D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

- keine -

Haushaltshilfe

Harte Arbeit, neue Möglichkeiten

von Eva-Maria Verfürth
Frauen vom Land schuften in lateinamerikanischen Großstädten als Dienstmädchen in reichen Haushalten. Einigen gelingt es, diesen Job als Sprungbrett für berufliche Verbesserungen zu nutzen. Manche Binnenmigrantinnen in Guatemala-Stadt schaffen so den Aufstieg zur Krankenschwester, Lehrerin oder Sozialarbeiterin. [ Von Eva-Maria Verfürth ]

„Ich bin ein Vorbild für meine Schwestern“, erzählt María (zum Schutz der Person werden nur die Vornamen genannt). „Sie haben gesehen, dass ich Geld verdiene und studiere. Deshalb kommen sie jetzt auch in die Hauptstadt und suchen sich Arbeit.“

María redet von einer Arbeit, die auf den ersten Blick kaum empfehlenswert scheint: Vierzehn Jahre hat sie in Guatemala-Stadt als Dienstmädchen gearbeitet, hat für fremde Leute gefegt, gewienert, gewaschen. Sechs Tage die Woche, bis zu sechzehn Stunden täglich.

Um der Armut zu entkommen, hatte sie mit elf Jahren beschlossen ihr Dorf zu verlassen. Als sie in Guatemala-Stadt ankam, kannte sie niemanden und die Stadt war ihr fremd. Sie sprach kaum Spanisch – weil auf ihrem Dorf fast ausschließlich eine indigene Sprache gesprochen wurde. Sie wurde als Haushaltsarbeiterin angestellt: Ihre ersten Arbeitgeber zahlten ihr 2,50 Euro im Monat, ihr Zimmer war voller Ungeziefer und sie bekam nur wenig zu Essen. Von Arbeitsrechten hatte sie noch nie gehört.

Heute sieht ihr Leben ganz anders aus: María muss nicht mehr in fremden Haushalten arbeiten. Sie hat neben der Arbeit ihren Schulabschluss gemacht und studiert nun Sozialarbeit an der staatlichen Universität. Spanisch spricht sie längst fließend, in der Stadt bewegt sie sich sicher. Nach dem Studienabschluss will sie in ihr Dorf zurückkehren und sich für die Frauen vom Land einsetzen.

Auch andere Frauen vom Land schaffen dank Bildungschancen neben der Arbeit im Haushalt oder durch kleine Ersparnisse einen beruflichen Aufstieg. Typisch ist ihr Schicksal nicht. Für viele Hausarbeiterinnen ist der erste Job schon die Endstation. Krankheit, psychische oder familiäre Problemen, Misshandlung durch den Arbeitgeber oder einfach nur geringes Selbstbewusstsein: Es gibt viele Gründe, warum viele Frauen es nicht schaffen, sich von der Arbeit im Haushalt wieder zu lösen.

Besser als zu Hause

In Guatemala arbeiten schätzungsweise acht Prozent aller Frauen als Hausarbeiterinnen. Sie sind rechtlich praktisch nicht geschützt. Laut Guatemalas Arbeitsgesetz ist „die Arbeit im Haushalt weder an eine Arbeitszeitordnung gebunden noch unterliegt sie Bestimmungen zur täglichen Arbeitszeitbegrenzung“. Lediglich zehn Stunden Ruhezeit und ein freier Tag in der Woche stehen Hausangestellten offiziell zu. Doch in den privaten Haushalten werden diese minimalen Arbeitsrechte und selbst grundlegende Freiheitsrechte regelmäßig missachtet.

Trotz der harten Bedingungen entscheiden sich jedoch gerade junge Frauen vom Land oft für diese Arbeit. Sie wollen so der Armut und Perspektivlosigkeit in den Dörfern entrinnen. Diese Jobs können sie auch ohne Schulbildung verrichten und sie sichern zumindest Unterkunft und Verpflegung.

Die meisten Hausarbeiterinnen kommen aus den ländlichen Regionen Guatemalas. Hier leben 75 Prozent der unter 18-Jährigen in Armut – 28 Prozent sogar in extremer Armut. Welche Zukunft ihnen das Dorfleben bietet, wissen sie genau: Sie werden nur kurz oder gar nicht zur Schule gehen, jung verheiratet und sollen viele Kinder groß ziehen.

Aber auch Probleme mit der Familie oder der Dorfgemeinschaft zwingen einige Frauen, ihr Dorf zu verlassen. Petrona zum Beispiel wurde nicht mehr in ihrem Dorf geduldet, als Gerüchte aufkamen, dass sie einem Nachbarsjungen zu nahe stehe. Isabel verließ ihre Familie nachdem sie vergewaltigt worden war – ihr Vater hatte gedroht sie umzubringen, sollte sie vor der Ehe ihre Jungfräulichkeit verlieren.

