D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Sommer-Special

Der Wert von 158 Sorten Blumenkohl

von Katja Dombrowski

In Kürze

Stammesältester und Samenretter Louie Hena im Tesuque Pueblo mit dem „Mutter-Mais“ in der Hand, Vorfahrin der von ihm angebauten Maissorten.

Stammesältester und Samenretter Louie Hena im Tesuque Pueblo mit dem „Mutter-Mais“ in der Hand, Vorfahrin der von ihm angebauten Maissorten.

Wir sind, was wir essen. Wir essen, was wir ernten. Wir ernten, was wir säen. Und das wird immer weniger – zumindest in seiner Vielfalt. Laut dem Film „Saatgut“ basiert die Ernährung der Weltbevölkerung heute auf nur einem Bruchteil der Pflanzen, die die Menschen in allen Ecken der Welt über Jahrtausende kultiviert haben. Und das ist ein Problem. Dieser Beitrag ist der erste unseres diesjährigen Sommer-Spezialprogramms mit Rezensionen künstlerischer Werke mit entwicklungspolitischer Relevanz.

Über Artenschwund wird viel geredet: dass Insekten massenhaft sterben, dass viele Tierarten verschwinden, bevor sie überhaupt entdeckt wurden, dass der Klimawandel Lebensräume zerstört. Doch die wenigsten Menschen dürften wissen, dass auch unser Saatgut und damit die wichtigste Grundlage unserer Ernährung verloren geht: Mehr als 90 Prozent aller Sorten von Getreide, Gemüse und anderen Feldfrüchten sind bereits verschwunden. Viele von ihnen wurden über tausende von Jahren immer weitergegeben, bis sie in der industrialisierten Landwirtschaft keinen Platz mehr hatten.

Wie viele Sorten Kohlrabi kennen Sie? Es gab mal 55, heute sind es noch drei. Artischocken kommen in gerade mal zwei Varianten daher – von einst 34. Und die Anzahl der Blumenkohlsorten ist von unvorstellbaren 158 auf acht geschrumpft. Die Zahlen stammen aus dem Film „Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen“, in dem die US-Dokumentarfilmer Taggart Siegel und Jon Betz eine Idee von dem unschätzbaren Wert unserer Kulturpflanzen vermitteln. Sie machen den enormen Verlust deutlich und erzählen die Geschichte von Menschen, die dafür kämpfen, die noch verbliebene Vielfalt zu bewahren: Indigene, Wissenschaftler und Aktivisten aus aller Welt.

Meine spontane Reaktion war: Wer braucht schon 158 Sorten Blumenkohl? Dass die noch existenten Sorten zu großen Teilen – nach der Übernahme von Monsanto – Bayer gehören, gibt mir allerdings zu denken, erst recht, wenn ich lese, worauf dieses Unternehmen bei der Zucht Wert legt. So bleibt etwa die jüngste Blumenkohl-Innovation „Curdivex“ übrig – sie ist schön weiß (verkauft sich besser) und ist leicht zu ernten (gut für den Landwirt). Generell gewinnen die Sorten, die viel Ertrag bringen und massentauglich sind. Resistenz gegen Schädlinge und lange Haltbarkeit sind ebenfalls wichtige Kriterien. Doch in Zeiten des Klimawandels werden plötzlich auch wieder Sorten wichtig, die Dürre gut vertragen können oder große Feuchtigkeit, die vielleicht weniger Ertrag bringen, dafür aber robust sind oder besonders anpassungsfähig. Früher schätzten die Bauern solche Eigenschaften. Aber heute entscheiden sie in der Regel nicht mehr selbst, welche Sorten auf den Acker kommen. Den Markt bestimmen andere.

Es überrascht nicht, dass die globalen Biotech-Konzerne in dem Film den schwarzen Peter haben. Ihnen werden Gentechnik und ausufernder Chemieeinsatz angekreidet, vor allem aber die Zerstörung der landwirtschaftlichen Produktionsweisen und Lebensgrundlagen mit nicht vermehrungsfähigen Hybridzüchtungen. Die Bauern können dieses Saatgut nicht selbst vermehren, sondern müssen es jedes Jahr neu kaufen. In Indien zum Beispiel konnten sich das viele nicht leisten, so verarmten sie und verzweifelten. Eine Welle von Selbstmorden war die Folge, wie der Film eindrücklich zeigt.

Dass nur noch ein Bruchteil der essbaren Pflanzen, die es auf der Welt gibt, genutzt werden, birgt Gefahren für die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung unter zunehmend schwierigen Bedingungen – Stichwort Klimawandel, Wassermangel, Bodenschwund. Die Hüter der Saaten, die im Film zu Wort kommen, beschreiben die Schwierigkeit ihrer Arbeit. Samen halten nicht ewig, sie müssen immer mal wieder ausgesät werden. Bei tausenden Sorten ist das eine Herausforderung. Zudem sind Samenbanken keine unverwüstlichen Festungen. Der Film nennt das Beispiel Irak, wo die US-Amerikaner im Golfkrieg der 90er Jahre bewusst die nationale Samenbank zerstört und damit einzigartige Sorten aus der Wiege der Landwirtschaft unwiederbringlich ausgelöscht hätten. Die größte und wichtigste Samenbank der Welt ist die Svalbard Global Seed Vault im norwegischen Spitzbergen. Aber zum einen lagern nicht alle Kulturpflanzen dort, und zum anderen ist nicht sicher, wie lange der Permafrost sie noch konservieren wird.

Somit ist der Appell des Films an sein Publikum, das Thema ernst zu nehmen und Saatgut zu schützen, mit Sicherheit berechtigt. Was ich dagegen tun kann, dass mein Supermarkt nur eine Sorte Blumenkohl führt, ist mir allerdings nicht klar geworden.


Film
Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen, 2016, USA, Regisseure: Taggart Siegel, Jon Betz.

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren