Rund 45 Prozent der Menschheit leben in Dörfern und leiden besonders unter Armut, Mangelernährung und geringer Lebensqualität. In Subsahara-Afrika ist es besonders schlimm.

Die Armutsrate beträgt global im ländlichen Raum 17 Prozent, aber in Städten nur sieben Prozent. 70 Prozent der extrem Armen weltweit leben in Dörfern. Südlich der Sahara gilt das sogar für 82 Prozent. Im Schnitt hemmt unzureichende Ernährung das Wachstum von Kindern in ländlichen Gegenden stärker als in urbanen. Mangel herrscht zudem an grundlegender Infrastruktur und basalen Dienstleistungen – man denke etwa an Bildung, Gesundheit, Straßen, Wasser- und Sanitärversorgung oder Hygiene. Derweil nimmt die Umweltverschmutzung zu, während Rohstoffe schnell knapper werden. Die Klimakrise verschärft all diese Probleme.


Afrikas Chancen

Viele afrikanische Staaten arbeiten heute an der Revitalisierung ländlicher Räume, um Fortschritt zu verstetigen und zu beschleunigen.

Chancen bietet schnelle Urbanisierung, wobei Klein- und Mittelstädte besonders wichtig sind. Um urbane Nachfrage zu bedienen, muss die Agrarproduktion steigen, und das verbessert die Aussichten für Bauern und Firmen, die mit Landwirtschaft verbunden sind.

Mehrere Länder – darunter Äthiopien, Kenia und Niger – investieren verstärkt in Bewässerung. Möglich werden so längere Anbauzeiten, breitere Produktpaletten und reduzierte Wetterrisiken. Einige Länder – wie Äthiopien, Mali und Marokko – setzen auf Mechanisierung. Das verbessert das Wirtschaftsklima insgesamt. Maschinenbereitstellung, -reparatur und -wartung schaffen Arbeit. Neue Ausbildungsmöglichkeiten entstehen, und das Interesse an Forschung wird geweckt.

Neue Beschäftigungsperspektiven entstehen vor allem in der Verarbeitung von Agrarprodukten. Im Senegal sind Kleinunternehmen mit neuen Prozessen schnell gewachsen und spezialisieren sich auf Hirse-Fertigprodukte. Diese können sofort gekocht oder sogar direkt gegessen werden.

In Nigeria verderben etwa 45 Prozent aller Nahrungsmittel, weil es an Kühlketten mangelt. Das Potenzial solarbetriebener Kühlsysteme ist erkannt und wird zunehmend ausgeschöpft.

Wir müssen die Interdependenz von Stadt und Land verstehen. Gute Straßen und Stromversorgung sind nötig, um Agrarrohstoffe zu städtischen Märkten zu bringen. Von 2012 bis 2016 haben afrikanische Regierungen jährlich im Schnitt 30 Milliarden Dollar in Infrastruktur investiert. Privatinvestitionen in Solarkraft sind gestiegen. Multilateralen Institutionen ist die Bedeutung der Infrastruktur klar, weshalb sie öffentliche wie private Investitionen fördern.

Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) ist ebenfalls wichtig. Digitalisierung lässt uns heute viele Hürden schneller und kostengünstiger überwinden als bislang angenommen. In Afrika ist beispielsweise der Internetzugang per Mobiltelefon in den vergangenen vier Jahren um ein Drittel billiger geworden.

IKT ist auch für Kleinbauern wichtig, die Finanzdienstleistungen beanspruchen wollen. Geldtransfer per Handy wird in immer mehr Ländern möglich, und eine wachsende Zahl von Menschen haben Mobiltelefone – zum Beispiel in Kenia, Mali und Senegal. Grundsätzlich müssen alle Dienstleistungen von Banken und Versicherungen verfügbar werden.

Wenn Bauern diversifizieren wollen, müssen sie investieren können. In Nigeria gibt es innovative Gründer, die nötiges Kapital durch Crowdsourcing mobilisieren. In mehreren Ländern lassen sich heute Leihmaschinen und Inputs per Telefon bestellen. Solche Modelle sind sinnvoll und sollten andernorts kopiert werden, wobei besonders zu berücksichtigen ist, wie sie die Lage von Frauen und Jugendlichen verbessern können.

Afrikanische Länder kooperieren, um Fortschritt voranzutreiben. 2018 schufen afrikanische Spitzenpolitiker die Africa Agriculture Transformation Scorecard und die Comprehensive Africa Agricultural Development Programme (CAADP) Biennial Review. Beides erhöht die Rechenschaftspflicht.

49 Staaten haben das African Continental Free Trade Agreement unterzeichnet. Es wird einen gemeinsamen Binnenmarkt für Güter und Dienstleistungen schaffen, Einfuhrzölle beseitigen sowie Wirtschaftsvertretern und Investoren die Grenzen öffnen.


Voneinander lernen

Ein wichtiger Motor ländlicher Revitalisierung ist „Rurbanomics“. Dieses Konzept betont die Interdependenz ländlicher und städtischer Ökonomien: Urbanes Wachstum schafft ländliche Chancen. Stadt und Land müssen als Partner verstanden werden, wobei das Land nicht nur für die Rohstofferzeugung taugt. Zu erkennen gilt,

  • dass es Ausgangspunkt nationaler, regionaler und globaler Wertschöpfungsketten sein kann und
  • dass seine Ökodienstleistungen unverzichtbar sind.

Bei ländlicher Revitalisierung geht es nicht nur um Landwirtschaft (siehe Kasten), sondern besonders darum, Chancen außerhalb dieses Wirtschaftszweigs zu schaffen. Moderne Technik und Innovation sind dafür wichtig.

Dass ländliche Räume wiederbelebt werden können, ist empirisch vielfach bewiesen. Ein Beispiel ist Südkoreas 1970 lancierte Initiative „Saemaul Undong“ (Neue-Dörfer-Bewegung). Dank dem Ausbau von Bewässerung, Transportwesen, Agrarzulieferungen und Stromversorgung und Transportwesen stiegen die Einkommen landwirtschaftlicher Haushalte in einem Jahrzehnt um den Faktor fünf. Sie schlossen zu städtischen Haushalten auf. In Bangladesch haben in den vergangenen Jahren Investitionen in Landstraßen die extreme Armut um drei bis sechs Prozent reduziert. Zugleich stieg der Sekundarschulbesuch von männlichen und weiblichen Jugendlichen.

Auch die ländliche Politik braucht frischen Schwung. Kommunalverwaltungen müssen Verantwortung für die Daseinsvorsorge übernehmen. Darauf achtet beispielsweise China in der neuen, 2018 verkündeten Strategie zur Schließung der Kluft zwischen Stadt und Land. Die ländliche Lebensqualität soll steigen. Abermals ist IKT wichtig. Hohe Mobilfunkverbreitung bedeutet, dass Bürger, die sonst ausgegrenzt blieben, sowohl in öffentliche Angelegenheiten als auch in Marktprozesse eingreifen können.

Rurbanomics hat auch eine Gesundheitsdimension. Übergewicht plagt Entwicklungsländer immer mehr. Andererseits ändern sich auch die Verbrauchergewohnheiten – besonders in Städten. Bauern können auf gesündere und teurere Produkte wie Obst, Gemüse und tierische Erzeugnisse umstellen. Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt helfen, deren Wert bis zu Vermarktung an Endkunden sicherzustellen.


Shenggen Fan ist Generaldirektor des International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington.

Ousmane Badiane ist der Afrika-Direktor von IFPRI.
www.ifpri.org

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