D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

- keine -

Humanitäre Hilfe

Unterstützung für Klimaflüchtlinge weltweit

von Jörg Döbereiner

In Kürze

Mitarbeiter des Roten Kreuzes versorgen Überlebende des Zyklons Idai in Mosambik, 2019.

Mitarbeiter des Roten Kreuzes versorgen Überlebende des Zyklons Idai in Mosambik, 2019.

Die Klimakrise zwingt weltweit Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Ein IFRC-Bericht zeigt anschaulich, wie ihnen zu helfen ist – und wie Regierungen Katastrophen vorbeugen können.

Zu den schlimmsten bereits spürbaren Auswirkungen der Erderwärmung gehört, dass sie Menschen zu Klimaflüchtlingen macht. Damit beschäftigt sich ein Bericht der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies – IFRC) vom Oktober 2021. Mit 192 nationalen Gesellschaften und rund 14 Millionen Helferinnen und Helfern ist die IFRC nach eigenen Angaben das weltweit größte Netzwerk für humanitäre Hilfe. Der Report mit dem Titel „Displacement in a changing climate“ („Vertreibung im Klimawandel“) ist lesenswert, aus mindestens drei Gründen:

  • Er zeigt, dass es Klimaflüchtlinge überall auf der Welt gibt, sowohl in einkommensschwachen als auch in einkommensstarken Ländern.
  • Er weist darauf hin, dass sich mehrere Krisen überschneiden können und besonders großes Leid verursachen.
  • Er benennt konkrete Maßnahmen, die Helfer vor Ort ergriffen haben, um Klimaflüchtlinge in verschiedenen Weltregionen zu unterstützen.

Im Mittelpunkt des Reports stehen Fallbeispiele aus elf Ländern: Australien, Deutschland, Fidschi, Honduras, Irak, Malawi, Mosambik, Namibia, Samoa, Tuvalu und Jemen. Sie zeigen, wie die nationalen Gesellschaften der IFRC im jeweiligen Land arbeiten. Die Auflistung macht klar: Die Klimaerwärmung trifft sowohl Menschen in einkommensschwachen Ländern als auch in Industrienationen wie Australien und Deutschland. Beispielsweise mussten in Australien von September 2019 bis März 2020 zehntausende Menschen ihre Häuser und Wohnungen verlassen, darunter auch viele indigene Gemeinschaften. In Deutschland kamen bei der Flutkatastrophe 2021 mindestens 184 Menschen ums Leben, tausende Häuser wurden beschädigt.

Die Wissenschaft ist sich einig, dass mit der fortschreitenden Klimakrise solche Extremwetterereignisse sowohl häufiger als auch intensiver auftreten werden. Schon jetzt fliehen mehr Menschen vor solchen Naturkatastrophen als vor Krieg und Gewalt: Im Jahr 2020 wurden laut dem Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) etwa 30 Millionen Menschen weltweit durch Überflutungen, Stürme, Dürren oder Brände vertrieben. Vor Krieg und Gewalt flohen demnach 9,8 Millionen.

Mehrere Krisen zugleich

Vertreibung durch Klimawandel ist zwar ein globales Phänomen, aber besonders hart trifft es Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Die Menschen dort sind besonders gefährdet, das streicht auch der IFRC-Bericht heraus. Viele von ihnen kämpfen mit mehreren Krisen zugleich: Naturkatastrophen, Seuchen und gewaltsame Konflikte verstärken sich gegenseitig.

Im Jemen herrscht beispielsweise seit Jahren ein bewaffneter Konflikt (siehe Tamuna Sabadze auf der E+Z/D+C-Plattform). Covid-19 setzte dem Gesundheitssystem des Landes zusätzlich zu. Sowohl 2020 als auch 2021 kam es zu starken Überflutungen, und die humanitäre Krise verschärfte sich weiter. Hunderttausende waren betroffen, darunter viele Binnenvertriebene, die zum zweiten Mal fliehen mussten. Tausende Häuser wurden zerstört. Laut dem Bericht beinhaltete der Einsatz des Jemenitischen Roten Halbmonds unter anderem:

  • Erste Hilfe zu leisten,
  • Nahrungsmittel und Hygieneartikel zu verteilen,
  • bei Evakuierungen zu helfen und
  • psychosoziale Hilfsangebote.