Verglichen mit diesen Bedingungen bietet die Arbeit in der Stadt den Frauen zumindest einen kleinen Vorteil: Sie können kündigen, wenn es unerträglich wird.

„Meine Schwestern haben geheiratet und haben acht oder neun Kinder gekriegt“, erzählt Lucía. „Manchmal haben sie nichts zu essen – sie leiden mehr als ich. Sie werden schlimmer misshandelt als ich.“ Wenn sie selbst irgendwo schlecht behandelt werde, kündige sie. „Aber wer verheiratet ist, kann sich nicht mehr vom Mann trennen.“

Vieles ändert sich für die Frauen in der Stadt. Zum ersten Mal verdienen sie Geld, über das sie selber verfügen können. Der Monatslohn von Hausarbeiterinnen beträgt umgerechnet zwischen 50 und 150 Euro, Unterkunft und Essen sind im Haushalt der Arbeitgeber frei. Das scheint wenig, ist aber bemerkenswert viel, verglichen mit dem durchschnittlichen Monatslohn für Frauen im ländlichen Raum, der in Guatemala 58 Euro beträgt – ohne Unterkunft und Essen. Zudem können diese ihre Einkünfte oft nicht einmal selbst behalten, sondern müssen sie an den Ehemann abliefern.

In der Stadt gibt es viele Abend- und Wochenendschulen für berufstätige Erwachsene, die sich die Hausarbeiterinnen mir ihrem Gehalt leisten können. In einem halben Jahr Sonntagsunterricht können sie ein ganzes Schuljahr nachholen.

Einkommen und Bildung können die Grundsteine für eine berufliche Veränderung sein. Mit etwas gespartem Geld können sich die Frauen eine eigene Existenz aufbauen, mit einem Schulabschluss qualifizierter Arbeit nachgehen. Doch sie müssen ihre Chancen erst erkennen. Auch dafür liefert die Arbeit eine wichtige Voraussetzung: Hier lernen sie ein neues Frauenbild kennen.

Ihre Arbeitgeberinnen leben den Hausarbeiterinnen ein neues Frauenmodell vor. Sie sind gut ausgebildet und gehen qualifizierten Berufen nach. Den meisten Hausarbeiterinnen war bis dahin gar nicht bewusst, dass auch Frauen studieren und qualifizierte Arbeit leisten können.

„Wir Frauen gehen nicht zur Schule, weil wir in einer Gesellschaft leben, die uns keine Vorstellung davon lässt, dass auch wir Frauen etwas leisten können. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen zu studieren“, erklärt Aura, die heute als Projektassistentin in einem Ministerium arbeitet. Hätte sie nicht an ihrem ersten Arbeitsplatz diese andere Art von Frauenleben beobachtet, hätte sie selbst kaum die Schule abgeschlossen.

Ähnlich wie Aura beginnen viele Frauen in der Stadt neue Ziele zu entwickeln. Sie möchten nun ein eigenes Geschäft eröffnen, möchten Krankenschwester werden, Politikerin, Lehrerin. „Ich denke jetzt anders", meint María dazu. "Ich habe nicht mehr dasselbe Lebensmodell wie die Leute vom Land.“

Die einzige Chance

Viele der Hausarbeiterinnen werden ihre Wunschziele jedoch nicht erreichen, so wie es Marìa und Aura getan haben. Es erfordert viel Disziplin und Energie das wenige Geld, das am Monatsende übrig bleibt für die Schule und den einzigen freien Tag in der Woche für Unterricht zu opfern.

Diejenigen unter ihnen, die bedingt durch die harte Arbeit, schlechte Behandlung oder gar sexuelle Übergriffe geschwächt sind, werden oft nicht die Kraft aufbringen, so eisern für eine Verbesserung zu kämpfen. Und diejenigen, die lange Arbeitslosigkeit überbrücken, die Behandlung von schweren Krankheiten zahlen oder ihre Familie unterstützen müssen, werden kein Geld sparen können.

Es ist eine kleine Chance, die sich den Frauen durch die Abwanderung in die Stadt eröffnet: Die Chance, es durch harte Arbeit, viel Verzicht und etwas Glück zu einem besseren Beruf zu bringen. Für diese Frauen, die aus schwierigsten Lebensbedingungen geflohen sind, ist es allerdings die einzige Chance auf ein besseres Leben.