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Editorial

Die dringendste Herausforderung

von Hans Dembowski
Die indische Regierung geht in der Armutsbekämpfung einen neuen Weg. In Kürze wird das Parlament ihren Gesetzesentwurf zum Recht auf Nahrung („Food Bill“) verabschieden. Es soll allen Indern genügend Lebensmittel garantieren. Ob das gelingt, ist nicht sicher, denn indische Behörden erfüllen ihre Pflichten oft nicht. Von Hans Dembowski

Auf alle Fälle hat die Regierung in Neu-Delhi aber einen Anreiz, etwas für die Massen der Armen zu tun. Die Kongresspartei von Premierminister Manmohan Singh wurde 2009 wiedergewählt, nachdem sie in der vorherigen Legislaturperiode das ländliche Arbeitsbeschaffungsprogramm Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Act (MGNREGA) eingeführt hatte. Es wird von den Landesregierungen zwar mit unterschiedlicher Sorgfalt und Effizienz implementiert, war aber politisch ein riesiger Erfolg. Die Regierung ist mittlerweile in Korruptionsfälle verstrickt und hofft, dass das neue Gesetz zur Ernährungssicherheit bei den Wahlen 2014 auf ähnliche Weise punktet.

Mangelernährung und Hunger sind in Indien weit verbreitet. Dabei produziert das Land eigentlich genug Nahrungsmittel für seine 1,2 Milliarden Menschen. Viele von ihnen sind jedoch zu arm, um sich leisten zu können, was sie brauchen. Ihre ungenügende Kaufkraft bedeutet, dass auch die Vertriebswege ungenügend bleiben. Bisher lohnte es sich kaum, in sie zu investieren.

Das ist in vielen anderen Weltgegenden ähnlich. Eine grobe Faustregel besagt, dass in Entwicklungsländern etwa die Hälfte der Ernte verrottet und nie auf den Teller kommt. Zuverlässigere Speicher, bessere Transportmöglichkeiten und frühere Verarbeitung wären auf doppelte Weise hilfreich: Das Angebot auf den Märkten würde wachsen, und weil mehr Menschen bezahlte Arbeit hätten, könnten auch mehr Verbraucher das zusätzliche Angebot nutzen. Wer Hunger bekämpfen will, muss vor allem dafür sorgen, dass die Kaufkraft der Armen steigt. Infrastruktur und Erwerbsmöglichkeiten müssen im ländlichen Raum verbessert werden, denn dort ist die Not am größten. Leider verschlimmern Krieg und Gewalt die Lage vielerorts – integrierte ländliche Entwicklung ist aber der beste Weg zu dauerhafter Ernährungssicherheit.

Viele Menschen meinen, weltweit nehme die absolute Armut zu. In den vergangenen Jahrzehnten war das jedoch nicht der Fall. Heute bekommt rund ein Siebtel der Weltbevölkerung von sieben Milliarden Menschen nicht genug zu essen. Vor 40 Jahren galt das für ein Viertel von knapp vier Milliarden Menschen. Der Anteil ist also kleiner geworden.

Der Mangel kann wieder schlimmer werden. Die Weltbevölkerung wächst. Sie dürfte zur Mitte des Jahrhunderts eine Höchstzahl zwischen 9 und 10 Milliarden erreichen. Laut Fachleuten muss die Agrarproduktion bis dann um 70 Prozent zulegen, um alle zu versorgen. Das liegt auch daran, dass sich mit wachsendem Wohlstand mehr Menschen Fleisch leisten, für dessen Produktion viel Getreide verfüttert werden muss. Lang wuchs die Agrarproduktivität schneller als die Weltbevölkerung, aber das hat sich umgekehrt. Spekulation und die Produktion von Agrarsprit können das Angebot zudem verknappen.

Der Treibhauseffekt wird die Probleme verschärfen, weil extreme Wetterlagen Ernten vernichten. Aktuell droht in Westafrika wegen Dürre Not. Die größte Herausforderung ist vermutlich, umweltverträgliche Wege zu finden, um die Landwirtschaft an den Klimawandel anzupassen. Die dringendste Herausforderung ist aber, ländliche Entwicklung in Gang zu bekommen.