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Kulturschaffende

Von der Wichtigkeit, gehört zu werden

von Hilda Twongyeirwe Rutagonya
Die Geschichten, die afrikanische Frauen erzählen, gehören zur Geschichte der Gesellschaft und der Nation. Sie können auch recht politisch sein, denn oft legen sie heikle soziale Themen offen wie etwa die weibliche Genitalverstümmelung (FGM), Vergewaltigung oder Ungerechtigkeiten in der Rechtssprechung. mit denen Frauen in weiten Teilen des Kontinents konfrontiert sind. Dennoch dominieren in Uganda – wie in vielen anderen Ländern – Männer die Literaturszene, nur wenige Frauen werden überhaupt veröffentlicht. 1995 wurde der Verband ugandischer Schriftstellerinnen, Femrite, gegründet, um Frauen zu fördern, zu unterstützen und zu publizieren. [ Von Hilda Twongyeirwe Rutagonya]

Mary Karoro Okurut, Lektorin in der Literaturwissenschaftlichen Abteilung der Makerere Universität in Kampala, war tief erschüttert als sie feststellte, dass weder an der Uni noch in literarischen Kreisen in Uganda die Stimmen weiblicher Autoren zu hören waren. 1995 gründete sie Femrite, um das zu ändern.

Es gab zwar bereits eine Handvoll Frauen, die schon Arbeiten veröffentlicht hatten, aber sie waren kaum wahrzunehmen. Die Männer dominierten die Literaturszene. Die meisten Romane, Stücke, Gedichte und sonstige Lektüre auf den Lehrplänen von Unis und Schulen waren von männlichen Autoren. Bis zum heutigen Tag steht keine ugandische Schriftstellerin auf einer dieser Listen.

Literatur ist Teil der Kultur. Die literarische Stimme einer Frau ist relevant, weil sie die Geschichte der Frau als Teil der Geschichte der Gesellschaft erzählt. Dem Commonwealth Culture Tool Kit zufolge werden kulturelle Themen auf der politischen Agenda immer wichtiger. Den kreativen Bereichen wird mehr denn je auch wirtschaftlich eine zunehmende Rolle zugestanden. Es sollte dringend genaue hingeschaut werden, wie eine derartige Industrie am besten unterstützt werden kann, um auf die Entwicklung eines Landes einzuwirken (Commonwealth Foundation 2007).

Literatur, als Fiktion wie auch als kreative Non-Fiktion, ist ein entscheidender Bestandteil der sozio-politischen Entwicklung. Menschen werden unter anderem durch das geprägt, was sie gelesen haben. Was wir lesen, bildet einen Großteil unseres Wissens- und Informationssystems, welches wiederum unsere Einstellungen und unser Herangehen an die Dinge beeinflusst. Die sozio-politische Agenda wird ebenfalls aus den verschiedenen Quellen gespeist, so auch aus der Literatur.

Wie Irene Staunton von der Beaver Press in “Courage and Consequence” andeutet, bilden gute Literatur und gute Fiktion einen Teil des Nationalerbes, eine Reflektion ihrer Gesellschaft, Kultur und Geschichte (African Books Collective: 2002). Wenn also die Stimmen der Frauen in der Literaturszene nicht zu hören sind, fehlt ein Teil der Geschichte. Um die Geschichte Ugandas zu vervollständigen, trainiert und schult Femrite die kreative Schreibfähigkeit von Frauen, veröffentlicht ihre Arbeiten und setzt sich dafür ein, dass sie auf der nationalen Agenda einen literarischen Raum erhalten.

Sozio-politische Schwingungen

Bisher steht keine einzige ugandische Autorin auf dem Lehrplan einfacher oder weiterführender Schulen. Aber wer legt das fest? Manche Rezensenten von Femrite-Büchern werfen den Femrite-Mitgliedern vor, über Frauen- und häusliche Themen zu schreiben statt über wichtigere Dinge wie Politik. Aber was ist nicht politisch an Frauenthemen?

Politik ist subtil. Wenn wir uns bemühen, finden wir sie auch in den scheinbar simplen Frauengeschichten, etwa über eine Frau, die im Gefängnis immer wieder vergewaltigt wird (Beyond the Dance; Femrite; 2009), oder über weibliche Gefangene, die sich einen einzigen Stofftampon teilen (Milking a Lioness; Karoro Okurut; 2001), oder über ein junges Mädchen, das vor Gericht ihre Vergewaltigung beschreiben und beweisen soll (Pumpkin Seeds; Femrite 2009); darüber, wie das Gesetz wegschaut, wenn eine junge Witwe von den männlichen Verwandten ihres Mannes nackt ausgezogen wird, weil sie nicht zum Clan gehört (A Woman’s Voice; Femrite 1999). Oder eben die Geschichte über eine Witwe, der unterstellt wird, HIV/AIDS zu verbreiten (Tears of Hope: Femrite 2003).

All diese Geschichten sind es, die eine sozio-politische Dimension in die Frauenliteratur bringen. Demere Kitunga schreibt in APNET News Vol.11 No 6, dass kreatives Schreiben kein neutraler Prozess sei. Der kreative Schreiber nutze seine Erfahrungen, persönlichen Werte und Ideologien, um ein fiktives Werk zu schaffen. Jede Geschichte ist daher wichtig und sollte Gehör finden, um zur Entwicklung beizutragen.

