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Globale Umweltveränderung

„Normativer Kompass“

von Dirk Messner, Hans Dembowski

Hintergrund

 “Porto Alegre has taken interesting approaches to involving citizens in public decision making”: the Brazilian city’s historical town hall.

“Porto Alegre has taken interesting approaches to involving citizens in public decision making”: the Brazilian city’s historical town hall.

Die Urbanisierung schreitet schnell voran und prägt Lebensverhältnisse weltweit. Dirk Messner vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU) warnt, der Ernst der Lage werde nicht erkannt, und macht Vorschläge, worauf zu achten ist.

Warum meinen Sie, dass die Reichweite des Städtewachstums unterschätzt wird?
Die Wucht der Urbanisierung ist gewaltig. Es geht in der Tat um globalen Wandel, der über Wohlfahrt, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Stabilität sehr vieler Menschen entscheidet. Derzeit lebt etwas mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung von rund 7 Milliarden Menschen in Städten. In den nächsten 35 Jahren wird sich die Zahl der Stadtbewohner verdoppeln. Von über 10 Milliarden Menschen werden dann gut 7 Milliarden in Städten leben. Das bedeutet enormes Wachstum in sehr kurzer Zeit. Um es plastisch auszudrücken: In den nächsten 35 Jahren muss weltweit noch einmal so viel städtische Infrastruktur geschaffen werden, wie vom Beginn der industriellen Revolution vor gut 200 Jahren bis heute entstanden ist. Auf welche Weise Ballungsräume wachsen, wirkt sich auf die gesamte Welt aus und nicht nur auf den jeweiligen Standort und seine Umgebung.

Ist das umweltverträglich zu schaffen?
Grundsätzlich schon, aber nur, wenn die neuen Stadtstrukturen anders gebaut werden, als wir es bisher gewohnt sind. Wenn wir weiter im selben Stil wie bisher Beton, Stahl und Aluminium verwenden, werden wir nur für den Bau der Städte bereits einen Großteil des Treibhausgasbudgets verbraucht haben, das mit einer Erwärmung von 1,5 Grad verbunden ist. Dann wäre die Chance, die Ziele des Klimaabkommens von Paris einzuhalten, das festlegt, die globale Erwärmung zwischen 1,5 und 2 Grad zu stabilisieren, gleich null. Dabei wäre dann kein einziges Auto auch nur einen Meter weit gefahren, die Industrie hätte noch nichts produziert und Menschen nichts konsumiert. Das Thema klimaverträgliche „Baumaterialien“ hört sich technisch und langweilig an, ist aber für den Klimaschutz zentral. Holz, Lehm und neue Baumaterialien wie Karbonfasern sind wichtig.

Was folgt daraus?
Wir müssen uns klarmachen, dass Urbanisierung in hohem Maße pfadabhängig und irreversibel ist. Städtische Strukturen und Infrastrukturen, die einmal gebaut sind, lassen sich nur schwer korrigieren, Die Zukunft wird buchstäblich betoniert und verbaut. Fehler, die in den kommenden zwei bis drei Dekaden gemacht werden, wirken sich auf viele künftige Generationen aus. Mit richtigen Entscheidungen könnten enorme Fehler vermieden und zugleich soziale Fortschritte erzielt werden, die die Wohlfahrt der Menschen verbesserten. Es gibt aber kein globales Bewusstsein für dieses Thema, das seiner globalen Bedeutung entsprechen würde.

Woran liegt das?
Das hat mehrere Gründe. Relevant ist etwa, dass Stadtforscher sich typischerweise immer mit einer spezifischen Agglomeration beschäftigen. Sie wissen dann alles über Mumbai oder über Bogotá oder das Ruhrgebiet. Diese Arbeitsteilung erschwert es, Urbanisierung aus der Perspektive globalen Wandels zu sehen. Urbane Strukturen sind sehr komplexe System und jeder spezifische Fall ist auf seine Art besonders. In der Energiepolitik sind die Probleme dagegen besser zu überschauen. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Stromerzeugungsmethoden. Die Energiesysteme, die darauf aufbauen, ähneln sich also. Städte verbinden aber vielfältige Formen von Infrastruktur miteinander. Strom, Wasser, Abwasser, Müll, Verkehr, Telekommunikation. Soziale Infrastrukturen kommen hinzu: Krankenhäuser, Bildungseinrichtungen, Versicherungssysteme. Die Wirtschaftsstruktur ist wichtig – und das reicht von kleinen Gewerbegebieten über große Industrieanlagen bis hin zu Handels- und Dienstleistungszentren. Geographie und Klima spielen auch eine Rolle – das ist alles wichtig. Es ist viel leichter, sich auf Effizienzkriterien und Emissionsgrenzen im Energiesektor zu einigen, als vergleichbar klare Richtlinien für die Stadtentwicklung zu formulieren.

Und das lähmt die internationale politische Willensbildung?
Der Vergleich, wie im Vorfeld des Klimagipfels in Paris mobilisiert wurde und wie behäbig im Vergleich dazu die Vorbereitung der Habitat-Konferenz in Quito verlief, ist aufschlussreich. Der Urbanisierungsschub ist zentral für die Klimapolitik, die viel internationale Aufmerksamkeit bekommen hat. Dennoch blieb Habitat III eine Expertenveranstaltung, von der die breite Öffentlichkeit nicht viel mitbam. Das entspricht nicht dem Ernst der Lage.

Gibt es denn klare Botschaften, die global für alle Städte gelten?
Wir haben im WBGU einen normativen Kompass formuliert, der allen Verantwortlichen helfen kann, klug zu handeln. Dabei geht es im Kern um drei Dinge:

  • Teilhabe ist wichtig. Das gilt für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Wenn Menschen in der Lage sind, Einfluss auf ihre Umwelt zu nehmen und ihr Schicksal ein Stück weit selbst zu gestalten, kommen bessere Ergebnisse, ein höheres Maß von Wohlbefinden und ein friedlicheres Miteinander zustande. Letztlich geht es um Wohlfahrt, die aber nicht einfach anhand des Bruttoinlandsprodukts zu messen ist. Städte müssen lebenswert sein – und dafür spielen Dinge wie Bildung, Mobilität aber auch ganz simple Grünflächen und öffentliche Räume eine Rolle.
  • Globale Nachhaltigkeit ist wichtig. Städtewachstum kann nur im Rahmen der planetaren Grenzen stattfinden, wenn Krisen verhindert werden sollen. Business as usual funktioniert nicht. Auch lokale Ressourcen wie Wasser, Luft, Böden müssen klug genutzt und können nicht beliebig belastet werden.
  • Die Eigenart jeder Stadt ist wichtig. Ihre besonderen Charakteristika sollten gepflegt und fortentwickelt werden. Das Wohlbefinden der Menschen hängt von der Gestaltung der Städte ab: soziale Netzwerke, Vertrauen, Sicherheit, Kommunikation, gemeinsames Verantwortungsgefühl entstehen nicht in anonymen Betonsilos oder wenn sich die Wohlhabenden hinter Mauern verstecken. Öffentliche Räume sind nötig. Wohlempfinden hat zudem viel mit baulicher Ästhetik zu tun. Die Gestaltung unserer Städte ist wichtig in einer Welt, in der bald 75 bis 80 Prozent der Menschheit in Städten leben werden.

Das klingt einleuchtend – aber ist der Dreiklang praktikabel?
Er ist zumindest insofern nicht unrealistisch, als manche Städte diesem normativen Kompass recht erfolgreich entsprechen. Stockholm und Kopenhagen sind Beispiele, aber auch Städte in Entwicklungsländern haben sich interessant entwickelt: In Porto Alegre sind erfolgreiche Formen der Bürgerbeteiligung entwickelt worden; in Mumbai haben sich Slumbewohner organisiert, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern; in Kigali sind öffentliche Plätze entstanden, die urbane Kommunikation ermöglichen. Es stimmt allerdings, dass es nur selten gelingt, eine neue Metropole in fünf bis zehn Jahren aus dem Boden zu stampfen und dabei dramatische Fehlentwicklungen zu vermeiden. Erfolgsmodelle wie etwa Brasília zeigen aber, was möglich ist. Wichtig ist, sich klarzumachen, dass gute städtische Strukturen lebendige Nachbarschaft und starke soziale Netzwerke ermöglichen. Es geht nicht darum, möglichst viele Menschen irgendwie unterzubringen und zu verwalten. Menschen sollen gut und möglichst selbstbestimmt leben können – ob das gelingt, entscheidet sich in den Städten.

Was bedeutet das für die Politik?
Es bedeutet unter anderem, dass am besten örtliche Gremien öffentliche Investitionsentscheidungen treffen sollten. Wir haben das untersucht. In Dänemark fallen 60 Prozent der Entscheidungen zu öffentlichen Ausgaben auf der kommunalen Ebene, in Kenia aber nur 1,2 Prozent. Dass der Alltag in Kopenhagen angenehmer ist als in Nairobi hat damit viel zu tun und nicht nur mit den höheren Einkommen. Generell gilt auch, dass viele kleinere und mittlere Städte besser Lebensbedingungen bieten als immer schwerer regierbare Megacities. Mit 500 000 bis 1 Million Einwohnern sind Teilhabe und Selbstbestimmung leichter zu verwirklichen als mit 5 Millionen oder gar 15 Millionen Menschen. Wir plädieren daher für solche polyzentrischen Siedlungsmuster mit mehreren vernetzten Zentren statt auf das Wachstum der Megastädte. Hier können neue Technologien helfen.

Um welche Technologien geht es dabei?
Zum Bespiel um erneuerbare Energien und Digitalisierung, die Dezentralisierung begünstigen können. Wenn diese technologischen Chancen und soziale Innovationen intelligent genutzt werden, eröffnen sich Räume für eine lebenswerte urbane Zukunft der Menschheit. Andernfalls drohen kaum korrigierbare Fehlentwicklungen, ökologische Desaster und soziale Krisen.


Dirk Messner ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) und Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE).
[email protected]


Link
WGBU, 2016: Der Umzug der Menschheit – Die transformative Kraft der Städte.
http://www.wbgu.de/hauptgutachten/hg-2016-urbanisierung/

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