Gerade wenn sowohl Flüchtlinge als auch die Gastgemeinden akute humanitäre Hilfe benötigen, sei der enge Kontakt vor Ort besonders wichtig, um Spannungen zu vermeiden, so der Report. Beispielsweise sahen sich im März 2021 hunderte Menschen aus Angola wegen einer Dürre dazu gezwungen, die Grenze nach Namibia zu überqueren. Die dortige Bevölkerung musste aber ihrerseits schon Erfahrungen mit Lebensmittelknappheit machen. Solche Situationen bergen Konfliktpotenzial. Um die Lage zu entschärfen, arbeitete das Namibische Rote Kreuz nach eigenen Angaben eng mit der Regierung zusammen. Es kümmerte sich um die Flüchtlinge, während die Regierung Lebensmittel und Saatgut an die einheimische Bevölkerung verteilte.

Präventive Maßnahmen

Der Bericht betont zudem, wie wichtig Prävention ist. Im Kern geht es darum, nicht nur Klimaflüchtlingen zu helfen, sondern dafür zu sorgen, dass möglichst wenige Menschen überhaupt erst zu Klimaflüchtlingen werden. Beispiel Tuvalu: Dem kleinen Inselstaat droht Trinkwasserknappheit aufgrund von Dürren. Das Rote Kreuz beobachtet deshalb meteorologische Vorhersagen, um das Ausmaß der Wasserknappheit auf sieben Inseln möglichst gut vorhersagen zu können. Das Ziel: gegenwärtige und künftige Auswirkungen auf die Gesundheit und die Lebensgrundlagen der Bewohner besser zu verstehen.

Katastrophenmanagement ist eine komplexe Angelegenheit. Oft sind viele unterschiedliche Behörden und zivilgesellschaftliche Organisationen involviert. Damit sie effektiv und effizient handeln könnten, brauche es eine gesetzliche Grundlage, die dies ermögliche, so der Bericht. Die Verantwortlichkeiten müssten klar verteilt sein. Außerdem könnten Gesetze und andere Regelungen die Grundlage dafür bilden, sowohl die Geflüchteten als auch die Gastgemeinden gut zu versorgen. Fallbeispiele aus Fidschi und Malawi zeigen, wie das Rote Kreuz mit Ländern zusammenarbeitet, um Katastrophenschutzgesetze anzupassen.

Eine der Empfehlungen, die der Bericht Regierungen gibt, ist denn auch, die jeweiligen nationalen Gesetzgebungen, Verfahren und Strategien auf Klimaflüchtlinge hin anzupassen. Außerdem müsse mehr dafür getan werden, dass Menschen nicht zu Klimavertriebenen werden.

Auch gegenüber Geldgebern spricht der Bericht Empfehlungen aus. Sie sollten:

  • klimabezogene Finanzierung auf flexible und leicht zugängliche Weise bereitstellen,
  • Klimafinanzierung verknüpfen mit humanitärer Hilfe, Entwicklungsausgaben und Katastrophenschutz sowie
  • die Menschen und Organisationen vor Ort unterstützen.

Unterm Strich macht der IFRC-Bericht klar, welch gravierende Auswirkungen die Klimakrise schon jetzt weltweit zeitigt. Er gibt aber auch Anlass zur Hoffnung: Die Fallstudien zeigen, dass Regierungen und zivilgesellschaftliche Organisationen in der Lage sind, die Auswirkungen von Naturkatastrophen abzumildern, wenn sie vorbereitet sind und koordiniert zusammenarbeiten. Darin werden sie wohl noch besser werden müssen – denn die Klimakrise hat gerade erst begonnen.


Link
IFRC, 2021: Displacement in a changing climate.
https://www.ifrc.org/sites/default/files/2021-10/IFRC-Displacement-Climate-Report-2021_1.pdf


Jörg Döbereiner ist Redakteur von E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit / D+C Development and Cooperation.
[email protected]

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren