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Ökonomie der Biodiversität

Wirtschaft ganz neu denken

von Katja Dombrowski

In Kürze

Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Arten von Kapital.

Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Arten von Kapital.

Der britische Dasgupta-Bericht ruft dazu auf, den Menschen und seine Wirtschaftssysteme als Teil der Natur zu betrachten. Biodiversität ist demnach ein wertvolles Gut, ihr Schwund eine Bedrohung für den Wohlstand. Jegliche Interaktion mit der Natur sollte dem Leitgedanken wirklicher Nachhaltigkeit folgen.

Der im Februar erschienene Dasgupta-Bericht betrachtet die Natur als Vermögenswert, der gleichrangig ist mit produziertem Kapital (etwa Straßen, Gebäuden und Fabriken) und Humankapital (Gesundheit, Wissen und Fertigkeiten). Gleichzeitig erkennt er an, dass Natur mehr ist als ein Wirtschaftsgut: Sie habe einen immanenten Wert, der in ihrer bloßen Existenz liegt.

Die Biodiversität, also die Vielfalt an Lebensräumen und Lebensformen sowie die genetische Vielfalt innerhalb von Arten, mache die Natur produktiv, widerstands- und anpassungsfähig. Auch darin sehen die Verfasser des Berichts, der nach seinem Leitautor, dem britischen Ökonomen Partha Dasgupta, benannt ist, eine Parallele zur Finanzwelt: Vielfalt im Anlageportfolio verringere Risiken so, wie die Vielfalt der Natur Ökosysteme gegen Schocks wappne. Weniger Biodiversität sei schlecht für die Natur und die Menschheit.

Gemäß dieser ökonomischen Perspektive hat die Menschheit kollektiv das globale Portfolio natürlicher Vermögenswerte bislang schlecht verwaltet: Die Nachfrage übersteigt laut Dasgupta et al. das Angebot bei weitem. Während sich das produzierte Kapital pro Kopf zwischen 1992 und 2014 verdoppelt und das Humankapital um 13 Prozent zugenommen habe, sei das Naturkapital um 40 Prozent geschrumpft. Mit anderen Worten: Menschlicher Wohlstand ist auf Kosten der Natur gewachsen. Um ihn aufrechtzuerhalten, wären Schätzungen zufolge 1,6 Erden nötig.

Da aber nur ein Planet zur Verfügung steht, müssen Wirtschaftswachstum und Entwicklung nachhaltig gestaltet werden. Laut Dasgupta bedeutet das, anzuerkennen, „dass unser langfristiger Wohlstand davon abhängt, unsere Nachfrage nach Rohstoffen und Dienstleistungen der Natur in Einklang zu bringen mit ihren Möglichkeiten, diese bereitzustellen.“ Das sagte er bei der Veröffentlichung des Berichts, an dem er – zusammen mit weiteren Experten – seit 2019 im Auftrag der britischen Regierung gearbeitet hatte.


Arme Länder am stärksten betroffen

Der Rückgang der Biodiversität ist dramatisch (siehe Theresa Krinninger im E+Z/D+C e-Paper 2019/07, Monitor). Viele Ökosysteme, von tropischen Regenwäldern bis hin zu Korallenriffen, sind bereits unwiederbringlich zerstört; andere stehen kurz vor einem „Kipppunkt“, der dramatische Folgen für das Leben auf der Erde haben könnte. Arme Länder, die wirtschaftlich stärker von heimischen Naturdienstleistungen und -ressourcen abhängig sind als die Industrienationen, sind am stärksten betroffen, wie der Bericht betont.

Die Hauptgründe für die desolate Lage sehen die Autoren in einem Versagen von Märkten und Institutionen. Sie kritisieren, dass die Naturdienstleistungen und -ressourcen finanziell nichts kosten. Dadurch gebe es keinen Anreiz, in sie zu investieren. Problematisch sei auch, dass manche natürlichen Vermögensbestände mobil sind (Tiere), andere leise (Bäume) oder unsichtbar sind (wie das Leben im Boden). Zudem sei schwer nachzuverfolgen, was sich auf sie in welcher Weise auswirkt, was zu zahlreichen externen Effekten führe.

