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Fair-trade Reisen

Nachhaltiges Reisen

von Harald A. Friedl
50 days to Timbuktu – enough time for tourists to experience the “desert silence”

50 days to Timbuktu – enough time for tourists to experience the “desert silence”

Seit den frühen Tagen des organisierten Tourismus vor 50 Jahren stellt sich die Frage, ob Urlauber den „Bereisten“ in Entwicklungsländern wirklich helfen. Die Ansichten dazu gehen extrem auseinander. [ Von Harald A. Friedl ]

Die Befürworter der „weißen“ Industrie argumentieren, kulturell interessierte, wohlhabende Reisende würden Devisen in Randgebiete bringen und helfen, Arbeitsplätze zu schaffen, indem sie regionale Dienstleistungen und Produkte kauften. So förderten sie auf umweltschonende Weise die ökonomische und soziale Stabilität – ideal also für Entwicklungsländer.

Die Gegner hingegen sehen gaffende, kulturell uninteressierte Massentouristen, die sich auf Kosten der Bereisten vergnügen und Dreck und Enttäuschung zurücklassen – also kontraproduktiv für eine nachhaltige Entwicklung sind.

Beide Positionen sind extrem vereinfachend. Tourismus bringt weder investitions- und kostenfreien Geldregen, noch sind die meisten Reisenden Kulturmonster. Für das komplexe Entwicklungsinstrument Tourismus ist vor allem das „Wie“ entscheidend.

Konfrontation mit der touristischen Kultur

Die Geschichte des Tourismus im Entwicklungsdiskurs zeigt eine große Sehnsucht nach einfachen Lösungen zur „Verbesserung der Welt“. Als das Flugzeug Ende der 60er Jahre zum schnellen und relativ billigen Massentransportmittel wurde, setzte ein historisch einmaliger Ferntourismus-Boom ein. Wer es sich leisten konnte, hatte fortan die Möglichkeit, „exotische“ Ziele kurzfristig zu erreichen.

In der Modernisierungstheorie glaubte man ­damals, „Bereiste“ würden fast automatisch davon profitieren. Die Modernisierung würde angeregt, und die Menschen würden zu Unternehmern, die ihr Land auf den Wachstumspfad der Industrieländer lenkten.

Letztlich bedeutete Entwicklungshilfe jedoch einfach die Förderung großer Hotelanlagen, wovon besonders westliche Bau- und Betreiberfirmen und die lokale Oberschicht profitierten. Die bedürftige, unqualifizierte Unterschicht musste sich mit Hilfsjobs begnügen. Die touristischen Entwicklungskosten aber, für Abfall- und Abwasserdeponien zum Beispiel, hatte die Gesamtbevölkerung zu tragen.

Hinzu kam die Konfrontation mit der touristischen Kultur. Die Touristen fotografierten, was sie konnten, und gingen halb nackt shoppen, aber kommunizierten nicht mit der lokalen Bevölkerung; das Klischee vom Tourismus als neue Form des Kolonialismus wurde geprägt.

Klischees sind wichtig, denn in ihnen steckt ein Körnchen Wahrheit und sie helfen zur ersten Orientierung. Dann aber muss differenziert werden: etwa durch die Suche nach Instrumenten, wie Tourismus zu welcher Entwicklung beitragen könnte. Das soziale System Tourismus ist ein komplexes Phänomen, bei dem viele verschiedene Elemente zusammenspielen:
– eine Kultur der Neugierde,
– ein Sehnsüchte produzierendes Mediensystem,
– Transportmittel und Hotelketten,
– Kultur-Vermittler in Gestalt von Reiseveranstaltern und Reiseleitern sowie
– Reiseziele mit ihren jeweiligen Natur- und Kultur-Attraktionen.

Überspitzt formuliert, entspricht Tourismus der gesamten Welt, die von unserer westlichen Kultur durchdrungen ist und wird.

Deshalb ist produktiver Tourismus auch so schwer erreichbar. Dennoch hält sich – auch im Tourismusland Österreich – der Mythos, ein Bett unter einem Dach würde reichen, die deutschen Gäste kämen „sowieso“ wegen der schönen Landschaft, des guten Essens und der „gemütlichen Ösis“.

Der heutige „Erlebnis-Urlauber“ tickt aber anders als der einstige treue „Sommerfrischler“ am Wörthersee. Das zeigen die vielen unterbelegten Hotels. Tourismus ist auch in hoch entwickelten Ländern eine Herausforderung und keineswegs automatisch rentabel. Im Gegenteil: Für einen profitablen Tourismus sind große Investitionen in Infrastruktur, Ausbildung von Personal und Unternehmern sowie in die Weiterentwicklung von Attraktionen nötig. Reisende suchen nicht die Natur, sondern ihre Vorstellung von Natur. Touristiker müssen die sich ständig wandelnden Bedürfnisse ihrer potenziellen Kunden bestens kennen und innovativ bleiben, um nicht unterzugehen.

