D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Ländliche Entwicklung

Schutz für Kleinbauern

von René Gommes, Jürgen Grieser
Vegetable gardening in Timor Leste: insurance companies need new approaches to cover subsistence farmers

Vegetable gardening in Timor Leste: insurance companies need new approaches to cover subsistence farmers

Ernteversicherungen basieren einerseits auf komplizierten Rechenformeln und anderseits auf zuverlässigen Statistiken. Nötig sind belastbare Daten über zahlreiche Variablen vom Wetter bis hin zur Produktivität. Versicherungen können Landwirte vor großen Verlusten bewahren, sie brauchen dafür Zahlenreihen, an denen es in Entwicklungsländern aber oft mangelt. [ Von René Gommes und Jürgen Grieser ]

Die Folgen eines Unwetters treffen die Bauern eines Landes in unterschiedlichem Maße. Es kommt eben darauf an, welche Pflanzen sie anbauen und wo sie das tun. Auch das Wachstumsstadium spielt eine Rolle: Jüngere Pflanzen sind meist robuster als reife. Wie verheerend ein Sturm sich auswirkt, hängt also nicht nur von seiner Stärke ab, sondern auch von der Jahreszeit und der Pflanzensorte.

Um die Risiken korrekt abzuschätzen, müssen Versicherungsunternehmen wissen, wovor genau sie ihre Kunden schützen sollen. Wie wahrscheinlich sind Verluste, und wie hoch können sie sein? Wenn genügend zuverlässige Daten vorliegen, erlauben es geeignete Rechenmodelle, Risiken auf viele Menschen und lange Zeitspannen zu verteilen. Das Geschäftsmodell ist kompliziert: Versicherungen bewahren ihre Kunden vor großen finanziellen Schäden, indem sie Beiträge kassieren und dann im Schadensfall Ausgleichszahlungen leisten. Zugleich müssen sie selbst Geld verdienen.

In reichen Ländern sind Ernteversicherungen heute weit verbreitet; nicht aber in Entwicklungsländern. Der weltweite Umsatz durch Agrarversicherungen (Ackerbau, Viehzucht und Forstwirtschaft) wurde für das Jahr 2001 auf 6,5 Milliarden Dollar geschätzt. Davon entfielen 84 Prozent auf Nordamerika und Europa, aber nur zwei Prozent auf Afrika. Asien und Lateinamerika kamen jeweils auf vier Prozent.

Dass Agrarversicherungen in Entwicklungsländern selten sind, hat mehrere Gründe. Die wichtigsten sind:
– Viele Bauern betreiben Subsistenzwirtschaft. Sie erzeugen kaum Marktüberschüsse und nehmen an der Geldwirtschaft kaum teil. Versicherungen sind aber Finanzdienstleister. Subsistenzbauern kultivieren zudem in der Regel viele Pflanzensorten und halten verschiedene Tierarten. Das verringert zwar die Ausfallrisiken, macht es aber noch schwerer, ihre Risiken monetär zu bewerten. Für die Agrarregionen der Ent­wick­lungsländer brauchen Versicherungen deshalb innovative Ansätze („Mikroversicherungen“).
– Ernteschäden sind häufig sehr groß, weil sie viele Bauern gleichzeitig betreffen. Die häufigste Ursache sind Dürren, die nicht in einzelnen Ortschaften auftreten, sondern ganze Landstriche betreffen. Deshalb ist der Gesamtschaden meist groß, selbst wenn es nur um Kleinbetriebe geht.

In gemäßigten Klimazonen sind die Risiken normalerweise geringer, weil extreme Wetterlagen dort seltener sind. Nahrungspflanzen sind zudem meist vergleichsweise billig, weshalb Versicherungen eher „Cash Crops“ wie Baumwolle oder Tabak bevorzugen.

Wachsende Bedeutung

Trotz allem nimmt die Bedeutung von Agrarversicherungen in Entwicklungsländern zu. Das liegt an mehreren Faktoren. Dazu gehören die folgenden:
– Die Weltbevölkerung steigt, und mit ihr der Lebensmittelbedarf. Die Welt muss alle Möglichkeiten ausschöpfen, um Menschen vor Hunger zu bewahren. Versicherungen gehören dazu.
– Auf allen Kontinenten erproben Landwirte neue kommerzielle Formen der Landwirtschaft. Weil ihre Abhängigkeit vom Marktgeschehen und dem Welthandel wächst, nimmt auch das Geschäftspotenzial von Versicherungen zu.
– Der Klimawandel wird in Zukunft mehr wetterbedingte Risiken mit sich bringen, und die Landwirtschaft wird das spüren.
– Da internationale Anleger zunehmend ins Agrar­geschäft investieren, steigt auch ihre Nachfrage nach Versicherungen.
– Versicherungen gelten vielen Staaten als probates Mittel zur Förderung der Landwirtschaft.

Es gibt mehrere Arten der Ernteversicherung (siehe Kasten). Jede hat Vor- und Nachteile. Alle Versicherungen neigen aber dazu, den Kunden Vorschriften zu machen, um Risiken zu mindern. Das betrifft zum Beispiel die Saatzeit oder die Auswahl trockenresistenter und weniger krankheitsanfälliger Sorten.

In jedem Fall brauchen Versicherungen solide Daten über Wetter, Erntevolumina und dergleichen mehr. Damit die Daten statistisch signifikant sind, müssen große Zeitspannen erfasst werden. Andererseits sind Zahlen, wenn sie nicht einigermaßen aktuell sind, für das laufende Agrarjahr nicht mehr relevant. In der Regel rechnen Versicherer 15 Jahre zurück.

Warum Daten fehlen

Wetterdienste sind in den meisten Entwicklungsländern mehrfach überfordert. Normalerweise sind nationale Wetter- und Gewässervorhersagen kommerziell ausgerichtet, die Messstationen stehen also nicht im „Nirgendwo“. Wo die Luftfahrt zu den wichtigsten Kunden der Meteorologen gehört, werden Daten in Flughafennähe erhoben. Deshalb gibt es für Großstädte meist recht umfangreiche Sta­tistiken, nicht aber für den ländlichen Raum. Viele Staaten halten zudem ihre meteorologischen Sta­tistiken unter Verschluss. In der Praxis stehen für Agrargebiete die nötigen Informationen oft nicht zur Verfügung.

Seit dem Ende der Kolonialzeit haben viele Länder ihre Wetterdienste vernachlässigt. Vielerorts waren die Volkswirtschaften zu schwach, um diese Art öffentlicher Infrastruktur zu sichern. Die Datenlage ist deshalb für die 1960er Jahre in vielen Ländern besser als für die vergangenen beiden Jahrzehnte. Zum Teil gingen Daten für immer verloren. Wegen des Klimawandels werden aktuelle Messreihen aber immer wichtiger, es hat keinen Sinn, aus alten Daten zu extrapolieren.

Indirekte Verfahren können direkte Messungen in gewissem Grad ersetzen. Computersimulationen werden immer besser. Stochastische Wettergeneratoren ­liefern auf dem Rechner zahlreiche Daten. Auch Satellitentechnik kann hilfreich sein. Für stichhaltige Berechnungen sind aber stets auch direkte Beobachtungsdaten nötig.

Mathematische Verfahren

Agrarversicherungen beruhen normalerweise auf einer mathematischen „Ertragsfunktion“. Diese wird aus echten Daten abgeleitet und erlaubt Rückschlüsse darüber, wie sich welches Wetter auf welche Ernten auswirkt. Wieder sind umfangreiche Daten nötig. Die Versicherungswirtschaft hat nicht für jede Art von Umwelt, Pflanzenkultur und Unwetter eine passende Ertragsfunktion. Wie bei der stochastischen Wetterberechnung geht auch hier ohne direkte Beobachtungsdaten wenig.

Erntedaten sind leichter verfügbar als Wetterdaten, denn die meisten Staaten veröffentlichen Ernte- und Produktionszahlen. Allerdings führen nur wenige Entwicklungsländer zuverlässige Statistiken auf regionaler und lokaler Ebene. Die Regierungen erheben Stichproben, um nationale Daten hochzu­rechnen. Es ist sehr schwierig, Ertragszahlen auf der Ebene eines Dorfes oder einer Ortschaft zu bekommen. Solche Zahlen wünschen sich Versicherungen aber.

Hohe und geringe Risiken

Geringe Risiken lassen sich meist mit herkömmlichen Mitteln mathematisch modellieren, weil ihre Folgen leicht abzuschätzen sind. So führt beispielsweise eine leichte Trockenheit dazu, dass Pflanzen langsamer wachsen und die Erträge entsprechend sinken. Aber die Pflanzen sind intakt, und es gibt eine Ernte.

Extreme Wettergefahren lassen sich viel schwerer modellieren. Sie zerstören Ackergut, bis hin zum totalen Ernteausfall. Manchmal erholen sich einige Pflanzen auch, sind dann aber wiederum anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Solche Risiken lassen sich viel schwieriger in mathematische Formeln fassen als durch Wassermangel gehemmtes Wachstum.

Immer wieder erschwert Datenmangel die korrekte Abschätzung der Folgen. Weil extreme Wetterlagen selten sind, ist die Datenbasis ohnehin dünn. Obendrein haben im Katastrophenfall die Menschen andere Sorgen, als Agrarstatistiken fortzuschreiben. Selbst landwirtschaftliche Forschungszentren unterbrechen dann häufig ihre Arbeit, so dass wertvolle Referenzdaten verlorengehen.

Um genaue Ertragsfunktionen aufzustellen, braucht man Datenbanken, die Informationen zusammenführen über:
– Bewässerung,
– Düngemittel,
– Erntestadien,
– Anbaugebiete sowie
– Schädlinge und Krankheiten.

Die Informationen müssen aktuell sein und mit statistischen Referenzwerten abgeglichen werden. Die Satellitenüberwachung bietet große Chancen; sie liefert allerdings nur ergänzende Werte, die ohne feste Datenbasis wenig nützen.

Fazit

Ernteversicherungen sind ein wichtiges Instrument, um Kleinbauern vor Schaden zu bewahren. Allerdings ist das Geschäftsmodell kompliziert und funktioniert nur dort, wo Wetterdienste eine solide Datengrundlage bereitstellen. Hilfreich sind auch staatliche Agrarberatungsdienste. Insgesamt brauchen die Entwicklungsländer umfassende Strategien, um Risiken vorzubeugen.