Diesem Marktversagen liegt dem Bericht zufolge ein grundsätzliches institutionelles Versagen zugrunde. Der Umgang mit den Externalitäten sei mangelhaft, und fast überall auf der Welt verschärften Staaten das Problem, indem sie mehr Geld für Naturausbeutung als für Naturschutz ausgeben und nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten nicht bevorzugen. Konservativen Schätzungen zufolge betragen die weltweiten Subventionen, die der Natur schaden, zwischen 4000 Milliarden und 6000 Milliarden Dollar pro Jahr.

Darüber hinaus fehle es an internationalen Vereinbarungen, um globale öffentliche Güter wie die Ozeane oder Regenwälder zu schützen. Eine Chance, das zu ändern, sehen die Autoren in der 15. UN-Biodiversitätskonferenz (COP15) im Oktober im chinesischen Kunming und in der 26. UN-Klimakonferenz (COP26) im November im schottischen Glasgow. Das Jahr 2021 gilt als ausschlaggebend dafür, ob dramatische Trends wie der Schwund der Biodiversität und das weitere Befeuern der Klimakrise gestoppt werden können oder nicht.


Die Menschheit als Teil der Natur sehen

Die Autoren halten es für nötig, das Verhältnis von Natur und Wirtschaft komplett neu zu denken. Die meisten Modelle für Wirtschaftswachstum und Entwicklung betrachteten die Natur als Quelle einer endlichen Zahl von Gütern und Dienstleistungen und zielten darauf ab, darzulegen, dass technologischer Fortschritt diese Endlichkeit prinzipiell überwinden könne. Die Menschheit wird in solchen Theoriemodellen als „außerhalb“ der Natur gesehen.

Im Gegensatz dazu schlagen Dasgupta et al. eine „Ökonomie der Biodiversität“ vor. Sie sieht den Menschen und seine Wirtschaftssysteme als Teil der Natur. Diesem Verständnis folgend, müssten die Menschen die volle Verantwortung für die Folgen jeglicher Interaktion mit der Natur übernehmen, von der Förderung von Rohstoffen bis zur Entsorgung von Abfall, und zu wahrhaft nachhaltigem Wirtschaftswachstum und Entwicklung kommen. Konkret erkennen die Autoren Handlungsbedarf auf drei Ebenen:

  • Die Menschheit muss dafür sorgen, dass sie nicht mehr natürliche Ressourcen verbraucht, als auf Dauer bereitgestellt werden können. Dazu muss das Angebot an Naturgütern erhöht werden, beispielsweise durch eine Ausweitung von Schutzgebieten, höhere Investitionen in naturbasierte Lösungen und politische Maßnahmen, die Überkonsum und Überproduktion verhindern.
  • Wir sollten wirtschaftlichen Erfolg anders messen und zu einer inklusiven Definition von Wohlstand kommen, die den Wert von Investitionen in die Natur berücksichtigt. Die Erfassung von Naturkapital in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wäre ein wichtiger Schritt.
  • Für diese Veränderungen müssen wir unsere Institutionen und Systeme – vor allem in den Bereichen Finanzen und Bildung – umbauen, etwa indem öffentliche und private Gelder so umgeleitet werden, dass sie natürliche Vermögenswerte auf- und nicht abbauen. In der Bildung sollte die Natur einen hohen Stellenwert erhalten, unter anderem, damit Menschen bewusste Entscheidungen treffen und Wandel einfordern können.


Link
Dasgupta, P. et al., 2021: The economics of biodiversity – the Dasgupta review.
https://www.gov.uk/government/publications/final-report-the-economics-of-biodiversity-the-dasgupta-review

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