Pauschaltourismus ist also kein Allheilmittel für unterentwickelte Regionen. Vielmehr machen besondere Rahmenbedingungen auch besondere Produkt­typen nötig.

Jenseits des Mainstream

Aber Tourist ist nicht gleich Tourist. So gibt es immer mehr Menschen, die keine Inszenierung suchen, sondern „authentische“ (Selbst-)Erfahrung mit fremden Kulturen und dafür auf Vier-Sterne-Komfort verzichten. Der Reisekonsum muss ökologisch und soziokulturell vertretbar bleiben, und die beteiligten Menschen im Land müssen angemessen vergütet werden.

Das ist umso wichtiger, je mehr touristische Angebote mit Hilfe regionaler Ressourcen gestaltet werden. Dazu zählen:
– regionale, umweltfreundliche Baumaterialien,
– regional erzeugte Nahrungsmittel,
– lokale Transportmittel sowie
- Nutzung traditionellen Wissens.

Was auch immer aus der Region genutzt wird, stimuliert die Nachfrage und schafft Arbeitsplätze, sei es für Feldarbeiter, Handwerker oder Esel- oder Kameltreiber, die Transporttiere bereitstellen.

Wachstumsmarkt Fair-trade-Tourismus

Das holistische Konzept des Fair-trade-Tourismus kann profitabel sein, wie seit zehn Jahren das CSR-zertifizierte Grazer Unternehmen Weltweitwandern zeigt. Es bietet umwelt- und sozialverträgliche Trekking-Reisen rund um den Globus an. Die Kunden werden von regionalen Führern geleitet, in einheimischen Herbergen untergebracht und mit landestypischen Speisen verköstigt.

Für diesen kulturell und ökologisch verträglichen Mehrwert sollen die beteiligten Familien fair vergütet werden. Im Stil der Fair-trade-Produkte werden auch soziale Projekte gefördert. Dazu zählen eine solar­betriebene Schule in Lingshed, Ladakh/Indien, oder interkulturelle Trainings für Führer aus dem Himalaja und Marokko in Kooperation mit respect, dem Institut für Tourismus und Entwicklung.

Die Kundschaft besteht weitgehend aus dem ­„LOHAS“-Segment: Lifestyle of Health and Sustainability. Sie haben genug Geld, um authentische,
gesundheitsförderliche, aber auch ethisch vertretbare Produkte zu konsumieren. Und sie sind bereit, für den „Luxus“ eines guten Gewissens mehr zu zahlen.

Diese Zielgruppe der hoch gebildeten 30- bis 60-Jährigen verfügt über relativ krisensichere Einkommen. Durch sie – schätzungsweise 15 bis 30 Prozent der westlichen Bevölkerung – wächst auch der Markt für Fair-trade-, Bio- und Ethik-Produkte und inzwischen auch für entsprechende Reiseangebote. Das erklärt den Erfolg von Weltweitwandern, das seit seiner Gründung enorm gewachsen ist, selbst während der Wirtschaftskrise. Ethik lohnt sich scheinbar doch.

Im Vergleich zum gigantischen konventionellen Fernreisemarkt ist der Fair-trade-Tourismus zweifellos ein Nischenmarkt. Aber er vergrößert sich überdurchschnittlich schnell und trägt zudem zur Verbreitung einer Unternehmens- und Konsumkultur der Wertschätzung bei.
Sozialrelevante Kriterien

Das „forumandersreisen“ illustriert sehr schön die zunehmende Bedeutung dieser Art von Tourismus. Der 1998 gegründete Verband alternativer Reiseveranstalter erlegt sich selbst strenge umwelt- und sozialrelevante Kriterien auf. Dennoch – oder gerade daher – ist die Mitgliederzahl in den letzten zwölf Jahren auf über 150 gestiegen. Gemeinsam bedienen sie über 120 000 Reiseteilnehmer. Durchschnittlich setzt jedes Mitglied des Forums jährlich 1,7 Millionen Euro um, Tendenz steigend. Dies gilt auch für die Qualität der Mitgliedschaft. Der Verband hat – gemeinsam mit Reiseveranstaltern, der Kontaktstelle für Umwelt und Entwick­lung (KATE), dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) und dem Gewerkschaftsverband UniEurope – ein einfaches und kostengünstiges Instrumentarium zur Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten, und damit zur Umsetzung sozialer Unternehmensverantwortung (CSR) im Tourismus, entwickelt. Letztlich zeigt sich die Qualität von Entwicklungsprozessen darin, ob sie Sinnvolles bewirken.

