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Katastrophenhilfe und Restaurierung

Sieben Jahre nach dem Erdbeben von Gorkha hält das Trauma an

von Rukamanee Maharjan

Hintergrund

Überlebende im zerstörten Barpak, 2015.

Überlebende im zerstörten Barpak, 2015.

Naturkatastrophen vertiefen oft bestehende soziale Gräben, so auch das Erdbeben in Nepal vor sieben Jahren. Es zeigt, wie wichtig es ist, arme und marginalisierte Menschen in Risikogebieten widerstandsfähiger zu machen.

Am 25. April 2015 erschütterte ein schweres Erdbeben der Stärke 7,6 Nepal. Das Epizentrum lag in Barpak im historischen Bezirk Gorkha, etwa 76 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kathmandu. Von der Katastrophe waren 37 von 77 Bezirken betroffen. Vierzehn schwer beschädigte Bezirke wurden als „krisengeschädigt“ eingestuft. Das heißt, sie hatten Vorrang bei Hilfs- und Rettungsmaßnahmen.

Laut einem Regierungsbericht war etwa ein Drittel der nepalesischen Bevölkerung von dem Erdbeben betroffen. Den meisten war nicht klar, dass es noch monatelang Nachbeben geben könnte. Als tatsächlich hunderte Nachbeben eintraten – darunter auch ein schweres –, traf sie das unvorbereitet.

Etwa 9 000 Menschen kamen durch das Erdbeben ums Leben, Zehntausende wurden verletzt. Häuser, Kulturdenkmäler und Schulen wurden ebenso zerstört wie Gesundheitszentren, Wanderwege sowie Wasserversorgungssysteme und -kraftwerke. Krankenhäuser waren voll mit Toten und Verletzten, die staatliche Notfallversorgung war überfordert. Nepal ist ein armes Land, das immer noch die Folgen des jahrzehntelangen Bürgerkriegs spürt (siehe hierzu meinen Beitrag auf www.dandc.eu). Die öffentliche Hand verfügt nur begrenzt über Mittel.

So waren Überlebende in den Katastrophengebieten 2015 viel zu lange auf sich allein gestellt. Sie suchten verzweifelt nach Angehörigen, die unter den Trümmern verschüttet waren. Viele bekamen bis heute keine Hilfe, um Ängste und Traumata zu bewältigen. In den Dörfern – und selbst in den Städten – gibt es kaum Zugang zu psychologischer Unterstützung. Die psychische Gesundheit zahlloser Menschen hat daher langfristig gelitten.

Zum Glück ein Samstag

Und doch hatte Nepal in gewisser Weise Glück. Das Erdbeben ereignete sich an einem Samstag. Unter der Woche wäre die Zahl der Todesopfer sicherlich viel höher gewesen. Nach offiziellen Angaben wurden mehr als 7000 Schulen schwer beschädigt. An einem Wochentag wären sie voll mit Schülern gewesen.

Außerdem ereignete sich die Katastrophe tagsüber. Mehr als 800 000 Häuser wurden zerstört, aber viele Menschen waren im Freien. Nachts wären viele zu Hause im Bett gewesen – und damit noch gefährdeter. Nicht jedes Gebäude stürzte allerdings direkt ein. Auch im Nachgang kam es noch zu größeren Schäden.

Eine Lehre aus der Katastrophe ist, dass die Gebäude in Nepal erdbebensicher gebaut werden müssen. Dafür wurden entsprechende Gesetze verabschiedet (siehe meine Ausführungen zu Bauvorschriften auf www.dandc.eu). Die neuen Vorschriften sind sinnvoll, können aber – wie so oft in den am wenigsten entwickelten Ländern – nicht strikt durchgesetzt werden. Zudem werden sie vor allem durch informelle wirtschaftliche Aktivitäten umgangen.

Die Nachwirkungen

Mehr als 100 000 Menschen waren nach der Katastrophe gezwungen, in Notunterkünften zu leben. Berichten zufolge waren Frauen und Kinder einem hohen Risiko von Menschenhandel und Missbrauch ausgesetzt. Dieses Problem besteht seit langem (siehe meinen Aufsatz über Menschenhandel auf www.dandc.eu), und ihre Notlage machte Familien besonders angreifbar, was Kriminelle rücksichtslos ausnutzten. Wo Familien ihre Existenzgrundlage verloren, nahmen außerdem Kinderehen und Kinderarbeit zu. Unterm Strich nahmen viele Menschen langfristig Schaden, insbesondere Frauen und Mädchen.

Kurz nach dem Beben gelang es der Regierung nicht gut, verschiedene humanitäre Organisationen aus dem In- und Ausland zu koordinieren. Neben privaten und öffentlichen Einrichtungen aus Nepal waren auch UN-Organisationen und internationale zivilgesellschaftliche Organisationen beteiligt. Dennoch mussten viele Gemeinden lange auf Hilfe warten. Einige Verletzte starben, weil ihnen nicht rechtzeitig geholfen wurde, oder sie trugen schwerere Behinderungen davon, als es sonst der Fall gewesen wäre.

Besonders schlimm war die Lage dort, wo das Erdbeben die Zugangsstraßen zerstört hatte. Um indigene Gemeinschaften in den Bergen zu erreichen, brauchte es Hubschrauber, doch die waren Mangelware. Das betraf vor allem den abgelegenen gebirgigen Norden Nepals.

Schnell mehrten sich Berichte über Diskriminierung. Die nepalesische Gesellschaft ist tief gespalten (siehe hierzu meinen Beitrag auf www.dandc.eu), sodass einige Teile der Bevölkerung gegenüber anderen bevorzugt wurden. Das Dalit Civil Society Massive Earthquake Victim Support and Coordination Committee sprach von „vorsätzlicher Fahrlässigkeit“ und „Vorurteilen“.

Vielen Menschen fehlten die nötigen Dokumente, um Unterstützung zu erhalten. Oft verlangten Behörden etwa Staatsbürgerschaftsausweise oder andere Dokumente, etwa Grundbesitzurkunden. Manche hatten diese Papiere durch das Erdbeben verloren, andere hatten sie nie erhalten. So verschärfte die Naturkatastrophe bereits bestehende Ausgrenzung und vertiefte die soziale Kluft. Tatsächlich schneiden gleichberechtigtere Gesellschaften bei Katastrophenhilfe und Wiederaufbau tendenziell besser ab, weshalb es Ungleichheiten abzubauen gilt.

Verzögerter Wiederaufbau

Am 25. Dezember 2015 richtete die Regierung eine Behörde zum Wiederaufbau ein. Dennoch ging es in den folgenden zwei Jahren nur langsam voran, wie die Asia Foundation in einem 2019 veröffentlichten Monitoring-Bericht feststellte. Viele Menschen mussten in Notunterkünften oder beschädigten Häusern bleiben. Es herrschte keine Klarheit über staatliche Unterstützung und finanzielle Hilfen.

Familien, deren Häuser zerstört wurden, erhielten von der Regierung Wiederaufbauhilfen in Höhe von 300 000 nepalesischen Rupien (etwa 3000 US-Dollar) in drei Raten. Das war hilfreich. Weitere Pläne der Regierung, über das Bankensystem zinsgünstige Kredite anzubieten, scheiterten jedoch weitgehend, unter anderem weil:

  • die eigenen Anforderungen der Banken nicht zum staatlichen System passten und
  • viele Betroffene überhaupt keinen Zugang zum Finanzmarkt hatten.

Viele Familien konnten nicht auf Regierungsgelder warten. Sie begannen mit dem informellen Wiederaufbau ihrer Häuser, ohne sich an Bauvorschriften für Erdbebensicherheit zu halten. Die Maßnahmen der Regierung haben zwar geholfen, aber es wäre mehr erreicht worden, wenn sie nicht so spät gekommen wären.

Späte, aber sichtbare Fortschritte

Nach Angaben der Asia Foundation wurden jedoch bis Ende 2019 erhebliche Verbesserungen beim Wiederaufbau erzielt, und die meisten Menschen zogen in neue oder reparierte Häuser. In einem Bericht der nationalen Wiederaufbaubehörde vom Dezember 2020 wurden entscheidende Fortschritte beim Wiederaufbau von Privathäusern festgestellt. Etwa 90 Prozent der Privathäuser wurden demnach restauriert. Allerdings ist eine ganze Reihe von denkmalgeschützten Gebäuden darin nicht enthalten.

Medienberichten zufolge bestehen zwar immer noch Lücken, aber es gibt durchaus Beispiele für Projekte, die gut gelaufen sind. Siedlungen mit Wohnungen und Infrastruktur wurden fertiggestellt und an vom Erdbeben betroffene Familien übergeben.

Im Dezember 2021 veröffentlichte die Weltbank eine Bewertung des Wiederaufbaus in Nepal. Sie hob fünf Ansätze als besonders positiv hervor:

  • den Einsatz von Technologien, um die Bedürfnisse des Wiederaufbaus schnell zu erkennen,
  • einen eigentümergesteuerten Ansatz für den Wiederaufbau,
  • gezielte sozio-technische Hilfe für vulnerable Gruppen,
  • Investitionen in die Analyse der Stabilität von Schulgebäuden und
  • Wissensaustausch auf lokaler und globaler Ebene.

Sieben Jahre danach

Sieben Jahre später sprechen die Menschen kaum noch über die Katastrophe. Ihre Prioritäten haben sich verschoben, nicht zuletzt, weil die Corona-Pandemie Nepal schwer getroffen hat. Doch das Trauma wirkt nach, und die Ungleichheit ist nach wie vor groß.

Die Regierung hatte nach dem Erdbeben ihre Vision von einem besseren Wiederaufbau verkündet: Die Resilienz sollte gestärkt, Landlosigkeit verringert und Landrechte der Frauen anerkannt werden. Für viele Benachteiligte hat sich dies nicht bewahrheitet. Wären Maßnahmen schneller angelaufen, hätte mehr erreicht werden können.

Aufgrund seiner geografischen Lage wird Nepal immer durch Erdbeben gefährdet sein. Das erste aufgezeichnete Beben ereignete sich im Jahr 1255. Berichten zufolge kam dabei etwa ein Drittel der Bevölkerung des Kathmandutals ums Leben. In den vergangenen 100 Jahren trafen schwere Erdbeben das Land in den Jahren 1934, 1980, 1988 und 2011. Auch wetterbedingte Katastrophen sind keine Seltenheit. Überschwemmungen und Erdrutsche ereignen sich jedes Jahr während der Monsunzeit, aufgrund starker Regenfälle. Nepal muss daher unbedingt seine Katastrophenvorsorge verbessern, insbesondere, indem es die Widerstandsfähigkeit der armen Bevölkerung stärkt.


Quellen

Asia Foundation, 2019: Aid and recovery in post-earthquake Nepal.
https://asiafoundation.org/wp-content/uploads/2021/03/IRM-Nepal_Aid-and-Recovery-in-Post-Earthquake-Nepal-Qualititative-Field-MonitoringNovember-2019_EN.pdf

World Bank, 2019: Lessons in earthquake reconstruction: five proven approaches from Nepal.
https://www.worldbank.org/en/news/feature/2021/12/01/lessons-in-earthquake-reconstruction-five-proven-approaches-from-nepal


Rukamanee Maharjan ist Assistenzprofessorin für Recht an der Tribhuvan-Universität in Kathmandu.
rukumaharjan@gmail.com