D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Zivilgesellschaft

„Steigender Beratungsbedarf“

von Barnim Raspe
Somalian refugee child in Ethiopia in 2007

Somalian refugee child in Ethiopia in 2007

Die EU führt nicht alle Entwicklungsprogramme selber durch, sondern vergibt viele Projekte und Aufträge. Sich dafür bei der Generaldirektion für Entwicklung und Zusammenarbeit (EuropeAid) zu bewerben, kommt für zivil­gesellschaftliche Organisationen einer bürokratischen Meisterleistung gleich. Deutschland bietet dafür Expertenrat. Eva-Maria Verfürth sprach mit Barnim Raspe von der Beratungsstelle bengo, die zu ENGAGEMENT GLOBAL gehört. Interview mit Barnim Raspe

Die EU-Beratung von bengo ist praktisch einzigartig in Europa. Wieso braucht es eine solche Einrichtung überhaupt?
Wenn die Europäische Kommission und EuropeAid sich eine engagierte Zivilgesellschaft wünschen, sie aber gleichzeitig mit vielen Bestimmungen konfrontieren, müssen sie die Möglichkeit schaffen, die Formalien zu durchblicken. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) fällt es oft wirklich schwer, die komplexen bürokratischen Vorgaben zu erfüllen, um Mittel zu beantragen. Dafür braucht man viel Wissen und Erfahrung – und das haben wir.

Wobei genau hilft bengo?
Wir sind eine Art Helpdesk, der intensive Beratung und Schulung bietet. Bei Bewerbungen auf EuropeAid-EU-Ausschreibungen helfen wir, formale und inhaltliche Mängel auszubügeln. In geringerem Maße helfen wir auch, an Gelder vom Außwärtigen Dienst der EU (EEAS) heranzukommen.

Wie verändert sich so ein Antrag durch die Beratung?
Wir versuchen uns möglichst wenig inhaltlich einzumischen und nur formell zu beraten. Aber wir prüfen auch, ob der Antrag überzeugt – ob der Text eine Idee vom Projekt vermittelt und ob ein roter Faden erkennbar ist. Wenn wir das Projekt nicht verstehen, kann das an formalen Kleinigkeiten liegen wie Abkürzungen oder an schlechter Darstellung. Manchmal kommen dadurch aber auch Inkonsistenzen zum Vorschein.

bengo hilft also vor allem, korrekte Anträge einzureichen. Richtig?
Nicht ganz. Wir unterstützen in allen drei Phasen. Zunächst ist das natürlich, die Vielzahl von Fördermöglichkeiten vorzustellen und bei der Antragstellung zu unterstützen. Wird dann der Zuschlag erteilt, kommt die Vertragsphase und damit das Einarbeiten eventueller Änderungswünsche der EU: Die EU und der Antragsteller setzen einen Vertrag mit 10 Bestandteilen und rund 100 Seiten auf. Hier unterstützen wir den Antragsteller, die Vorgaben zu erfüllen. Und auch während der Durchführung helfen wir bei Fragen zu Berichter­stattung, Vergabeverfahren, Prüfverfahren oder Mittelabfluss.

Was sind die besonderen Herausforderungen bei EU-Anträgen?
Ein großes Problem ist die Dezentralisierung: Jede der 130 EU-Delegationen – das sind sozusagen die Botschaften der EU in Nicht-Mitgliedsländern – stellt die Ausschreibungen für ihre Projekte selbst aus. Insgesamt bittet EuropeAid jährlich rund 400 Mal um Projektvorschläge – immer mit eigenen Regeln. Und die vielen Sprachen erschweren die Verfahren. Deutsche Organisationen funktionieren bei rechtlichen Dingen auf Deutsch, auch wenn sie im Ausland arbeiten. Bei EuropeAid aber ist nicht nur die Ausschreibung beispielsweise für ein Projekt in Brasilien meist auf Portugiesisch, sondern auch der Vertrag. Die Vorstände in den Organisationen können aber nicht unbedingt vier Sprachen. Eine NGO wie Terre des hommes hat bereits Verträge in mehreren Sprachen unterschrieben – aber kleine Organisationen können das nicht leisten. Zusammen mit der Ständigen Vertretung in Brüssel haben wir nun erreicht, dass mindestens die Vorlagen für die Verträge auch ins Deutsche übersetzt werden.

Welche Organisationen wenden sich an Sie?
Unter den Vereinen und Organisationen sind kleine ehrenamtliche ebenso wie große mit professionellen hauptamtlichen Strukturen. Offiziell beraten wir alle „non-state actors“ und sogar lokale staatliche Akteure. Das heißt, es sind nicht nur private NGOs dabei – wir haben auch schon einen städtischen Versorgungsbetrieb dabei unterstützt, sich auf Projekte des European Development Fund in Afrika zu bewerben. Da wir nun zu ENGAGEMENT GLOBAL gehören, werden wir auch vermehrt Kommunen beraten.

Einzelpersonen berät bengo aber nicht?
Allgemein gilt, dass nur bereits bestehende Organisationen überhaupt EU-Mittel beantragen können. Diese müssen mindestens drei Jahre Arbeitserfahrung vorweisen können. Trotzdem haben wir auch schon einem deutschen Filmemacher geholfen, der eine kleine lokale Organisation in Myanmar unterstützen wollte. Er hat den Antrag geschrieben und wir haben ihn beraten, eingereicht hat den Antrag dann die Organisation aus Myanmar. Manchmal rufen hier auch Einzelpersonen an, die eine Projektidee haben. Das ist zwar nicht unser Auftrag, aber wir erklären ihnen dann, was für die Planung nötig ist. Denn eine gute Idee zu haben, heißt nicht, dass man sie auch gut umsetzen kann. Viele Ideen sind ursprünglich zu eurozentrisch.

Was empfehlen Sie Leuten mit eigenen Ideen?
Sie sollten versuchen, sich einer bestehenden Organisation anzuschließen. Eine eigene Organisa­tion aufzubauen dauert sehr lange. Zudem müssen sie sich für jedes Projekt Partner vor Ort suchen. Eine andere Option ist, sich bei einer Organisation im Süden anzudocken. Man kann ihr anbieten, den Antrag zu formulieren – bei der EU einreichen muss ihn dann die Organisation selber.

Mittlerweile dürfen auch Organisationen aus Entwicklungsländern Anträge bei EuropeAid stellen. Doch was europäischen Trägern schwer fällt, ist für NGOs aus dem Süden sicher noch härter. Kann bengo hier auch helfen?
Grundsätzlich beraten wir nur deutsche Träger. Aber manchmal unterstützen wir indirekt Organisationen aus dem Süden. So zum Beispiel die Außenstellen der deutschen Stiftungen. Manchmal kommen auch deutsche NGOs mit Fragen zu uns, die gar nicht selber einen Antrag stellen, sondern nur Partner bei Projekten sind. Zum Beispiel haben wir das DGB-Bildungswerk beraten, das in ein Projekt des kolumbianischen Gewerkschaftsverbands eingebunden ist. Für die deutschen Organisationen ist es oft gar nicht einfach, ihren Partnern die europäische Bürokratie zu erklären. Da gibt es neben dem inhalt­lichen auch ein kulturelles Vermittlungsproblem.

Was würden Sie NGOs aus dem Süden raten, die Fördergelder beantragen wollen?
Sie müssen sich an die EU-Delegation in ihrem Land wenden. Diese gibt Auskunft darüber, welche Förderungen es gibt. Sie kennt die thematischen Schwerpunkte und weiß, welche Ausschreibungen kommen.

Ist es nicht ein Nachteil für Antragsteller aus Entwicklungsländern, mit europäischen Organisationen konkurrieren zu müssen?
Die EU gibt sich viel Mühe, das zu verhindern, und bietet verstärkt Seminare für lokale Antragsteller an, kürzlich zum Beispiel in Myanmar.

Würden Sie die EU-Beratung von bengo als erfolgreich ansehen?
Ich habe viele Beispiele im Kopf, bei denen ich überzeugt bin, dass sie es ohne unsere Beratung nicht geschafft hätten. Aber das kann ich natürlich nur vermuten. Ein gutes Zeichen ist aber auch, dass bengo in Europa immer bekannter wird. Kürzlich haben die privaten Träger von der EU gefordert, eine Beratungsstelle wie bengo europaweit einzuführen.

Gibt es also in anderen Ländern wirklich keine vergleichbaren Einrichtungen?
In England kümmert sich eine Beraterin einen Tag die Woche darum, und auch im finnischen Außenministerium gibt es eine Beraterin, die aber auch noch andere Aufgaben hat. Das ist alles. Unser Vorteil ist, dass wir schon viel Erfahrung haben, weil wir seit 1997 rund 2000 Projekte betreut haben.

Werden deutsche Organisationen Ihrer Einschätzung nach in Zukunft mehr oder weniger Beratung brauchen?
Der Bedarf an Beratung steigt. Es gibt nicht nur ständig neue Regeln, auch bewerben sich immer mehr Organisationen auf EU-Mittel. Zwar bietet die EU den Bewerbern gut sortierte FAQs und Informa­tionswikis. bengo aber macht darüber hinaus sprachlich-kulturelle Vermittlung. Wir erklären englische Ausschreibungen auf Deutsch – und zwar nicht nur deren wörtliche Übersetzung, sondern auch die Auslegung.