Eine besondere wirtschaftliche Rolle spielt Tourismus dort, wo er alte, in Auflösung begriffene Strukturen substituieren kann. Die Handwerker der Tuareg in der Zentralsahara etwa verloren ihre traditionelle nomadische Klientel infolge des sozialen Wandels weitgehend, fanden dann aber in Touristen eine neue kauffreudige Kundschaft.

Die Handwerker, die durch ihre Tätigkeit eine relativ liberale Randposition in der Gesellschaft einnehmen, passten sich schnell an die Geschmäcker ihrer neuen Kunden an und übertrugen Tuareg-Motive auf westliche Gebrauchsgegenstände wie Brieföffner oder Teelöffel. Das ist ein schönes, wenn auch seltenes Beispiel für innovationsfördernden Kulturtransfer durch Tourismus.

So schön der Erfolg der Schmiede als Souvenirproduzenten und -händler auch ist: Die entscheidende Herausforderung für Tourismus als Entwicklungs­instrument bleibt die Umverteilung der touristischen Einnahmen auf die Bevölkerung.

Wertschöpfung durch Kamel-Trekking

In der Tuareg-Region Zentralsahara in Niger konzentriert sich die Wirtschaftsdynamik auf das urbane Zentrum Agadez. Dort werden die Reisegruppen beherbergt, ausgerüstet und mit Kunsthandwerk versorgt. Auch einige Täler in der Umgebung werden von manchen Reiseagenturen subventioniert, da deren Bevölkerung von der traditionellen Vieh- und Gartenbauwirtschaft nicht mehr leben kann.

Dörfer profitieren nur, wenn sie entlang der klassischen Reiserouten liegen. In Timia etwa werden Mandarinen, Orangen und Trauben für den Markt in Agadez produziert und auch an passierende Reisegruppen verkauft. Meist aber umfahren die Agenturen die Dörfer bewusst. Offiziell, um ihre Kunden nicht um das Erlebnis der „Stille“ in der Wüste zu bringen, tatsächlich aber, um zusätzliche Ausgaben für Unterkünfte zu sparen.

Diese Ausgrenzungspolitik zwingt die Menschen zu teilweise unbequemen Maßnahmen: Junge Schmuckhändler etwa legen weite Strecken zu Fuß zurück, um die Reisegruppen am Rand der Ténéré-Wüste abzufangen.

Die höchste regionale Wertschöpfung bringt das Kamel-Trekking. Nomaden vermieten ihre Kamele und kaufen von dem Geld weitere Tiere. Je größer eine Kamelherde, desto rentabler und attraktiver eine Salzkarawane – und desto größer die Überlebenschancen einer Nomadenfamilie. Zugleich profitiert das traditionelle Handwerk von der Nachfrage nach Kamel-Sätteln.

Viele Trekking-Routen führen an abgelegenen Siedlungen vorbei. Das fördert behutsame Begegnungen zwischen Touristen und Tuareg, ermöglicht den Menschen aber zusätzlich auch, ihre Produkte zu verkaufen. So trägt Tourismus zur Integration und unmittelbaren Förderung der traditionellen Wirtschaft in peripheren Regionen bei.

Auch an der Vorführung ihrer Reitkunst verdienen die Nomaden. Wenn Touristen die Hirten in ihren Indigo-Gewändern auf stolzen Kamelen posierend fotografieren, ist das für viele Anerkennung und Werbung zugleich.

Anregung, sich zu engagieren

Tourismus kann auch Entwick­lungsprojekte anregen. In die Oase Timia etwa kehrten einige Besucher zurück, um zu helfen; so auch ein französischer Pensionär, der 1997 den Verein „Les Amis de Timia“ gründete. Seither laufen über diesen etliche Hilfsprojekte zur Förderung der traditionellen Wirtschaft, der Gesundheits- und Schulversorgung, aber auch einer geordneten Entwicklung des lokalen Tourismus.

Auch derartige Entwicklungsformen haben natürlich ihre Schattenseiten. Tourismus in abgelegenen Regionen ist jedoch nicht zu verhindern. Daher muss die Entwicklungszusammenarbeit sich bemühen, diesen besser zu kontrollieren und zu steuern, um ökologische und soziale Schäden zu mindern. Ideal wäre es, den bestehenden Tourismus in einen nachhaltigen umzuwandeln – eine große Verantwortung der postmodernen Entwicklungszusammenarbeit.