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Kunstgegenstände

Raubkunst ist rechtmäßiger Besitz Afrikas

von Sabine Balk

In Kürze

Das Ndoome ist kein Kampfschild, sondern ein ritueller Tanzgegenstand.

Das Ndoome ist kein Kampfschild, sondern ein ritueller Tanzgegenstand.

Der Umgang mit afrikanischen Kunst- und Alltagsgegenständen aus der Kolonialzeit ist in Europa ein kontroverses Thema. Die Frage ist, ob diese Artefakte rechtmäßig in den Besitz von Museen und Sammlern gelangt sind und ob diese Objekte nicht besser ihren Herkunftsländern zurückgegeben werden sollen. Im Weltkulturen Museum Frankfurt, einem ethnologischem Museum, ist seit Oktober eine Ausstellung zu sehen, die sich mit vielen dieser Fragen beschäftigt. Antworten und Lösungen zu finden ist nicht einfach.

Die Ausstellung, die bis 9. Januar 2022 zu sehen ist, trägt ihre Intention bereits im Namen, sie heißt: „Invisible Inventories. Zur Kritik kenianischer Sammlungen in westlichen Museen“. Sie ist das Ergebnis der mehrjährigen Arbeit des „International Inventories Programme“, eines Zusammenschlusses von Künstlern und Museen aus Kenia und Deutschland sowie dem Goethe-Institut. Die Beteiligten inventarisieren gemeinsam kenianische Objekte in einer Datenbank, die in den fast 70 Jahren britischer Kolonialherrschaft außer Landes gebracht wurden und sich heute in Museen und Privatsammlungen in Europa und den USA befinden. Die Datenbank umfasst derzeit über 32 500 Objekte aus 30 verschiedenen Institutionen.

Die Ausstellung und die dadurch ausgelöste Debatte hat viele Dimensionen, die sich nicht nur auf Kenia beschränken, sondern alle kolonialisierten Länder betreffen (siehe Kasten). Am wichtigsten ist, das Thema öffentlich zu machen. Es geht darum, den kulturhistorischen Wert der Gegenstände für Deutschland und für Kenia zu bedenken, ihre kulturellen Verflechtungen und ihre jeweils spezifische Aneignung im Westen. Die Ausstellung setzt sich auch mit den Auswirkungen auseinander, die der Verlust dieser Objekte in den kenianischen Gemeinschaften ausgelöst hat.

Juma Ondeng' von den National Museums of Kenya berichtet, dass sein Team im Zuge des Projekts kenianische Ethnien wie die Kikuyu, Luo oder Kalenjin nach Herkunft und Bedeutung von Objekten befragt hätte. Dies geschah anhand von Fotos. Dabei fanden sie heraus, dass es oft gar nicht einfach ist, die Objekte zuzuordnen, weil ihre Herkunft, Bedeutung und ihr Zweck nicht immer bekannt ist. Ein Beispiel ist ein blattförmiges Holzschild der Kikuyu aus dem 19./20. Jahrhundert, genannt „Ndoome“, das im Weltkulturen Museum in Frankfurt lagert. Lange dachten die westlichen Forscher, es diente beim Kampf zur Abwehr. Im Zuge des Projekts kam heraus, dass das Schild gar nicht beim Kampf, sondern bei Tänzen und Beschneidungszeremonien eingesetzt wurde.

Ondeng' wünscht sich einen besseren Zugang zu den kenianischen Artefakten: „Wir haben zu wenig Informationen über sie. Wir haben fantastische kulturelle Hinterlassenschaften, das muss erzählt werden. Es gibt viele rituelle und kulturelle Gegenstände, die sehr wichtig für uns sind und die in Afrika besser aufgehoben wären.“

Diese Geschichte des Verlustes konnten die National Museums of Kenya besonders deutlich machen. Dort wurde die Invisible Inventories-Ausstellung von März bis Mai als Erstes gezeigt. Zu sehen waren vor allem leere Vitrinen – ein Sinnbild für die verlorenen Kunstgegenstände.

Für die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig ist das frappierend: „Die Folgen des Kolonialismus sind fatal, die Museen in Kenia sind leer, die in Deutschland und Europa voll.“ Das Weltkulturen Museum hat 870 kenianische Objekte aus dem 19. und 20. Jahrhundert und zeigt bei der Ausstellung acht davon, darunter der rituelle Tanzgegenstand Ndoome.

Die Ausstellung vermittelt nicht nur eine einzige Botschaft. Sie spiegelt nuancierte Perspektiven in einer komplizierten Debatte wider. Sie wurde von Deutschen und Kenianern mit recht unterschiedlichem Hintergrund organisiert, und sie haben sich darauf geeinigt, die Ausstellung zu ändern – zunächst im Dezember und dann noch einmal im Januar –, um die Vielfalt der Ansichten besser widerzuspiegeln.

Neben den wenigen Objekten liegt der Fokus der Schau ohnehin auf der Darstellung der Stimmen aus Kenia durch Filmmaterial und Infotexte. Ergänzt wird dies durch die Ausstellung aktueller Arbeiten kenianischer Künstler wie das Werk von Jim Chuchu und Njoki Ngumi „31,302“ – eine Sammlung schier endloser Bänder mit Versandetiketten, die sich durch alle Räume der kleinen Ausstellung ziehen. Mit diesem Werk wollen sie die Masse an Objekten und ihren unterschiedlichen Wert für die Menschen – ob monetär oder emotional – versinnbildlichen.

Wichtig ist den Ausstellungsmachern, dass Kenianer gleichberechtigt in dem Projekt sind – auch wenn per se ein Ungleichgewicht besteht, weil das Geld aus dem Westen kommt, wie Künstler Simon Rittmeier betont. Dass die Finanzierung für Afrikaner immer ein großes Problem ist und viele kulturelle Projekte daran scheitern, bedauert der Museumschef Ondeng'.


Links

Weltkulturen Museum Frankfurt:
https://www.weltkulturenmuseum.de

International Inventories Programme (IIP):
https://www.inventoriesprogramme.org


Sabine Balk ist Redakteurin von E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit /D+C Development and Cooperation.
[email protected]

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