Der aktuelle Lehr- und Prüfungsplan für Schulen in Uganda umfasst folgende Schriftsteller: Timothy Wangusa, Austin Bukenya, John Ruganda, Julius Ocwinyo, und Okot p Bitek. Ein kleiner Erfolg für Femrite ist es, dass einer der zwei gelisteten Texte von Frauen von Regina Amollo stammt, deren Buch A Season of Mirth (1999) von Femrite veröffentlicht wurde. Die andere Autorin ist Connie Hab’lyemye.

Es ist sehr wichtig für ugandische Autoren, auf dem Lehrplan aufgeführt zu werden, weil am meisten in Schulen gelesen wird. Es ist schwer, gegen die von der Buchindustrie beklagte kümmerliche Lesekultur anzugehen, wenn die Schulen die Bücher nicht kaufen. A Season of Mirth gehört, obwohl nicht auf der Leseliste, zu Ugandas literarischem Erbe und zum nationalen literarischen Dialog innerhalb des Schulsystems.

Möglichkeit, sich auszudrücken

Damit ugandische Schriftstellerinnen ihre Geschichten mit einem gewissen Wettbewerbsgeist schreiben, veranstaltet Femrite gelegentlich Workshops, in denen die Frauen lernen, mit Stimme und Zensur umzugehen. Gerade hat die Organisation ein Projekt mit REACH, einem gemeindebasierten Programm in Ostuganda zur Abschaffung von schädigenden Praktiken wie der Genitalverstümmelung und zur Stärkung von Mädchen und Frauen, abgeschlossen. Als Claudia Chekwoti von REACH die Geschichten las, rief sie: “Oh mein Gott, diese Frauen beschreiben alles!”. Das ironisch schöne Buch Beyond the Dance ist ein Katalog des Bösen gegen die Weiblichkeit. Es beschreibt den wilden Krieg gegen die Sexualität der Frau.

Viele von uns haben von Genitalverstümmelung gehört, aber es wird als etwas betrachtet, das sich an düsteren Plätzen weit weg von uns abspielt. In der afrikanischen Gesellschaft werden Frauen zum Schweigen erzogen – das kreative Schreiben wird damit zu einer bedeutenden Ausdrucksform. Femrite nutzt das Buch Beyond the Dance, um in Gemeinden, in denen Genitalverstümmelung praktiziert wird, gegen diesen Brauch vorzugehen.

Mädchen und Frauen sollen es lesen, damit die verworrenen Botschaften um dieses Thema herum demystifiziert werden. Es wendet sich auch an Männer, damit auch sie sich gegen diesen Brauch wenden und sich dafür einsetzen, eine intakte Frau zu haben.

Zudem erhalten Aktivistinnen und politisch Verantwortliche daraus Informationen aus erster Hand. Beyond the Dance ist das fünfte non-fiktive kreative Werk, das Femrite veröffentlicht hat. Weitere Bücher sind:
– Tears of Hope, worin es um ugandische Frauen und ihre Erfahrungen mit gender-insensitiven Gesetzen geht,
– I dare to Say, erzählt von Stigmatisierung und anderen schrecklichen Erfahrungen von Frauen mit HIV,
– Farming Ashes, schildert Erfahrungen von Frauen in bewaffneten Konflikten, insbesondere in Norduganda,
– Today You Will Understand, sind Radiobeiträge, die gemeinsam mit IRIBN produziert wurden und sich ebenfalls mit den Erlebnissen von Frauen in Norduganda befassen.

Diese Art kreativer Non-Fiktion soll marginalisierte Frauen hörbar machen. Sie werden auch zur Lobbyarbeit für gendersensitive Anpassungspolitiken genutzt. In den nächsten beiden Veröffentlichungen geht es um Frauen in Gefängnissen und um Implikationen des Klimawandels für Frauen.

Begegnung mit Schülern

Um eine nachhaltige literarische Gemeinschaft in Uganda zu schaffen, organisiert Femrite Besuche von Schriftstellern in Schulen. Das ist wichtig, denn die meisten jungen Menschen betrachten Bücher und ihre Verfasser als etwas Fremdartiges, weil die meisten Bücher, die sie kennen, nicht von Ugandern geschrieben wurden. Wenn sie mit ugandischen Schriftstellern in Kontakt kommen, erfahren sie, dass auch sie Schriftsteller werden könnten. Daher organisiert Femrite auch Poesie-Wettbewerbe und zeichnet die Gewinner aus.

Bei ihren Besuchen in weiterführenden Schulen verteilt Femrite Lesematerial wie Romane, Kurzgeschichten und Gedichte. Rund 100 Grundschüler besuchen täglich die gemeinsam mit dem National Book Trust of Uganda betriebenen Lesezelte. Lehrer können in Workshops lernen, Lesen zu lehren.

Um eine gesamtafrikanische literarische Bewegung über ein Netzwerk von Schriftstellerinnen-Verbänden zu begründen, organisiert Femrite auch Literaturfestivals, mit öffentlichen Lesungen, Buchvorstellungen, Literaturseminaren und Diskussionsrunden, zu denen auch andere afrikanische Schriftstellerinnen eingeladen werden (siehe Kasten).

Den Mitgliedern ist bewusst: Als erfolgreiche Schriftstellerin muss man professionell schreiben und integer sein, um keine Probleme mit Plagiaten, Urheberrechten und dergleichen zu bekommen. Schwesternschaft ist der Wert, der die Mitglieder verbindet und dazu bewegt, aufeinander zu achten und sich gegenseitig zu ermutigen, ihre beruflichen Ziele zu verfolgen.